Herbert Hrachovec
Nicht jeder Philosoph ist so ehrlich wie Hans-Georg Gadamer, der unlängst
einen Vortrag über Kultur und Medien mit dem Eingeständnis begann, er sei
in den Vereinigten Staaten unversehens auf das Problem gestoßen, einen
Fernsehapparat nicht ausschalten zu können.
Dennoch geraten Philosophen
regelmäßig in solche Schwebezustände, in denen ihre manifeste technische
Inkompetenz ihren universalen Perspektiven die Wage hält. Was haben
Gadamers Ausführungen dann zu bieten? Nicht weniger als einen Rückblick
bis zu Homer.
,,Da ist Homer und mit ihm das erste große Schriftwerk der europäischen Zivilisation, das dank der alphabetischen Schrift zu uns gekommen ist. Es ist nicht nur etwas Tröstliches, was ich damit in die Geschichte hineinflechte. Es ist mehr als das. Es ist in Wahrheit eine Lehre zu sehen, welche geistige Herausforderung das Abendland damit bestanden hat.``![]()
Diese weitausholende Sichtweise geht mit dem Bewußtsein einher, jener
,,Schicksalsweg``
sei heute an einen kritischen
Punkt gelangt. Schriftlichkeit sei eine mittlerweile gefährdete Qualität
der Kultur, die sich in der Nachfolge der alten Griechen versteht.
Einerseits entwickelt sie aus sich heraus unerhörte Ansprüche.
,,...jetzt erkennen wir, daß diese frühe Geschichte der europäischen Zivilisation, durch alle ihre Phasen hindurch, am Ende bis zu den extremen Formen einer neuen maschinellen Abstraktionskunst führte, die mit dem Computer die gesamte Menschheit und ihre Lebensform erfaßt.``![]()
Andererseits fällt das Kulturniveau angesichts dieser Abstraktheit auf prä-alphabetische Zustände zurück. Mit leichter Hand Jahrtausende skizzenhaft zu kennzeichnen scheint recht naiv zu sein und speziell zur Medientheorie nichts beitragen zu können. Ich werde zeigen, daß die philosophische Einstellung, die bei Gadamer nobel anklingt, in radikalisierter Form von großer Wichtigkeit für einen Teil der gegenwärtigen Debatte über Informationstechnologien ist. Der Marktmechanismus, dem auch Theorien unterliegen, hat einen ganz bestimmten Typus abendländischen Endzeit-Denkens zu einem Grundmuster von Versuchen gemacht, die neuen Medien zu begreifen. Eigenartige Mischformen von Betroffenheit und Spekulation entspringen dieser Symbiose. Es wird nicht schaden, sie etwas zurückzustutzen.