{"id":625,"date":"2016-09-16T17:38:44","date_gmt":"2016-09-16T17:38:44","guid":{"rendered":"http:\/\/krach.philo.at\/?page_id=625"},"modified":"2016-09-16T17:38:44","modified_gmt":"2016-09-16T17:38:44","slug":"wittgenstein-im-unterricht","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrachovec.philo.at\/?page_id=625","title":{"rendered":"Wittgenstein im Unterricht"},"content":{"rendered":"<p><strong>Herbert Hrachovec: Wittgenstein im Unterricht. Unerw\u00fcnschte Nebenwirkungen und unerwarteter Gewinn<\/strong><\/p>\n<p><em>in: Zeitschrift f\u00fcr Didaktik der Philosophie 11 (1989). S.101-107<\/em><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p>Die \u00dcberzeugung, da\u00df blo\u00dfe Meinung im Allgemeinen tr\u00fcgt, gibt eine traurige Wissenschaft. Eine M\u00f6glichkeit, ihr auszuweichen, ist Vertrauen in die Oberfl\u00e4che, die uns die Ph\u00e4nomene zukehren. F\u00fcr den Umgang mit philosophischen Texten resultiert daraus der Ratschlag, ihr Erscheinungsbild und die durch ihren Gestus ausgel\u00f6sten Affekte nicht gering zu achten, sondern als erste Anzeichen der Sache zu nehmen, die in ihnen zur Verhandlung steht. In diesem Sinn werde ich an \u00c4u\u00dferlichkeiten ankn\u00fcpfen, die angehenden Philosophinnen und Philosophen schon bei oberfl\u00e4chlicher Lekt\u00fcre Wittgensteins besch\u00e4ftigen, und versuchen, aus diesen wissenschaftlich ungesch\u00fctzten Eindr\u00fccken geeignete Ausgangspunkte zur Erschlie\u00dfung seiner philosophischen Bedeutung zu gewinnen.<\/p>\n<p>Werbewirksamkeit<\/p>\n<p> Je nach ihrer Plazierung im Feld gesellschaftlicher Kr\u00e4fte zieht Philosophie verschiedenartige Interessen in ihren Bann, im Deutschland der Romantik z.B. andere, als in den Vereinigten Staaten des kalten Krieges. Die beiden F\u00e4lle kann man klassisch nennen, weil sich in ihrem Umkreis der \u00fcberwiegende Teil philosophischer Forschung auf einen Nenner bringen l\u00e4\u00dft und ein koh\u00e4rentes Bild der Disziplin abgibt. Mit derart klaren Verh\u00e4ltnissen ist nur in Ausnahmesituatonen zu rechnen. Wenn heute \u00fcberhaupt von der Philosophie die Rede sein kann, dann nur mit der Einschr\u00e4nkung, da\u00df sie im gesellschaftlichen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis mehrere, miteinander schwer vereinbare, Positionen einnimmt. Sowohl in ihrer legitimatorischen, als auch in ihrer kritischen Funktion bieten sich mehrere Varianten an. Die Frage, durch welche Qualit\u00e4ten Studentinnen und Studenten auf sie aufmerksam werden, ist dementsprechend kompliziert. Nietzsche, Marx, Kierkegaard und Sartre sind seit langem ma\u00dfgebliche Einfl\u00fcsse f\u00fcr Studienanf\u00e4nger, hinzugekommen sind Autoren wie M.Foucault, P.Sloterdijk und D.Hofstadter. Die Organisationsform des Umsatzes in den Geisteswissenschaften ist nicht mehr Schule oder Zunft, sondern eher der Selbstbedienungsladen. Erst einmal ist wichtig, welche bunten Formen die Aufmerksamkeit erregen. Wie also sehen die Slogans aus, die angehende Philosophen zu Lehrveranstaltungen bewegen, in deren Titel das Markenzeichen &#8222;Wittgenstein&#8220; aufscheint?