{"id":656,"date":"2016-09-17T13:28:45","date_gmt":"2016-09-17T13:28:45","guid":{"rendered":"http:\/\/krach.philo.at\/?page_id=656"},"modified":"2016-09-17T13:28:45","modified_gmt":"2016-09-17T13:28:45","slug":"15-notizen-ueber-weltverbundenheit","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrachovec.philo.at\/?page_id=656","title":{"rendered":"15 Notizen \u00fcber Weltverbundenheit"},"content":{"rendered":"<p>15 NOTIZEN \u00dcBER WELTVERBUNDENHEIT*<\/p>\n<p>Herbert Hrachovec<\/p>\n<p>Seit menschliche Wesen die Welt wahrnehmen geraten sie in eine Schwierigkeit. Ihre Sinnesorgane nehmen Eindr\u00fccke aus der Umgebung auf, aber das tun auch Biotope oder Thermometer. Um aus einer Organreizung Wahrnehmung werden zu lassen, ist eine zus\u00e4tzliche Verarbeitungsleistung erforderlich. Ihre Gesetzlichkeiten operieren relativ unabh\u00e4ngig von externen Impulsen. So werden Mi\u00dfverh\u00e4ltnisse m\u00f6glich, vor denen sich die Wesen zu sch\u00fctzen versuchen, u.a. durch Wissenschaft und in der Kunst. Die folgenden Bemerkungen markieren Orientierungspunkte auf einem Weg, der von der Schwierigkeit \u00fcber diverse Versuche ihrer Beseitigung zu einer These f\u00fchrt: Es ist besser, die drohende Unp\u00e4\u00dflichkeit zur Arbeitsgrundlage zu machen, als sie zu \u00fcberspielen. Die Versuchsanordnungen, mit denen die drei in diesem Katalog dokumentierten K\u00fcnstler den Zwischenraum im Wahrnehmungsverh\u00e4ltnis auskundschaften, bieten Gelegenheit, eine solche Behauptung konkret zu \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n<p>POST-IT. Zahlreiche Klassifikationen bringen Ordnung in die Vielfalt m\u00f6glicher Zeichen. Dabei ist die Grundidee ganz einfach. Ein Zeichen erm\u00f6glicht semi-permanente Verbindungen zwischen Menschen und ihrer Welt. Der wiederabl\u00f6sbare Klebezettel leistet \u00e4hnliche Dienste. Er vereinigt beides, Fixierung und ihre Revision; sein Hauptzweck ist Befestigung an einer Stelle, dennoch ist er dazu gemacht, an anderen genauso angebracht zu werden. Eine analoge Haftf\u00e4higkeit erlaubt es Zeichen, sich ihrem Bezeichneten zu verbinden, wenngleich nicht auf Dauer. Bei Bedarf l\u00e4\u00dft sich die Verkn\u00fcpfung wieder l\u00f6sen, das Zeichen anders applizieren. Ohne Klebkraft entst\u00fcnde kein Zusammenhalt, ohne Abl\u00f6sbarkeit w\u00e4ren es keine Zeichen, sondern Naturnotwendigkeiten. Diese Synthese wirft eine Menge Fragen auf, die vordringlichste ist wohl, wie sich das Vertrauen in die Sicherheit der Zeichenverwendung mit der R\u00fcckrufbarkeit vertr\u00e4gt. Geht es mit rechten Dingen zu, da\u00df wir uns auf Symbole verlassen, obwohl wir wissen, da\u00df sie nichts garantieren?<\/p>\n<p>WIRKLICHKEITSVERLUST. Dasselbe Thema durchzieht, in reicherer Instrumentierung, die klassische Erkenntnistheorie. Der Mensch h\u00e4ngt durch seine Sinne an der Welt, trotzdem ist diese Abh\u00e4ngigkeit nicht narrensicher. Der Skeptizismus deutet auf den wunden Punkt: es ist nicht auszuschlie\u00dfen, da\u00df Wahrnehmungen, auf die wir uns verlassen, den Kontakt zur Wirklichkeit verloren haben. Die Unterlage kann sich unversehens vom Klebezettel gel\u00f6st haben, dann bleiben blo\u00df Gesten der Bezugnahme zur\u00fcck und wir merken es nicht einmal. Ein peinlicher Zustand, den zu verhindern vieles unternommen worden ist. Zwei Abhilfen sind weit verbreitet. Man hat versucht, die Verankerung von Zeichen und Wahrnehmung besser in den Sachen abzusichern