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Drei ,,Mailing Lists''

Die Ende 1994 eingerichtete ,,GIVE-L'' war eine der ersten deutschsprachigen ,,mailing lists'' auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften.gif Sie entstand im Kontext einer Lehrveranstaltung an der Universität Wien und bezog ihren Namen von einem durch Marshall McLuhan inspirierten Forschungsprojekt mit dem Titel ,,Globally Integrated Village Environment''. Diese Bezeichnung verrät bereits die theoretischen Voraussetzungen des Unternehmens. Es wollte prüfen, inwiefern sich die ambitionierte Perspektive einer planetarischen Informationsgesellschaft ansatzweise (lokal) realisieren läßt. Die Diskrepanz zwischen eingesetzter Technik und Versuchsgruppe war unübersehbar. Zirka 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Lehrveranstaltung, ungefähr 50 Subskribenten aus dem universitären Umfeld und noch einmal so viele Interessentinnen aus aller Welt trugen sich im Verlauf ihres nicht ganz zweijährigen Bestehens in die GIVE-L ein. Ihre Entwicklung war von der Verwunderung darüber begleitet, daß ein verhältnismäßig einfaches Programm einer kleinen, ortsgebundenen Gruppe die Möglichkeit verschafft, weltweit gehört zu werden. Das englische Akronym verhalf der Liste zu internationalen Kontakten, de facto blieb sie jedoch ein Diskussionsforum für Studierende am Institut für Philosophie. Bücher, Seminarbeiträge, aktuelle Netzprobleme und die Theorie der neuen Medien wurden abgehandelt, dazwischen gab es häufig Rat und Hilfe in technischen Verfahrensfragen. Nach und nach entwickelte sich eine gewisse Kameraderie, einschließlich des Auftretens eines ungezogenen Kommilitonen, dessen Verbalinjurien das Maß es Erträglichen schließlich überstiegen.gif

Diese Abläufe auf GIVE-L waren - das konnte damals noch nicht wahrgenommen werden - singulär. Die blanke Möglichkeit der weltweit verteilten, quasi-simultanen Schrift-Kommunikation bestimmte auch den Inhalt des Geschriebenen. Die ersten Mitteilungen in einem neuen Medium beziehen sich erfahrungsgemäß oft auf sein eigenes Auftreten. Am Anfang ist der Anfang selbst die Botschaft. Doch über diese beinahe unausweichliche Selbst-Befangenheit hinaus haftete den Diskussionen ein Hauch von epochaler Bedeutung an. Egal, worum es im Einzelnen ging, es war auch klar, daß es auf diese Weise bisher nicht verhandelt worden war. Roland Barthes hatte, um ein Beispiel zu nennen, bereits in den frühen 70-er Jahren von ,,Knoten'' und ,,Netzwerk'' gesprochengif - im Kontext des Internet gewannen diese Motive eine ungeahnte Dimension. Sinn-Verflechtungen, wie sie R. Barthes analysierte, bildeten die Produktionsbasis der Beiträge der Mailing List. Die Rezeption von Thesen über Hypertext war selbst ein hypertextuelles Ereignis. In dieser Hinsicht unterschied sich die Erfahrung der Gründiungsphase vom Standard, der darauf folgte. Die Aura der Umgestaltung des globalen Kommunikationszusammenhangs färbte noch auf die banalsten administrativen Hinweise ab.

Diese Hybridform von Welterschaffung und zweckdienlichem Instrument war nur beschränkte Zeit durchzuhalten. Dabeisein und aktiv Mitgestalten lag anfangs nahe beisammen. Im weiteren Verlauf stellte sich bald die bekannte Arbeitsteilung ein. Der Reiz des Unbekannten und die Arbeit an Sachthemen induzierten unterschiedliche Interessen, sodaß der Plan entstand, eine inhaltlich fokussierte Liste zur gründlicheren Beschäftigung mit fachspezifischen Anliegen einzurichten. ,,real'', die zweite Mailing List, von der hier zu berichten ist, sollte ein Forum zur kooperativen Begleitung meiner Vorlesung ,,Wirklich, möglich, virtuell'' (Studienjahr 1996/97) sein. Der Einzugsbereich war tendentiell auf die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Veranstaltung eingeschränkt; Ausgangspunkt war die Vermutung, daß greifbare Resultate präzise definierte Aufgabenstellungen erfordern, mit oder ohne Internet-Technologie.