<\/p>\n<p>Mir fehlen empirische Untersuchungen und ich vermute, da\u00df die bestimmenden Motive in Frageb\u00f6gen nur undeutlich erkennbar w\u00e4ren. Versuchsweise und etwas spekulativ k\u00f6nnte man vier Attraktionen angeben. Einmal die bekannten, weit \u00fcber den philosophischen Fachbereich hinaus verbreiteten, Spr\u00fcche des Philosophen, die sich als Mottos, Bonmots und Allzweck-Pointen eignen. Wittgenstein geh\u00f6rt zu den Philosophen, deren sachlich verwurzelte Verwendung des Aphorismus als Stilmittel sich in einer Zeit der Kurzmeldungen und Werbespots direkt auf seine Popularit\u00e4t auswirkt. Nietzsche und Adorno sind in einer \u00e4hnlichen Lage. Dar\u00fcber hinaus ist aber ebenso wichtig, da\u00df die von vielen oberfl\u00e4chlich wahrgenommenen Inhalte in seinem Fall existenziell beglaubigt scheinen. Es geht nicht nur um gro\u00dfe Spr\u00fcche, sondern auch um die Ank\u00fcndigung einer tiefen Pers\u00f6nlichkeit. An packenden Details aus Wittgensteins Biographie fehlt es bekanntlich nicht, also verschr\u00e4nken sich Merks\u00e4tze und Anekdoten zu einem Fangnetz, in das zwei weitere Str\u00e4nge verwoben sind. Auf der Seite der Biographie der internationale Ausblick, den die Besch\u00e4ftigung mit dem aus Wien stammenden Philosophen, der seine Bedeutung erstmals im englischsprachigen Raum erlangt hat, er\u00f6ffnet. Und &#8211; n\u00e4her an seiner Gedankenwelt &#8211; die Ahnung einer interessanten Zerrissenheit, die sich in seinen oft abrupten und dogmatisch klingenden \u00c4u\u00dferungen bemerkbar macht.<\/p>\n<p>Verglichen mit den Verhei\u00dfungen, die sich an klassisch-deutsche Philosophen kn\u00fcpfen, scheint dies ein Hauptgrund f\u00fcr das erste Interesse an Wittgenstein: er braucht den Respekt nicht, den man ihm entgegenbringt. Die von ihm kursierenden Gedankensplitter versprechen kein System und werben nicht um Anh\u00e4nger und Weggef\u00e4hrten. Das Aufsehen, das er erregte, hat er nicht aus wohlerzogener Bescheidenheit von sich gewiesen, es prallte einfach von ihm ab. Dazu pa\u00dft, da\u00df er nach seinem ersten Buch praktisch nichts mehr publizierte, unerw\u00fcnschte Bewerber(innen) nicht in seine Seminare aufnahm und schlie\u00dflich die Professur in Cambridge zur\u00fccklegte. Zur \u00f6ffentlichen Meinung geh\u00f6rt ein gewisser Masochismus, der sie bisweilen dazu veranla\u00dft, ihren Ver\u00e4chtern recht zu geben und sich mit schuldbewu\u00dfter Einsicht ob der eigenen Liederlichkeit schelten zu lassen. Wittgenstein ist Nutznie\u00dfer dieses Effekts, seine Arbeit wird als dringlich erahnt, gerade weil sie sich nicht aufdr\u00e4ngt, sondern selbstverst\u00e4ndlich davon ausgeht, da\u00df es sich um etwas handelt, das nur f\u00fcr wenige bestimmt ist. In der Werbebranche, auf deren Niveau wir uns bis hierher bewegt haben, ist der Effekt bekannt. Was nicht alle haben k\u00f6nnen, erregt die Begehrlichkeit. Doch damit stehen wir erst am \u00e4u\u00dfersten Rand der Erfahrungen, die mit Wittgensteins Texten tats\u00e4chlich gemacht werden. Auch in der Folge lege ich keine repr\u00e4sentative Studie zu Grunde, sondern beschreibe &#8211; theoretisch geb\u00fcndelt &#8211; hochschuldidaktische Eindr\u00fccke.<\/p>\n<p>Klarheit<\/p>\n<p> Anders, als simple Emanzipationstheorien es darstellen, suchen Studienanf\u00e4nger Autorit\u00e4ten und greifen h\u00e4ufig zu Angeboten, die Welt im Ganzen zu erkl\u00e4ren. Die aktuelle Wiederbelebung des Heideggerschen Seinsdenkens durch Derrida ist ein Beleg. Bereitschaft, sich an die Seite des Verdikts gegen die Metaphysikgeschichte zu stellen, ist schnell geweckt, wenn dabei die Gelegenheit geboten wird, einen ganz neuen Anfang zu versuchen. Wittgenstein f\u00fchrt eine spezielle Variante so eines befreienden Neubeginns vor. Statt des m\u00fchsamen Auseinanderinterpretierens \u00fcberlieferter Texte versucht er Philosophie ohne deren Unterst\u00fctzung. Wie es ihm selbst gelingt, quer durch unzumutbare Naivit\u00e4t hindurch zu genialen Eingriffen in die Substanz der Tradition zu kommen, ist hier nicht