oder ihre Unverl\u00e4\u00dflichkeit als relativ unwichtigen Faktor im Ensemble des Sozialverhaltens hinzustellen. Der eine Versuch tendiert zum Atomismus, der andere zu pragmatischen Positionen. Die Irritation der Semi-Permanenz wird durch die Festschreibung einfachster permanenter Korrelationen abgewehrt, oder bes\u00e4nftigt, indem darauf verwiesen wird, wie die Mehrzahl unserer T\u00e4tigkeiten ohne Probleme abl\u00e4uft. Die Entwicklung der beiden Beruhigungsversuche im 20. Jahrhundert ist auch f\u00fcr die \u00c4sthetik instruktiv.<\/p>\n<p>BODENLOSIGKEIT. Auf welcher Grundlage k\u00f6nnen wir den Sinnen trauen? Trompe-l&#8216;?ils, Umschlagbilder, Fotorealismus und virtual reality f\u00fchren verschiedene Formen ihrer Subversion vor. Sie alle operieren mit der Vorgabe, da\u00df uns die Welt \u00fcber bestimmte visuelle Reize zug\u00e4nglich ist. Indem wir diese k\u00fcnstlich reproduzieren, schaffen wir bildliche Darstellungen von ihr; Zeichensysteme, die in Vertretung der Originalimpressionen die Tatsachen vergegenw\u00e4rtigen. Besonders raffinierten Techniken gelingt es dann, den Unterschied ganz verschwinden zu lassen. Aber das h\u00e4lt sich nicht und gibt der Unsicherheit nur neue Nahrung. Die T\u00e4uschungen unterstreichen und unterwandern das Potenzial der Kunst, Bilder der Welt zu erzeugen. Sie decken auf, da\u00df Darstellungsmittel wenn n\u00f6tig ohne ihnen korrespondierende Wirklichkeit den Eindruck von Realit\u00e4t erzeugen k\u00f6nnen. Der Skeptizismus tritt auch hier zu Tage. Je perfekter die Vorspiegelung, desto geringer ist nach der Enttarnung das Vertrauen in die Verl\u00e4\u00dflichkeit von Mitteilungen \u00fcber eine externe Sache. Auch in der Kunst ist darauf dramatisch oder pragmatisch reagiert worden, mit gesteigerten Anstrengungen, die Wirklichkeit nur ja nicht zu verfehlen, oder mit der Bereitschaft, sich einfach in der Kunstwelt aufzuhalten, solange sie Befriedigung gew\u00e4hrleistet. In beiden F\u00e4llen wird die T\u00e4uschungsanf\u00e4lligkeit von Kommunikationsmitteln heruntergespielt, als g\u00e4be es eine unverbr\u00fcchliche &#8220;Sprache der Kunst&#8220;. Sie k\u00f6nnte sich in &#8220;Urworten&#8220; oder in &#8220;l&#8217;art pour l&#8217;art&#8220; manifestieren.<\/p>\n<p>SICHERHEITSVORKEHRUNGEN. Nehmen wir ein Beispiel aus der Grundschule. Angenommen, eine Sch\u00fclerin sieht einen Text und will beginnen, ihn zu lesen. Dabei stellt sich heraus, da\u00df sie sich t\u00e4uscht; was vor ihr liegt ist eine Zufallsanordnung von Graphemen, vielleicht sind es nicht einmal Schriftzeichen. In dieser Kurzbeschreibung ist schon das ganze Drama der ersch\u00fctterten Wahrnehmung angelegt. Entscheidend ist der R\u00fcckschlag von &#8220;Text&#8220; zu &#8220;Schriftzeichen&#8220;. Was hei\u00dft es, einen Text &#8220;zu sehen&#8220;? Die definierende Eigenschaft, eine sinnvolle Mitteilung zu enthalten, ist im engen Sinn genausowenig wahrnehmbar, wie W\u00fcrde in einem Gesichtsausdruck oder Lieblichkeit in einer Melodie. Darauf besteht der Atomismus. Gesehen werden Schriftzeichen, die als Tr\u00e4ger einer Textmitteilung fungieren k\u00f6nnen. Die Physiologie stellt den Kontakt her, Interpretationen besorgen den Rest. Zu Beginn dieses Jahrhunderts ist sowohl bei den Verfechtern der wissenschaftlichen Weltauffassung, als auch in K\u00fcnstlerkreisen immer wieder von &#8220;reinen Farben&#8220;, &#8220;reinen T\u00f6nen&#8220;, &#8220;reiner empirischer Affektion&#8220; die Rede. Die Fundamentalisten m\u00f6chten sich von nachtr\u00e4glich \u00fcber die Sinnesauffassung gest\u00fclpten Theorien befreien und nehmen an, so auch die T\u00e4uschung los zu werden.