Unter diesen Prämissen entstand ein über mehrere Wochen anhaltender philosophischer Diskurs zur Begriffsklärung zwischen ,,Wirklichkeit'' und ,,Virtualität''.gif Sprachanalytische Motive wechselten mit Hinweisen auf V. Flusser und G. Deleuze. Einige Zeit gelang es, die erwünschte Konzentration auf ein Thema und das unvermeidliche Ausfransen seriell abfolgender E-Mail-Beiträge in Balance zu halten. Die Einfachheit, mit der aus solchen Mitteilungen zitiert werden kann, begünstigt die Entstehung eines roten Fadens, der eine Reihe von Äußerungen sachlich verbindet. Dagegen wirken allerdings auch mächtige Diffusionstendenzen. Anders als im konventionellen Seminarbetrieb fehlt am Netz die räumlich-körperlich greifbare Autorität von Hochschullehrern und Studierenden, die qualifiziert auf deren Vorgaben reagieren. Eine kecke Zwischenbemerkung unterscheidet sich im E-Mail-Transfer nicht von sorgfältig argumentierten Reaktionen. Im Tempo, das vom Überangebot des World Wide Web's diktiert wird, sind legere, gezielt unakademische Interventionen sogar von Vorteil. Sie produzieren ein Dilemma, das die Aussichten der Lehrtätigkeit mit Hilfe des Internets direkt betrifft. Entweder sie markiert akademische Bereiche, in denen die bekannten Regeln von Wissenserwerb und Wissensvermittlung gelten. Dann verschwindet die Suggestion des unhierarchischen, globalen Interaktionszusammenhangs. Oder sie bezieht diese Möglichkeit mit ein - dann bedarf es verdoppelter Anstrengungen, im Prozeß Sachkonturen zu erhalten.

Zweifellos werden sich passende Arrangements entwickeln. Die bislang vorliegenden Erfahrungen lassen eine starke institutionelle Absicherung, in deren Rahmen Lernprozesse sich vorsichtig der erweiterten Rahmenbedingungen bedienen, ratsam erscheinen. ,,Virtuelle Lehrveranstaltungen'' werden von realen Hochschullehrerinnen veranstaltet, folgen einem prädeterminierten Ablauf und resultieren in handfesten Teilnahmebestätigungen. Der experimentelle Charakter des Unternehmens zeigt sich am ehesten in der unweigerlich auftauchenden Frage, welche Leistungsnachweise externe Teilnehmerinnen erwarten können. Hier liegt ein neues Feld der Medienpädagogik. Auch für ,,real'' wäre sie angebracht gewesen, denn auf die ambitionierte Anfangsphase folgte die beschriebene Rückentwicklung. Während unqualifizierte Wortmeldungen im Seminarbetrieb tendenziell übergangen werden, bleiben sie im E-Mail-Kontext in voller Breite stehen, ja sie erleichtern anderen Teilnehmern, sich auch zu Wort zu melden - und sei es nur, um die vorangegangenen Platitüden mit vergleichbarer Oberflächlichkeit zu beklagen. Dieser Umstand ist natürlich auch in konventionellen Kommunikationsabläufen zu beobachten, doch scheint er durch die Körper- und Umfeld-Abstraktion im Netz-Dialog speziell zugespitzt zu werden.

Das dritte E-Mail-Forum, das vorzustellen ist, entstand nicht auf Initiative eines Hochschullehrers und hängt darum viel weniger am akademischen Betrieb. ,,Philweb'' ist eine Gründung der Hamburger ,,Internet AG'', einer Gruppe engagierter Studenten mit lockerer Anbindung an das Philosophische Seminar.gif Die Liste sollte ursprünglich der Kommunikation informationstechnisch versierter Philosophinnen und Philosophen dienen und deren Umgang mit dem Internet unterstützen. Diese Zielgruppe ist im deutschen Sprachraum im Moment wohl noch zu schwach; die Liste war monatelang inaktiv. Im Herbst 1997 wurde sie dann (plötzlich) von einigen Philosophen ,,entdeckt'' und in ein sehr lebendiges Kommunikationinstrument verwandelt. Diese spontane Gruppenbildung auf der Basis eines neuen Technologie-Angebotes beleuchtet eine zweite Form philosophischer Tätigkeit im Internet. Die ersten beiden Beispiele sind vom lokalen und hierarchisch gegliedertem Kontext nicht zu lösen. ,,Philweb'' ist dagegen, in seiner gegenwärtigen Form (Juli 1998), ein elektronischer Gesprächskreis mit über Deutschland verstreuten Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die einander wechselseitig als gleichberechtigte Diskutanden begegnen. An diesem Beispiel läßt sich ermessen, wohin das technisch induzierte Kommunikations-Äquilibrium tendiert.

