Herbert Hrachovec
Landkarten sind Interpretationen der räumlichen Verhältnisse, die uns umgeben. Sie dienen bestimmten Zwecken, auch wenn sie als objektive Orientierungshilfen angeboten werden. Dagmar Reichert hat, um das plausibel zu machen, in ihrem Beitrag zu dieser Vorlesungsreihe mehrere Geschichten erzählt. Eine betrifft das grandiose Selbstbewußtsein, mit dem in der Frühzeit Europas ein Zirkel um die Welt gezogen wurde.
Im Zentrum Griechenland, in der Erweiterung die Landstriche des Mittelmeerraumes, dann die Barbaren und ganz draußen, als umfassender Gürtel, der Ozean. Die eurozentrische Ausrichtung hat Weltgeschichte gemacht, aber sie verliert an Überzeugungskraft. Ich borge mir einen 1957 von Konrad Bayer verfaßten Text, um das zu diskutieren. Er nennt sich ,,das märchen von den bildern``.
auftritt der könig der aussieht wie hubert aratym und sagt zu schneewittchen die aussieht wie sigrun fröhlich: <<schleich dich!>> weinend verläßt schneewittchen, sie ist aus oberösterreich, den palast der aussieht wie die das cafe hawelka und betritt den park des schlosses der aussieht wie die alte donau die lange kristallblaue schleppe hinter sich herziehend die aussieht wie das gänsehäufel. vögel die aussehen wie paradeiser zwitschern in den ästen die aussehen wie das fernsehen. plötzlich bleibt schneewittchen stehen und hebt ein goldenes ringlein das aussieht wie ein ozeandampfer aus dem schnee der aussieht wie der wiener kurier. da erhebt sich vor ihren augen die aussehen wie der herr theo ein ritter der aussieht wie das grosse einmaleins in der erde die aussieht wie ein rezept für apfelstrudel und erhebt sich in die lüfte die aussehen wie mein seliger großvater.![]()
Die Mitte dieser Welt ist offenbar das Wiener Künstlermilieu, aber darum herum hat sich doch einiges verändert. Bilder lagern sich für gewöhnlich als Geleitschutz an Handlungsverläufe an. Sie sind ein gutes Mittel, fremdartige Verhältnisse in den Bann der Analogie zu ziehen. Konrad Bayer zelebriert die Zerrüttung dieser Strategie. Die meisten seiner Vergleiche passen nicht, die zwischen ihnen postierten Personen fallen ins Bodenlose. Bayers kognitive Landkarte gleiht eher -- Achtung, ein Vergleich -- psychedelischen Rauschzuständen. Nun gut, könnte man sagen, Poesie bietet diese Freiheiten. Die Herstellung von Texten, die kreuz und quer durch den Imaginationsraum führen, ist das schlecht bezahlte Privileg einer gesellschaftlichen Minderheit. Aber das ist mittlerweile komplizierter.
,,das märchen von den bildern`` könnte als Drehbuch einer Computeranimation dienen. Die Darstellung eines ,,goldenen ringleins das aussieht wie ein ozeandampfer`` oder von ,,schnee der aussieht wie der wiener kurier`` gehört im MTV zum täglichen Geschäft. Ältere Kunstformen bieten großartige Phantasmagorien, in denen die gewohnte Welt ganz aus den Fugen gerät. Konrad Bayer weist voraus auf ein technischeres Verfahren. Mit jeder Bildeinstellung bricht der Vergleichszwang -- und dennoch besteht der Text aus lauter Assimilationen. So ähnlich verlangt es die Ästhetik digital hergestellter Videos. Da sie keinen Anhalt in einer Sache haben, gewinnen sie Konsistenz, indem sie Schritt für Schritt den Bildgehalt verraten. Ihre Welt hängt nicht durch Ähnlichkeit zusammen, sondern durch deren systematische Verschleuderung. Der Zusammenhalt wird eine Stufe höher, durch den Einsatz von Graphikprogrammen, garantiert. Durch ihre algorithmischen Transformationen gewinnen bildliche Darstellungen eine Flexibilität, die sie bisher nur Imaginationen hatten. Vögel sind superschnell in Tomaten, in Äste, in das Fernsehen umzurechnen. Bisher habe ich von (fehlenden) Verknüpfungen in fertigen Kunstprodukten gesprochen. Doch mein geliehenes Märchen deutet aus diesem Kreis.
Die Formel ,,... das aussieht wie ... `` fungiert als Schaltelement eines fröhlich-desorientierenden Hypertexts. Sie sabotiert lineare Abläufe und stellt die Möglichkeit bereit, von jedem Punkt der Vorlage zu beliebigen anderen Stellen im Vorstellungsbereich zu springen. Unbetroffen von den Inhalten, die sie in Beziehung setzt, bestimmt sie den Text als Textur mutwillig unkonventionell verwobener Elemente. Der Surrealismus ist Pate gestanden, das ,,World Wide Web`` läßt grüßen. Dieses Gewebe entsteht zwischen Millionen von Computern, die -- durch bestimmte Übertragungsprotokolle verbunden -- neben anderen Formen des Datenaustausches miteinander Hypertext produzieren können. Schneewittchen ist aus Oberösterreich, dorthin kann sofort ein Verweis eingerichtet werden: geographische Lage, Hauptstadt, attraktive Bilder aus den Urlaubsgebieten. Der Palast sieht aus wie das Cafe Hawelka -- ein Seitensprung zur Wiener Kaffeehaustradition und Interviews mit einigen Literaten. Wenn Sie die Inhalte des ,,Webs`` studieren, werden Ihnen diese Assoziationen nicht als Karikatur erscheinen. Wirklichkeit hat die Dichtung eingeholt. Das hat Folgen für Landkarten.