das Thema. Wohl aber, da\u00df sein Vorgehen &#8211; als Vorbild zur Orientierung niedersemestriger Studentinnen und Studenten genommen &#8211; eigent\u00fcmliche Konsequenzen zeitigt. Die Pauschalaussagen der Metaphysikdestruktion und der Kritik am Logozentrismus sind ihrerseits in einer Sprache abgefa\u00dft, die Unterordnung fordert, also das Autorit\u00e4tsbed\u00fcrfnis noch dort befriedigt, wo gegen alle gewachsene Autorit\u00e4t gedacht wird. Gerade dieser Faktor fehlt bei Wittgenstein. Seine Darlegungen bieten zwischen ihrem scharf gezeichneten Aussagewert und dem immensen Affekt, der hinter ihnen sp\u00fcrbar wird, keinen Unterschlupf f\u00fcr Mitl\u00e4ufer, die sich die n\u00f6tigen Voraussetzungen erst langsam aneignen. Der Sprache fehlen spielerisch prop\u00e4deutischen Schutzzonen. Die \u00fcberstiegenen Vorw\u00fcrfe gegen die bisherige Philosophie, die Wittgenstein zu Grunde legt, geh\u00f6ren sozusagen ihm alleine. Seine Abgrenzung in lauter durchsichtigen S\u00e4tzen ist blo\u00df zitierbar, kaum erlernbar. An ihrer Klarheit, die nur scheinbar zum Nachvollzug einl\u00e4dt, prallen die Identifikationsversuche ab.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Unterricht bedeutet das, da\u00df Wittgensteins Texte sich schlecht dazu eignen, die Lernenden auf jene Ebene zu bringen, auf der sie im Schutz eines vorgegebenen Vokabulars und Stils langsam eine eigene Gedankenwelt aufbauen. Die Philosophie des &#8222;Tractatus&#8220; und der &#8222;Philosophischen Untersuchungen&#8220; ist an einzelnen Punkten verst\u00e4ndlich, doch dazwischen bricht das Verst\u00e4ndnis immer wieder ab. Zwei Reaktionen, die den produktiven Umgang mit Wittgenstein verderben, sind auf diesen Umstand zur\u00fcckzuf\u00fchren. Entweder man l\u00e4\u00dft sich von seiner Klarheit t\u00e4uschen, oder man umgeht sie. Gerade die unternehmungslustigeren Anf\u00e4nger sehen sich durch Wittgensteins Stil veranla\u00dft, ihre Spekulationen in eine \u00e4hnlich &#8222;lockere&#8220; Form zu kleiden. Weiter Fortgeschrittene dagegen sind anf\u00e4llif f\u00fcr die Versuchung, ihre Inspirationen an der Geschliffenheit der Originaltexte vorbei in die Scholastik der einschl\u00e4gigen Sekund\u00e4rliteratur \u00fcberzuf\u00fchren. Wittgensteins Transparenz erzeugt Hilflosigkeit. Die h\u00e4ufigste Fehlentwicklung, die ich in Seminaren beobachte, ist der Entschlu\u00df, von seiner Direktheit angeregt, Aufgaben anzupacken, deren Kompliziertheit deutlich untersch\u00e4tzt wird. Die Beobachtung eines Extrembergsteigers verleitet zu Halbschuhtourismus. (Nat\u00fcrlich sagt diese Kritik auch etwas \u00fcber die Schw\u00e4chen meiner Seminare.) Gegensinnig zu dieser Entwicklung verl\u00e4uft eine andere, die Entmutigung jener, die &#8211; oft mit richtigem Instinkt &#8211; hinter den scharf konturierten Wittgensteinschen Thesen Unausgesprochenes und auch Bedrohliches vermuten und es, weil sie sich \u00fcberfordert f\u00fchlen, durch wortgetreue Wiedergabe meiden.<\/p>\n<p>Wittgenstein hat die Situation selber kommentiert: &#8222;Ich zeige meinen Sch\u00fclern Ausschnitte aus einer ungeheuern Landschaft, in der sie sich unm\u00f6glich auskennen k\u00f6nnen.&#8220; Hinzuzuf\u00fcgen ist, da\u00df er gegen\u00fcber dieser Desorientierung nur einen minimalen Vorsprung hat: &#8222;Die philosophischen Bemerkungen dieses Buches sind gleichsam eine Menge von Landschaftsskizzen, die auf dieser langen und verwickelten Fahrt entstanden sind.