<\/p>\n<p>MODERNISMUS. Der Unterschied zwischen sinnlichen Darstellungsmitteln und dargestellten Sachverhalten l\u00e4uft parallel zu dem von Schriftzeichen und Text. Was hei\u00dft es, z.B. eine gemalte Landschaft wiederzuerkennen? Farbmuster m\u00fcssen als Repr\u00e4sentation von charakteristischen Z\u00fcgen eines Weltausschnitts genommen werden. Da\u00df aber eine Kurve &#8220;ein Berggipfel ist&#8220; sieht man so wenig, wie Texteigenschaften in Graphemen. Nicht einmal in der Fotografie, die immer wieder als Kunst des un\u00fcberbietbaren Realismus betrachtet wurde, erzwingen die Bildmomente eine einzige korrekte Sichtweise. Was ausweglos zutrifft ist ein Schlag in die Magengrube und kein Bild. Eine gro\u00dfe Zahl gesellschaftlich determinierter Regeln ist wirksam, bevor das Zeichenmaterial umstandslos auf Bezeichnetes bezogen werden kann. Die Entt\u00e4uschung, wenn dieses Substrat einmal nicht in den schon von vornherein gespannten Erwartungshorizont pa\u00dft, beweist das indirekt. Und wie der Modernismus in der Literatur darauf abzielte, die angebliche Urw\u00fcchsigkeit sprachlicher Mitteilung mit dem Eigenleben der Sprache zu konfrontieren, hat er in der bildenden Kunst die Autonomie des Formeninventars betont. Es ist sein Weg, der Korrumpierbarkeit der Darstellung zu erwidern.<\/p>\n<p>RITUALE DER REINIGUNG. &#8220;Die &#8218;Reinheit&#8216; der abstrakten Kunst konnte gleichzeitig als wissenschaftliche, religi\u00f6se und ethisch-politische Reformation angesehen werden. Das &#8218;unschuldige Auge&#8216; des idealen Betrachters war zugleich das unvoreingenommene Auge der Wissenschaft und das geistlich gereinigte Auge der Individuen in einer neuen sozialen Ordnung, die durch eine religi\u00f6se Reformation und\/oder materielle Revolution hervorgebracht werden sollte. Die Totems dieser neuen religi\u00f6s\/sozialen Ordnung sollten die Malereien selbst sein, die sich schlie\u00dflich und endlich als die dominante Kunstform einer fortgeschrittenen Kultur herausstellten.&#8220; 1 Wenige Begriffe sind theoretisch so mi\u00dfbraucht wie &#8220;Unschuld&#8220;. Diverse Theorien ziehen sich mit Vorliebe auf quasi unverf\u00e4lschte Territorien zur\u00fcck, um ihre eigene Entwicklung aus ihnen abzuleiten. Die Reinheit der \u00e4sthetischen Mitteilung, die der Literarisierung, dem Historismus und dem Kitsch entgegengesetzt wurde, entsprang hingegen einer ganz besonders anspruchsvollen Theorievorgabe. Zur Unschuld des reinen Farb- oder Toneindruckes mu\u00df man sich durch einen schmerzhaften Proze\u00df erst l\u00e4utern. &#8220;Die Aufmerksamkeit des idealen Betrachters w\u00fcrde nicht durch niedrige sinnliche Reizungen abgelenkt werden, ebensowenig wie das Bewu\u00dftsein des Idealb\u00fcrgers durch private, materielle Gel\u00fcste. Die abstrakte Einheit der bildlichen Komposition sollte Aufforderung und Metapher f\u00fcr eine transzendente Einheit des Geistes sein.&#8220;2 Wenn dieser Geist beginnt, sich auszudr\u00fccken, kann er nicht fehlgehen. Der Skeptizismus wird durch Purismus in Schach gehalten.