,,Philweb'' bietet das Bild, das aus den akademisch ausgerichteten englisch-sprachigen Newsgroups bekannt ist. Der kontinuierliche Meinungsaustausch beruht im wesentlichen auf zwei ,,gruppendynamischen'' Voraussetzungen: der Verfügbarkeit griffiger, kontroverser Themen und der Bereitschaft einiger Personen, konstant zur Debatte beizutragen. ,,Realismus und Antirealismus'', ,,Clintonss Affären'', ,,Das Wahrheitsproblem'' oder ,,Euthanasie'' sind typische Gelegenheiten zum Abtausch von Argumenten aus vorweg eingenommenen Positionen. Das Ergebnis ist eine permanente Inszenierung der Aspektvielfalt weitgehend standardisierter Kontroversen. Soferne sie gelingt, erinnert sie an die öffentlich verlaufenden Diskurse der Aufklärungstradition, in denen das Recht auf freie Meinungsäußerung als zumindest ebenso wichtig eingeschätzt wurde, als die aktuell vertretene Position. Unter diesem Aspekt gesehen sind die betreffenden Foren eine Wiederbelebung des Programms, vernünftige Problemlösungen auf der Grundlage autonomer, sachgerichteter, diskursiv vertretener Überzeugungen aufzubauen. Die Kraft des besseren Argumentes hat Gelegenheit, sich im Kreis der elektronischen Bildungselite durchzusetzen. Dennoch kommt es auf ,,Philweb'' selten zu Übereinstimmungen. Nicht nur schlagen die vorhersehbaren Differenzen zwischen bestehenden Lehrmeinungen immer wieder durch. Der Stil, in dem die Auseinandersetzung geführt wird, demonstriert konstitutive Schwächen eines ,,Gesellschaftsvertrages'', den aufgeklärte Individuen zur demokratischen Förderung von Erkenntnisprozessen eingehen wollen.

Während die im Hintergrund in den Händen eines Hochschullehrers liegende Verwaltung von ,,GIVE-L'' und ,,real'' Aggressionen als Aufmüpfigkeit im Universitätsbereich erscheinen ließ, stellt sich emotionales und respektloses Sozialverhalten auf Listen mit institutionell unabgesicherter Selbstverwaltung (im Internet der Regelfall) als ständiger Störfaktor dar. Die ungehinderte Direktheit der Artikulation über die Tastatur führt immer wieder zur Verletzung von Höflichkeitsregeln, die im Fall persönlicher Anwesenheit der Angesprochenen für gewöhnlich eingehalten werden. Darauf wird oft mit gleicher Vehemenz zurückgeschrieben, es folgt regelmäßig die Beschwörung der ,,Netiquette'', schließlich der Versuch, das gestörte Gleichgewicht durch Hinweis auf den Zweck des Unternehmens und seinen bisherigen Erfolg wieder einzurenken. Auf ,,Philweb'' sind in einem halben Jahr mehrere solche Zyklen durchlaufen worden. Zu Recht kann man dieser Beschreibung entgegenhalten, daß es auch sehr erstaunlich wäre, wenn Diskussion per E-Mail an diesem Punkt ganz neue Verhaltensweisen produzieren könnte. Man muß auch mit berücksichtigen, daß es sich nicht um eine Art Forschungsprojekt handelt, das die Beteiligten dazu verhielte, an einem Strang zu ziehen. Die freie Assoziation philosophisch vorgebildeter Netzbenutzerinnen und Benutzer ist kein Patentrezept für einen Neubeginn der Disziplin. Umso deutlicher sollte angegeben werden, was diese computerunterstützte Gruppentätigkeit zu leisten vermag. Ich diskutiere zunächst das informatisch bestimmte ,,Kommunikationsapriori''von Mailing Lists und anschließend mutmaßliche Konsequenzen für den Philosophiebetrieb.


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h.h.
Mon May 31 17:53:55 MEST 1999