&#8220; Der Gestus steht den \u00fcblichen philosophischen Angeboten diametral entgegen. Gew\u00f6hnlich ist zu merken, da\u00df es beim philosophischen Arbeiten in die H\u00f6he \/ in die Tiefe geht. Wittgenstein dagegen schreibt, als g\u00e4be es keine Erhebungen, Brunnen und Quellen, bestenfalls Gruben. Er erweckt nicht den Eindruck, in seinen Notizen handle es sich um wichtige Herausforderungen. Die Landschaft, deren Skizzenbuch er vorlegt, ist dezentral und so komplex geschichtet, da\u00df dem Leser zun\u00e4chst nur die formalen Qualit\u00e4ten der Aufzeichnungen auffallen, nichts anderes als ihre t\u00e4uschende Klarheit. An ihnen kann er sich satt sehen, ohne zu bemerken, da\u00df sie f\u00fcr den Autor die Vermessung eines faktischen Terrains darstellen. Wittgensteins Bilder sind vielf\u00e4ltig verwendbar, dazu ist ein Verst\u00e4ndnis ihres Kontexts nicht unbedingt erforderlich. Sie liegen an der Schnittstelle von Ungeheuerlichkeit und Anschaulichkeit. Je sch\u00e4rfer der Schnitt, desto weniger Platz ist an der jeweils ausgezeichneten Stelle. Leicht greift einer daneben, der meint, er br\u00e4uchte nur die Skizzentechnik zu kopieren, um Aussichten auf dieselbe Landschaft zu gewinnen.<\/p>\n<p>Wittgensteins Abwehr beschaulicher Verschachtelungen, die viele Philosophen f\u00fcr einen unerl\u00e4\u00dflichen Bestandteil avancierten Denkens halten, ist von hintergr\u00fcndiger Raffinesse. Ihr Resultat ist eine pr\u00e4dikative Klarheit, die Entscheidendes verdeckt, n\u00e4mlich den Kl\u00e4rungsproze\u00df, als dessen Resultat sie dasteht. Es liegt in der bogenf\u00f6rmigen Linie des Wittgensteinschen Philosophiebegriffes, da\u00df unbefangener Alltagsverstand und m\u00fchsam gewonnene Einsicht ineinander \u00fcbergehen. Zwischen beiden liegt ein Mittelst\u00fcck, in dem die eigentliche Arbeit geleistet werden mu\u00df, die doppelte L\u00e4uterung des vulg\u00e4ren Starrsinns und der spekulativen Verstiegenheit. Oberfl\u00e4chliche Leser glauben allerdings leicht, da\u00df sie sich bei Wittgenstein nicht blo\u00df den Jargon ersparen, sondern in der Reproduktion seiner unerkl\u00e4rten Klarheit auch die M\u00fche der Begriffsbildung. Verf\u00fchrerisch bescheiden baut Wittgenstein die Falle auf. &#8222;Man kann einen Stil schreiben, der in der Form unoriginell ist &#8211; wie der meine &#8211; aber mit gut gew\u00e4hlten W\u00f6rtern; oder aber einen, dessen Form originell, aus dem Inneren neu gewachsen, ist. (Und nat\u00fcrlich auch einen, der nur irgendwie aus alten St\u00fccken zusammengestoppelt ist.)&#8220; Eine Selbsteinsch\u00e4tzung, die leicht in falsche H\u00e4nde ger\u00e4t. Das Allerschwerste, die Losl\u00f6sung vom Epigonentum, wird als ein Nachgedanke, in Klammern, erw\u00e4hnt. Wittgensteins epochale Errungenschaft dagegen, die Alltagssprache f\u00fcr die schwierigsten philosophischen Zusammenh\u00e4nge treffsicher zu machen, stellt er als Selbstverst\u00e4ndlichkeit hin, um die Aufmerksamkeit auf die unm\u00e4\u00dfige, dar\u00fcber noch hinausgehende, Forderung nach einer genuin neuen Form zu konzentrieren- als w\u00e4re Wittgensteins Stil nicht gerade das, was er verlangt. Eine Verlockung zu Experimenten, wo Nachfolge besser darin best\u00fcnde, sich klar zu machen, wie tief die &#8222;originellen&#8220; Gedanken der meisten mit Philosophie Besch\u00e4ftigten im Traditionalismus stecken.