<\/p>\n<p>DIVERTIMENTO. Das Reinheitsgebot des Modernismus l\u00e4\u00dft sich nicht halten. Genauer: Es erweist sich seinerseits als \u00e4u\u00dferst tendenziell. Die Demontage des Ornaments erf\u00fcllt selbst ornamentale Zwecke. Eine vergn\u00fcgliche Demonstration der Aussichtslosigkeit der Berufung auf die Unschuld vor der Sinnverf\u00e4lschung \u00fcbernehme ich von einem Freund. &#8220;Ich habe bereits in dem Moment, in dem ich mich an meinen PC gesetzt und begonnen habe, auf seinen Tasten herumzuklopfen, unterstellt, da\u00df es eine vern\u00fcnftige Sache sein k\u00f6nnte, durch allerlei Umtriebe Muster von schwarzen Punkten auf einem Blatt Papier zu erzeugen. Diese Vorgabe hole ich nie wieder ein, und ich gebe auch nicht vor, es zu tun. Wer in diesen Bl\u00e4ttern nichts als sonderbare Punktmuster sehen m\u00f6chte, w\u00e4re dazu eingeladen, wenn er diesen Satz lesen k\u00f6nnte.&#8220; (Peter Krall) Wahrnehmung kann nicht von einfachsten Impulsen ausgehen, es sei denn, sie sind schon von vornherein in einen Sinnzusammenhang eingebettet. Schwarze Punkte sind Worte, weil menschliche Verst\u00e4ndigung schon vor der Inventaraufnahme ihrer m\u00f6glichen Vehikel stattfindet. Diese Einsicht bildet zur Zeit einen Konvergenzpunkt zwischen Wissenschaftsphilosophie, Hermeneutik und \u00c4sthetik, die bei voneinander weit entfernten Annahmen \u00fcber die Beschaffenheit der Sinnest\u00e4tigkeit begonnen haben. Es lohnt, sie etwas n\u00e4her zu erl\u00e4utern.<\/p>\n<p>PROTOKOLLS\u00c4TZE. Die Redewendung &#8220;Ich gehe davon aus, da\u00df &#8230;&#8220; entspricht einem verbreiteten Bed\u00fcrfnis, sonst h\u00e4tte sie sich nicht so durchgesetzt. Sie ist ein typischer Fall von Semi-Permanenz. Die Protokolls\u00e4tze, mit denen der Wiener Kreis die empirische Bestandaufnahme der Welt beginnen lie\u00df, klingen zwar \u00e4hnlich, sollen aber gerade die in der Formulierung enthaltene Unsicherheit beseitigen. Hinter ihnen liegt nichts, von dem allenfalls auch noch auszugehen w\u00e4re, sie teilen keinen Entschlu\u00df, sondern eine Notwendigkeit mit. &#8220;Das urspr\u00fcngliche Protokoll darf nur ganz kurze, ganz einfache und unmittelbarster Wahrnehmung entsprechende \u00c4u\u00dferungen enthalten, z.B. &#8218;hier Zeiger auf F\u00fcnf&#8216;, &#8218;dort roter, kurz dauernder Farbfleck&#8216; usf.&#8220;3 Hier sind scheinbar die puren Sinne in Aktion. &#8220;Aber selbst ein Wort wie &#8218;Zeiger&#8216; sagt schon zu viel. Es d\u00fcrfte eigentlich nur ein Hinweis auf ein gewisses Bewegliches dastehen, das im Zusammenhang mit anderen, fr\u00fcheren und sp\u00e4teren Aufnahmen als mit &#8218;Zeiger&#8216; zu bezeichnendes Ding erkannt wird. &#8230; Das richtige Protokoll besteht nur aus einzelnen Hinweisen auf unmittelbar Gegenw\u00e4rtiges .&#8220;4 Der Zeiger soll wie der Text zugunsten der Schw\u00e4rzungsmuster verschwinden, dann w\u00e4re auch die Unsicherheit, \u00fcber welche die Wendung &#8220;angenommen, da\u00df &#8230;&#8220; ihre vorl\u00e4ufige Stabilit\u00e4t legt, beseitigt. Die Passage von Mises enth\u00e4lt allerdings schon den Ansatz zur Widerlegung dieses Ideals, denn wenn wir keinen Zeiger zu Grund legen d\u00fcrfen, dann auch nicht &#8220;ein gewisses Bewegliches&#8220;. Um zu verstehen, was das sei, sind schon Zahlbegriffe, hinweisende Definition und eine Konzeption von Bewegung erforderlich.<\/p>\n<p>DAS MOTORRAD. Wie Manfred Sommer in seiner Studie zu Ernst Mach gezeigt hat5, schl\u00e4gt der konsequente Empirismus schlie\u00dflich in Mystik um. Er kann nur festhalten &#8211; nicht einmal sagen &#8211; da\u00df sich das Unerfa\u00dfbare den Sinnen offenbart. &#8220;Fast jeder Satz einer kultivierten Sprache erfordert, falls er in die einfachsten Protokollaussagen zerlegt oder auf sie zur\u00fcckgef\u00fchrt werden sollte, ganze B\u00e4nde von schriftlichen Ausf\u00fchrungen.&#8220;6 Und selbst aus ihnen ist das Urerlebnis nicht zu konstruieren. Konturen kann es nur in einer Sprache erhalten, akustische oder graphische Eruptionen reichen dazu nicht aus. Aus diesem Grund organisiert Martin Heidegger in &#8220;Sein und Zeit&#8220; das Verh\u00e4ltnis zwischen den Vorgaben und den Sinnesdaten anders herum, n\u00e4mlich pragmatisch. Da\u00df uns ein Ton oder eine Farbe trifft ist keineswegs der Beginn einer sich nach und nach komplizierenden Geschichte sinnlicher Rezeption. Die Sache ist von Anfang an verwickelt. Der Mensch steckt in einem Geflecht von Sinn- und Sinnesvoraussetzungen, das ihn immer schon eine Zeit lang getragen hat, bis es ihn j\u00e4hlings irgendwo im Stich l\u00e4\u00dft. &#8220;&#8217;Zun\u00e4chst&#8216; h\u00f6ren wir nie und nimmer Ger\u00e4usche und Lautkomplexe, sondern den knarrenden Wagen, das Motorrad. &#8230; Es bedarf schon einer sehr k\u00fcnstlichen und komplizierten Einstellung, um ein &#8218;reines Ger\u00e4usch&#8216; zu &#8218;h\u00f6ren&#8216;.7 Die Ausblendung dessen, was wir an &#8220;Wissen&#8220; immer schon mitbringen, macht das Verfahren vielleicht &#8220;wissenschaftlicher&#8220;, doch das ist nur durch einen massiven Schock erkl\u00e4rlich. In ihm stellt sich heraus, da\u00df nicht alles so ist, wie es dem unbefangenen Weltverh\u00e4ltnis erscheint. Es ist nur semi-permanent, der Zweifel an der Verl\u00e4\u00dflichkeit der Worte und Bilder ist die Folgeerscheinung eines Aus-dem-Rahmen-Fallens. Er steht nicht am Anfang der philosophischen Er\u00f6rterung, sondern erst in einem sp\u00e4teren Kapitel.<\/p>\n<p>MYTHOLOGICA. Statt das Verh\u00e4ltnis zur Welt in einem minimalen Kontakt zu verankern, sieht Heidegger eine andere Begegnung vor. Welt erscheint als Ganze und zwar gerade dann, wenn ihr Zusammenhalt problematisch wird. Das Mystische ist bei ihm nicht an der Grenze der sinnlichen Gewi\u00dfheit, sondern an jener Stelle angesiedelt, an der die Selbstverst\u00e4ndlichkeit eines praktischen Sinnzusammenhangs gest\u00f6rt wird und kurzfristig die Frage auftaucht, was das alles soll. Am unbrauchbar gewordenen Werkzeug wird die verwickelte Zwecksetzung &#8220;sichtbar&#8220;, in die es eingebettet war. Kunstwerke haben sich an beiden Varianten der mystischen Erf\u00fcllung orientiert. Manche kennzeichnet ein Purismus, der keine etablierten Kulturkodes gelten l\u00e4\u00dft und den Ausdruck &#8211; oft unter Hinweis auf elementare physiologische Gegebenheiten &#8211; an die Sache direkt anzukoppeln sucht. Aus &#8220;\u00e4sthetischen Protokolls\u00e4tzen&#8220; soll dann eine von \u00fcberlebten Beigaben gereinigte Kunstwelt aufgebaut werden. Die andere Richtung denkt nicht daran, bei einfachsten Bausteinen zu beginnen. Sie baut einen Zusammenhang, der insgesamt, aus der Opposition gegen andere Kontexte, Schl\u00fc\u00dfigkeit gewinnt. Ein readymade ist nicht deshalb elementar, weil es einfach gebaut ist, sondern weil seine Einf\u00fcgung in den Ausstellungsbetrieb an ihm den reinen Kunst-Griff aufleuchten l\u00e4\u00dft, \u00e4hnlich dem Sich-Melden der Welt in der St\u00f6rung des Gebrauchszusammenhanges. Dieses pure Erscheinen bedarf keiner zus\u00e4tzlichen sch\u00f6pferischen Aktivit\u00e4t. Das Spektrum moderner Kunst erstreckt sich vom Versuch, alle Verantwortung f\u00fcr die Treffsicherheit der Ausdrucksmittel zu \u00fcbernehmen, bis hin zum Gegenzug, sich jeder semantischen Verpflichtung zu entziehen, um den Kontrast zwischen vorgefundenen Welten sprechen zu lassen.