<\/p>\n<p>Ha\u00df-Liebe<\/p>\n<p> Attraktives Auftreten und Stil erzeugen Interesse, Wittgenstein weiter in die dargestellte Landschaft zu verfolgen. Damit verbunden ist das R\u00e4tselraten \u00fcber viele Details seines Skizzenbuches. Sie aufzuz\u00e4hlen ist nicht meine Absicht, stattdessen m\u00f6chte ich auf eine Erfahrung abheben, die vom stilistischen Befund direkt zu einer unentbehrlichen Klammer des ganzen Unternehmens f\u00fchrt. Das Mittelst\u00fcck, die begriffliche Vermittlungsarbeit, von der vorhin die Rede war, ist nicht prim\u00e4r aus \u00e4sthetischen Gr\u00fcnden immer nur angedeutet, sondern in Folge von Wittgensteins fundamental gebrochenem Verh\u00e4ltnis zur eigenen philosophischen T\u00e4tigkeit. Im &#8222;Tractatus&#8220; ist es durch die bekannte Geste des Denkers, der mit aller Konsequenz darauf lossteuert, sich \u00fcberfl\u00fcssig zu machen, mitgeteilt, in den &#8222;Philosophischen Untersuchungen&#8220; &#8211; systematisch kaum ver\u00e4ndert &#8211; durch die Doppeldrehung erstens weg von philosophischer Indoktrination, zweitens zur\u00fcck zum allgemein Bekannten. Nur und gerade zwischen beiden Wendungen blitzen Gedanken auf, die dem Vorwurf entgehen, Ornament oder Banalit\u00e4t zu sein. Eine verzwickte libidin\u00f6se \u00d6konomie bestimmt das Bild, die prek\u00e4re Interferenz von Verwerfungsenergien und Erl\u00f6sungssehnsucht. In Wittgensteins Philosophiebegriff sind Selbstha\u00df gegen die bedr\u00e4ngende Verwirrung und Vertrauen in die Kapazit\u00e4t des Denkens, sich manchmal aus dem Sumpf ziehen zu k\u00f6nnen, zu gleichen Teilen eingeschrieben. Das ergibt eine denkerische Einstellung, die sich deutlich von den meisten Angeboten unterscheidet, die im Vorlesungsverzeichnis zu finden sind.<\/p>\n<p>In der philosophischen Fachbibliothek der Universit\u00e4t Cambridge h\u00e4ngen Portr\u00e4ts der bedeutendsten kanonisierten Denker der europ\u00e4ischen Tradition. Anstelle eines Wittgensteinphotos findet sich in dieser Reihe einer seiner Aussr\u00fcche: Es sei nicht wichtig, wie jemand aussieht, sondern was einer denke. Sicher eine \u00fcberlegenswerte Anregung, aber hier ist sie von \u00fcbereifrigen Sch\u00fclern zur Unversch\u00e4mtheit gegen die anderen Abgebildeten gewendet. Das Beispiel steht f\u00fcr einen immer wieder zu beobachtenden Umschlag der methodischen Ambivalenz des Meisters in eine zweifelhafte Strategie junger Philosophinnen und Philosophen unter seinem Einflu\u00df. Die Bildlosigkeit f\u00fcr sich genommen ist respektabel, sie geh\u00f6rt zur Absetzbewegung asketischer Ideale und negativer Theologie . Aber die Sache ist vertrackter. Die Sto\u00dfrichtung der Verweigerung kann sich n\u00e4mlich nur entfalten, solange sie in die Ahnengalerie einbezogen ist. Und in diesem Kontext wird aus der Doppeldrehung, die ihr Gravitationszentrum in sich selber hat, eine selbstherrliche Spitze gegen den Rest des Berufsstandes. (Wenn ein Verein auf Waldwegen im Wechselgebiet markante S\u00e4tze aus dem &#8222;Tractatus&#8220; anbringen l\u00e4\u00dft, ergibt sich ein ebenso sonderbarer Effekt.) Wittgenstein hat die M\u00f6glichkeit er\u00f6ffnet, Philosophiefeindschaft ins curriculum einflie\u00dfen zu lassen und damit einen neuen Typus der Selbstverst\u00e4ndigung f\u00fcr Studentinnen und Studenten geschaffen. Seine Auswirkungen lassen sich negativ und positiv einsch\u00e4tzen. Die innere Zerrissenheit, deren Beruhigung sich viele von der Philosophie erhoffen, wird stattdessen in ihr salonf\u00e4hig. In vielen F\u00e4llen ist das eine Belebung gegen\u00fcber verbeamteten Wahrheitsverk\u00fcndern, Wittgenstein als Prellbock gegen sie. Oft ist es andererseits ein Alibi f\u00fcr die voreilige Zufriedenheit mit ungelenken Ressentiments. Die Beschwerlichkeit der Orientierung verkehrt sich dann ins Gegenteil, wie am Zitat in Cambridge sch\u00f6n abzulesen ist. Wittgensteins Stellungnahme gegen G\u00f6tzendienst wird Instrument eines G\u00f6tzendienstes zweiter Stufe, der nun gerade das verherrlicht, was gegen die Verherrlichungstendenz gesagt war. Konkret im Lehrbetrieb: die Belehrten nehmen Wittgensteins Affekt auf, um mittels der vorgelegten Texte &#8211; sie sind immer auch systematisch gegen sich selbst gekehrt &#8211; den Lehrer, einen Vertreter des suspekten Berufsbildes, in Frage zu stellen. Der Vorgang unterscheidet sich durch eine feine Pointe von den \u00fcblichen Emanzipationsprozessen: der Einbruch im vorgegebenen Inhalt selbst er\u00fcbrigt es, die Negation von Seiten des Lernenden mit M\u00fche zu erarbeiten.<\/p>\n<p>Das Dilemma der Vortragenden spiegelt die zweifelhafte Position eines aus der Verklammerung mit philosophischem Pflichteifer gel\u00f6sten antiphilosphischen Affekts Sie unternehmen es, Wittgenstein zum Lehrinhalt zu machen, also seinen Zwiespalt institutionalisiert als positiven Inhalt vorzustellen. Ihre Lage gleicht jenen Sprachlehrern, die Pink Floyds &#8222;The Wall&#8220; als Englischaufgabe \u00fcbersetzen lassen. &#8222;Teachers leave them kids alone&#8230; All in all you&#8217;re just another brick in the wall.&#8220; Das akademische Vokabel f\u00fcr diese Patsche lautet &#8222;performativer Selbstwiderspruch&#8220;. Nicht ohne Ironie l\u00e4\u00dft sich beobachten, da\u00df gerade Positionen, die den traditionellen Vernunftbegriff hochhalten (K.O. Apel, J.Habermas) angesichts solcher Entwicklungen zum Exorzismus des Widerspruchs schreiten. Hegels Doktrin steht im Wittgenstein-Unterricht praktisch auf der Probe, w\u00e4hrend es sich den Einsch\u00e4tzungen der Vernunftvertreter zufolge empfiehlt, den Ast nicht abzus\u00e4gen, auf dem man sitzt. Gerade &#8222;der Positivist&#8220; Wittgenstein versetzt das Denken in eine spannungsgeladene Situation. Er h\u00e4tte es nie so gesagt, aber f\u00fcr ihn ist philosophische T\u00e4tigkeit Aufkl\u00e4rung und Verdunkelung in Einem und nur als beides zusammen kann sie gelehrt werden. Der Weg, den er anbietet, f\u00fchrt nicht zu einem &#8211; nach einigen Entbehrungen erreichbaren &#8211; Zentrum seiner Landschaft. Ihre Mitte entzieht sich fortw\u00e4hrend. Anstelle von Zugriffen ist anhaltender Erfindungsreichtum n\u00f6tig, um vom Aufsp\u00fcren formaler und pragmatischer Widerspr\u00fcche loszukommen und sich umzusehen, was es unter den widerspr\u00fcchlichen Bedingungen zu entdecken gibt. Der Ha\u00df-Liebe ist nicht einmal und nicht ein-f\u00fcr-allemal zu begegnen. Philosophie im Wittgensteinschen Sinn ist Umgang mit einer doppelten Unvorstellbarkeit, n\u00e4mlich durch diese sonderbare T\u00e4tigkeit ganz zufriedengestellt zu sein oder sie einzustellen.<\/p>\n<p>Arbeitstag und Apokalypse<\/p>\n<p> Der Zugang zur Philosophie, den Wittgenstein anbietet, erinnert an bestimmte Sequenzen aus Horrorfilmen. Die Athmosph\u00e4re ist be\u00e4ngstigend normal, f\u00fcr uneingeweihte Betrachter langweilig, doch gerade diese aufdringliche Vertrautheit ist f\u00fcr den Kenner ein Zeichen, da\u00df sich etwas Unfa\u00dfbares vorbereitet. Ihre Transparenz ist T\u00e4uschung, nicht weil sie Sichtbares verbergen w\u00fcrde, sondern weil die Aufdringlichkeit des Sichtbaren gezielt vom Fremdartigen ablenkt, das seine visuell nicht erschlie\u00dfbare Kehrseite bildet. Das Vertraute ist sich, gegen den Augenschein, nicht selbst genug. Je weniger Erstaunliches es enth\u00e4lt, desto aufdringlicher wird das Fehlen der Projektionen der Zuseher, die darauf zielen, das Fremde zu \u00fcberlagern, um das Heimatliche von au\u00dfen in das Vertraute eintreten zu lassen. Aus dieser Konstellation