<\/p>\n<p>AVANT GARDE. Die Gegen\u00fcberstellung von Extrempositionen dient der schnelleren Verst\u00e4ndigung, aber sie macht auch eine Gemeinsamkeit der atomistischen und pragmatistischen Bereinigung der Skepsis deutlich. Beiden ist eigent\u00fcmlich, da\u00df der komplizierte Mechanismus der Sinnlichkeit, der zwischen Personen und ihrer Welt vermittelt, nicht direkt zur Debatte steht. Entweder ist er durch ein Direktverfahren, das \u00e4sthetische Gegenst\u00e4nde gleichsam unmittelbar erzeugt, unterlaufen, oder er tritt hinter der Bedeutung des komplexen In-einer-Welt-seins zur\u00fcck. An die Stelle der K\u00fcnste, die den Sinnen schmeicheln, und darum Mi\u00dftrauen erregen, sind Werke getreten, die theoretische und historische Kenntnisse verlangen, um als \u00e4sthetische Gebilde wahrgenommen werden zu k\u00f6nnen. Der Protest gegen die traditionellen Formen der normal-psychologischen Wirklichkeitskonstitution hat dazu gef\u00fchrt, da\u00df Zeichen der Avantgarde sich gegen ihre eigene Zeichenhaftigkeit kehren. Je prek\u00e4rer ihr Mitteilungscharakter wird, desto unbedingter versuchen sie, Eindeutigkeit zu etablieren. Das zieht sie in einen Strudel permanenter Anl\u00e4ufe, durch die Verwerfung aller vorangegangenen eine neue Sprache zu erfinden. Theorie, nicht die Welt unserer Sinne, ist der prim\u00e4re Bezugspunkt dieser Darstellungen. Die gezielte At?tacke auf die Konventionalit\u00e4t der Zeichensetzung f\u00fchrt zur unabschlie\u00dfbaren Suche nach neuen, bisher unerh\u00f6rten Ausdrucksm\u00f6glichkeiten. Das Unsagbare als Ma\u00dfstab bewirkt jedoch auf Dauer eine Ersch\u00f6pfung aller verf\u00fcgbaren Kodes. Im Extremfall dreht sich das Kunstprodukt dann nurmehr im Widerspruch der Verweigerung verst\u00e4ndlicher Mitteilung als jenem Inhalt, den es \u00fcbermitteln soll.<\/p>\n<p>NICHT SO SCHNELL. Ein heimlicher Verdacht der fortschrittlichen Kunstpraxis besagt, da\u00df jede Sprache t\u00e4uscht und da\u00df mit Bildern immer nur sch\u00f6ner Schein erzeugt wird. Wahrheit l\u00e4ge danach ausschlie\u00dflich in der Geste der Verwerfung. In der Wissenschaftsphilosophie hat dieser radikalisierte Zweifel mittlerweile zu einer Gegenreaktion gef\u00fchrt. Die Wirklichkeit, die jenseits unserer Ann\u00e4herungsversuche den dunklen Abgrund bildet, in dem die Kommunikationsversuche zerschellen, ist eine unverst\u00e4ndliche Konstruktion. Man kann dem Zeichen nicht die M\u00f6glichkeit, Verbindung herzustellen, nehmen und dann noch fragen, was es bedeuten soll. Die M\u00f6glichkeit ihrerseits aber beruht darauf, da\u00df wir schon immer eine Welt voraussetzen, sobald wir sinnvoll sprechen. Der tragische Solipsismus, der mit dem Gedanken spielt, Subjekte bzw. Zeichensysteme k\u00f6nnten nie aus ihrem Inneren heraus, ist aus demselben Grund unverst\u00e4ndlich, aus dem schwarze Punkte nicht als Buchstaben wahrgenommen werden k\u00f6nnen, wenn man nicht zu lesen versteht. Die Faszination durch die zunehmend verd\u00fcnnte Genie\u00e4sthetik st\u00f6\u00dft an eine Grenze, wenn die Experimente mit dem Mystischen sich auf die st\u00e4ndige \u00dcberreizung einer Grenzsituation beschr\u00e4nken. Die Frage ist dann, woran sich \u00c4sthetik halten soll, wenn Sinnlichkeit allein nicht reicht und Extremismus auf der Stelle tritt. Eine Entwicklung f\u00fchrt wieder auf den Anfangspunkt zur\u00fcck, auf das Verh\u00e4ltnis, in dem Zeichen und Wahrnehmungen ein nicht komplett verl\u00e4\u00dfliches Bild von der Welt erzeugen.