entwickeln sich vielf\u00e4ltige scripts, die Wittgensteins Philosophie allerdings nicht mitmacht. Seine Aufzeichnungen inszenieren weder Verdichtungen von Unheil, noch rettende Katastrophen. Das Bed\u00fcrfnis nach derartigen konventionellen Dramaturgien erf\u00fcllen eher deutsche Denker, allen voran Heidegger und Adorno. Die Erfahrung des Zivilisationszusammenbruches ist dem \u00d6sterreicher nicht fremd, nur glaubt er nicht mehr an die Erl\u00f6sungskraft kathartischer Rituale. Seine S\u00e4tze sind unauff\u00e4llig und explosiv, egal ob sie von Rechenregeln oder vom Schicksal des Abenlandes handeln. Die Schwierigkeit seines Stils ist seine Lesbarkeit, die Schwierigkeit des Inhalts die \u00c4quidistanz aller Z\u00fcge der beschriebenen Landschaft voneinander und von pr\u00e4sumptiven Zentren. Anstrengungen, in Wittgensteins Werk Themen von besonders tiefsitzender Bedeutung hervorzuheben, ergeben nichts Besonderes, weil schon die &#8222;unwichtigen&#8220; Themen dem Zentrum nahekommen, so weit es m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Desillusionierung ist nicht die Absicht, sondern eine der Vorgegebenheiten dieser philosophischen Bewegung. Wittgenstein rechnet es sich nicht als Leistung an, seine Leser dar\u00fcber aufzukl\u00e4ren, da\u00df sie einen unabl\u00e4\u00dfigen Kampf mit \u00fcberkommenen Plattheiten zu f\u00fchren haben. Seine Nachfolger haben aus dem Verfahren der &#8222;Philosophischen Untersuchungen&#8220; eine schnell erlernbare Routine der Entlarvung gemacht. Dabei ist \u00fcbersehen worden, da\u00df die beiden Stimmen, welche das Buch durchziehen, nicht einem Lehrer und seinem Sch\u00fcler geh\u00f6ren, obwohl die eine als die einsichtsvolle, die andere als die ungebildete spricht. Beide Zugangsweisen geh\u00f6ren Wittgenstein, er ist Retter und Verf\u00fchrter, der Aufkl\u00e4rung bed\u00fcrftig und immer schon zur Gen\u00fcge aufgekl\u00e4rt. Die Funktion des Philosophen beschr\u00e4nkt sich weder darauf, klarsichtig vor drohenden Gefahren zu warnen, noch aus Opposition gegen die Kassandra-Rufe das Bestehende als sowieso zufriedenstellend auszugeben. Wittgensteins Sprachanalyse stellt die Entt\u00e4uschung zur Schau, da\u00df verbale Konstruktionen zur Sinngebung der Welt die ihnen zugemutete Aufgabe nicht erf\u00fcllen. Das hei\u00dft nicht, da\u00df sie v\u00f6llig nutzlos sind oder da\u00df die Entt\u00e4uschung die Rolle der Erwartung \u00fcbernehmen k\u00f6nnte. Sie \u00fcberdeckt die immer wiederkehrende Aussichtslosigkeit blo\u00df nicht und versucht, den Nihilismus in die milde Schizophrenie unheimlicher Vertrautheit aufzufangen.<\/p>\n<p>Die Ungeheuerlichkeit der Aufgabe und die pflichtgetreue Bereitschaft, an ihr als an einem Beruf zu arbeiten, stehen ohne Puffer nebeneinander. Traditionelle P\u00e4dagogik hat in zahlreichen Anl\u00fcfen versucht, die Beschwerlichkeit des von ihr geforderten L\u00e4uterunsprozesses durch die Propaganda f\u00fcr humane Werte zu unterfangen. Das Bild vom Bildungsweg, das sich daf\u00fcr eingeb\u00fcrgert hat, pa\u00dft nicht f\u00fcr den Umgang mit Wittgensteins Philosphie. In ihr sind keine Zwischen- und Endstationen festgeschrieben, sie besteht aus lauter kleinen Schritten, die man nicht addieren kann, um an ein letztes Ziel zu gelangen. So gesehen ist sie eine Antip\u00e4dagogik, das st\u00e4ndige Verfehlen des erstrebten Ideals zugunsten des augenblicklichen Verweilens bei der Ann\u00e4herung, das st\u00e4ndig in Gefahr ist, zur Selbstgen\u00fcgsamkeit zu regredieren. Die moderne Verf\u00fchrung der Jugend, wenn es nach den Humanisten geht. Der Spie\u00df l\u00e4\u00dft sich allerdings auch umkehren. Vielleicht sind die Systembildner hinten nach und die L\u00f6sung der Probleme unserer Zivilisation bedarf der gesamten Komplexit\u00e4t der Entt\u00e4uschungen, die sich in ihr entwickelt haben. Dann best\u00fcnde die Aufgabe nicht darin, das Nahverh\u00e4ltnis von Alltag und Apokalypse methodisch streng zu fassen oder aufzubrechen, sondern es als Lebensraum begreiflich zu machen.<\/p>\n<p>Solche Aussichten sind im unverbindlichen Gustieren, bei dem wir angesetzt haben, ahnungsvoll verborgen. W\u00fc\u00dfte es von ihnen, w\u00e4ren sie ihm vermutlich gar nicht recht. Es stolpert eher in eine kompromi\u00dflose Anstrengung um Unbestechlichkeit im Denken. Die Pr\u00e4zision, mit der Wittgenstein den Kollaps der philosophia perennis festh\u00e4lt, erlaubt ihm nicht, L\u00f6sungen anzubieten, die Bestand haben. &#8222;Die L\u00f6sungen philosophischer Probleme verglichen mit dem Geschenk im M\u00e4rchen, das im Zauberschlo\u00df zauberisch erscheint und wenn man es drau\u00dfen beim Tag betrachtet, nichts ist, als ein gew\u00f6hnliches St\u00fcck Eisen (oder dergleichen).&#8220; Weder im M\u00e4rchen, noch in der Philosophie sind die Geschenke schlechterdings nichts. Sie bilden erstens den Schlu\u00dfpunkt herausgehobener Erfahrungen und zweitens, nach ihrem Ende, immerhin noch Material zur allt\u00e4glichen Bearbeitung. Was beide nicht zusammenbringen ist die Garantie der Ankunft beim h\u00f6chsten imagin\u00e4ren Ziel. Sie f\u00fchren &#8222;nur&#8220; an einen Ort, an dem der Zustand der Begeisterung unversehens in eine Normalit\u00e4t zur\u00fcckkippt, in der die Anhaltspunkte der Entr\u00fcckung wieder einmal fehlen. Diesbez\u00fcglich hat Wittgenstein seine Ansichten nie ge\u00e4ndert. &#8222;Man kann die Menschen nicht zum Guten f\u00fchren; man kann sie nur irgendwohin f\u00fchren. Das Gute liegt au\u00dferhalb des Tatsachenraumes.&#8220;<\/p>\n<p>Auch wenn Hochschullehrer gern die Augen davor verschlie\u00dfen: der gesellschaftliche Sinn ihrer T\u00e4tigkeit ist auf weite Strecken immer noch die Erziehung junger Menschen zum Guten, Wahren, Sch\u00f6nen. Durch Abwehr dieses Ansinnens werden die P\u00e4dagogen es keineswegs los. Die Zur\u00fcckweisung wird notgedrungen als Stellungnahme zur Sache aufgenommen. Wittgensteins T\u00e4tigkeit steht quer dazu. Weder lehrt er das Gute, noch leugnet er, da\u00df es besteht. Er konstatiert, da\u00df es f\u00fcr seine Mittel unzug\u00e4nglich ist. Das mu\u00df nicht Frustration bedeuten. Indirekt ist die Perspektive auf die \u00dcberblendung ern\u00fcchterter Begeisterung vielleicht doch ein Grund f\u00fcr die anf\u00e4ngliche Faszination durch Wittgenstein. Seine Texte bieten kein Studienprogramm, aber dadurch sind sie unter den gegebenen Umst\u00e4nden nicht weniger vertrauenerweckend. In ihnen ist man davor sicher, da\u00df ihre elementare Gest\u00f6rtheit in das Gef\u00fcge h\u00f6herer Wahrheiten hin\u00fcbergleitet. Er ist ein Philosoph, der das Muster des Bildungsromans nicht auf den Kopf gestellt hat, sondern in die Ecke.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herbert Hrachovec: Wittgenstein im Unterricht. Unerw\u00fcnschte Nebenwirkungen und unerwarteter Gewinn in: Zeitschrift f\u00fcr Didaktik der Philosophie 11 (1989). S.101-107 &nbsp; Die \u00dcberzeugung, da\u00df blo\u00dfe Meinung im Allgemeinen tr\u00fcgt, gibt eine traurige Wissenschaft. Eine M\u00f6glichkeit, ihr auszuweichen, ist Vertrauen in die Oberfl\u00e4che, die uns die Ph\u00e4nomene zukehren. 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