<\/p>\n<p>SINNESWERKZEUGE. Der Blick f\u00e4llt neuerlich auf die Semi-Permanenz. Wir wissen, da\u00df Mitteilungen zumeist nicht letzte Worte sind, auch wenn sich im Moment keine anderen anbieten. \u00c4hnlich vorl\u00e4ufig geben die Sinnesdaten Aufschlu\u00df \u00fcber die Welt. Was geschieht, wenn man sich angesichts dieser Verh\u00e4ltnisse nicht auf die Suche nach grundlegenderen Garantien begibt und doch das Transitorische der betreffenden Selbstverst\u00e4ndlichkeiten nicht \u00fcbersieht? Heidegger l\u00e4\u00dft &#8211; ohne den Sinnen eine Rolle zuzuerkennen &#8211; am Werkzeug die Welt aufscheinen. Warum mu\u00df das ein \u00e4u\u00dferes Ger\u00e4t sein? Die Wahrnehmungsorgane sind doch ebensolche Stellen, an denen sich die Welt bemerkbar macht, Werkzeuge. Sie versagen ihren Dienst wie H\u00e4mmer oder Motorr\u00e4der, sind aber auch modifizierbar, um ver\u00e4nderten Anforderungen besser zu entsprechen. Trompe-l&#8216;?ils und virtual reality bedienen sich des Grenzfalles der gelungenen (und dennoch nicht perfekten) T\u00e4uschung. Er ist mit den besprochenen Radikalismen gut vertr\u00e4glich. Eine weniger zugespitzte, in der Sache aber weiterf\u00fchrende Zugangsweise ist die Arbeit am interface, ohne ein vorgegebenes Ideal von Wirklichkeit, das genau zu treffen w\u00e4re. Der Schock des f\u00fcr ein Zeichen konstitutiven Mangels wird nicht zum Antrieb verst\u00e4rkter Vergewisserung, sondern zu einem selbst kreativ zu bearbeitenden Effekt. Der klassischen Avantgarde schwebte das Ziel vor, Vermittlung m\u00f6glichst auszuschalten. Das Thema &#8220;Sinneswerkzeuge&#8220; weist nicht nur darauf hin, da\u00df sie sich niemals vom menschlichen Wahrnehmungsapparat emanzipieren kann. Es notiert dar\u00fcber hinaus Projekte, welche gerade die br\u00fcchigen Zwischentr\u00e4ger, die Zeichen und die Sinnesreize, zum Ausgangspunkt machen. Ihre Plastizit\u00e4t selbst, nicht die Anpassung an eine Sache, die eine Folge davon ist.<\/p>\n<p>WAHRNEHMUNG ALS KUNST. &#8220;Sinneswerkzeuge&#8220; ist kein harmloser Begriff. In ihm klingt an, da\u00df etwas, was Menschen sich als Hilfsmittel zur Bew\u00e4ltigung der Natur konstruieren, auf ihre eigene Ausstattung zur\u00fcckschl\u00e4gt. Man kann die Sinne sch\u00e4rfen wie Messer und \u00fcberfordern wie ein Kugelgelenk. Das ist ein Grund f\u00fcr Heidegger gewesen, seine Fundamentalphilosophie nicht auf ihren Leistungen aufzubauen: als schon vom Technischen \u00fcberformte Qualit\u00e4ten lenken sie von der unverstellten Menschlichkeit ab. Reinheit liegt in der Sache, nicht im Instrument. Dementsprechend revisionistisch erscheint die neuerliche Zuwendung zu den Sinnesdaten und den Bedingungen, unter denen sie Welt erschlie\u00dfen. Aber das Geheimnis der Wahrnehmung liegt nicht jenseits von ihr, in mystischen Vergewisserungen, sondern darin, da\u00df sie kein Alles oder Nichts zul\u00e4\u00dft und dennoch st\u00e4ndig definitive Resultate produziert. Anders gesagt, sie ist kein metaphysisches, sondern ein \u00e4sthetisches Ph\u00e4nomen. In der Erkenntnistheorie wurde sie als Index der Zufallsabh\u00e4ngigkeit unserer kognitiven Errungenschaften betrachtet. Doch ihre Unsicherheit l\u00e4\u00dft der Philosophie keine Ruhe, sie m\u00f6chte sie in Theorie aufheben, d.h. aus h\u00f6heren Notwendigkeiten begr\u00fcnden. Demgegen\u00fcber wurde Kunst als niedrigere Form der Wahrheit qualifiziert. Wenn sie sich aber die Leistungen der Sinne in ihrer Fragilit\u00e4t zum Thema macht, f\u00e4llt sie nicht hinter die weit ausholenden spekulativen Aktionen zur\u00fcck. Die haben sich zusehends als Leerlauf erwiesen. Die Reichweite der Wahrnehmung zu \u00fcberreizen ist eine Sache, die andere ist das Experiment an ihrem verg\u00e4nglichen Kern, am Transformationsproze\u00df, der Kontingenz in G\u00fcltigkeit verwandelt &#8211; und vice versa.<\/p>\n<p>HAFT-NOTIZEN. Sonderbar, wie die &#8220;removable self-sticking notes&#8220;, die &#8220;papillons adhesif repositionables&#8220;, die &#8220;notas de quita y pon&#8220; im Deutschen hei\u00dfen. Sie geraten unwillk\u00fcrlich in die N\u00e4he von Gef\u00e4ngnis und Befreiung, Zeichen k\u00f6nnen krumme Wege einschlagen. Oder haben wir es mit einer Abk\u00fcrzung auf dem Weg zu einer anderen Sache zu tun? Menschen sind der Welt verhaftet, aber die Haftbedingungen liegen nicht fest. Es bleibt ein Spielraum, sie so zu arrangieren, da\u00df sinnliche Bewegungsfreiheit besteht. Zu weit l\u00e4\u00dft er sich allerdings nicht treiben, denn radikale Unabh\u00e4ngigkeit ist nur im Kopf zu haben, sie teilt sich weder Sprachsymbolen, noch k\u00f6rperlichen F\u00e4higkeiten mit. Der Enthusiasmus des absolut sauberen Beginns ist am Ende dieses Jahrhunderts abgeklungen. &#8220;Es ist so schwer, den Anfang zu finden. Oder besser: Es ist schwer, am Anfang anzufangen. Und nicht zu versuchen, weiter zur\u00fcckzugehen.&#8220; 8 Weiter zur\u00fcckgehen hie\u00dfe, einen Klebezettel zu suchen, der unabtrennbar mit der Klebfl\u00e4che verbunden ist. Aber was angeheftet werden kann, kann auch gel\u00f6st werden. Die Arbeiten, denen dieser Katalog gilt, beginnen in der Mitte des Wahrnehmungsverh\u00e4ltnisses, an Anf\u00e4ngen, die \u00fcber jeden Zweifel nicht erhaben sind.<\/p>\n<p>Anmerkungen<\/p>\n<p>1 Mitchell, W.T. J.: Ut Pictura Theoria. Abstract Painting and the Repression of Language. In: Critical Inquiry 15 (1989)\/2 S.361<\/p>\n<p>2 Crow, Thomas: The Birth and Death of the Viewer. In: Forster, Hal (ed.): Discussions in Contemporary Culture, Seattle 1987, S.3<\/p>\n<p>3 Mises, Richard von: Kleines Lehrbuch des Positivismus. Einf\u00fchrung in die empiristische Wissenschaftsauffassung. Herausgegeben und<\/p>\n<p>eingeleitet von Friedrich Stadler. Frankfurt\/Main 1990 (stw 871), S.165<\/p>\n<p>4 a.a.O.<\/p>\n<p>5 Sommer, Manfred: Evidenz im Augenblick. Eine Ph\u00e4nomenologie der reinen Empfindung. Frankfurt\/Main 1987<\/p>\n<p>6 Mises S.166<\/p>\n<p>7 Heidegger, Martin: Sein und Zeit. T\u00fcbingen 1963, S.163f<\/p>\n<p>8 Wittgenstein, Ludwig: \u00dcber Gewi\u00dfheit \u00a7 471<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>15 NOTIZEN \u00dcBER WELTVERBUNDENHEIT* Herbert Hrachovec Seit menschliche Wesen die Welt wahrnehmen geraten sie in eine Schwierigkeit. Ihre Sinnesorgane nehmen Eindr\u00fccke aus der Umgebung auf, aber das tun auch Biotope oder Thermometer. Um aus einer Organreizung Wahrnehmung werden zu lassen, ist eine zus\u00e4tzliche Verarbeitungsleistung erforderlich. Ihre Gesetzlichkeiten operieren relativ unabh\u00e4ngig von externen Impulsen. 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