{"id":664,"date":"2016-09-17T17:47:34","date_gmt":"2016-09-17T17:47:34","guid":{"rendered":"http:\/\/krach.philo.at\/?page_id=664"},"modified":"2016-09-17T17:47:34","modified_gmt":"2016-09-17T17:47:34","slug":"afraid-of-no-ghost","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrachovec.philo.at\/?page_id=664","title":{"rendered":"Afraid of no Ghost"},"content":{"rendered":"<p><strong>Herbert Hrachovec: Afraid of no Ghost<\/strong><\/p>\n<p>Trag\u00f6dien, in denen die Welt noch in Ordnung ist, gipfeln im 3.Akt; der vierte zeigt den Fall des Helden. ,,Hamlet&#8222; pa\u00dft nicht ins Muster. Es dauert bis in den 4.Akt hinein, da\u00df sich der Prinz aufschwingt und zu den Waffen greift. Und dabei mu\u00df er sich noch k\u00fcnstlich in kriegerische Stimmung bringen.<\/p>\n<p>Jacques Derridas Hommage an Marx beginnt und schlie\u00dft mit ,,Hamlet&#8222;. Auch in diesem Drama ist der Prinz zu sp\u00e4t dran. ,,Ich glaube an die politische Tugend der Unzeitigkeit. Und wenn etwas Unzeitiges nicht die mehr oder weniger kalkulierte Chance hat, gerade zur rechten Zeit zu kommen, dann kann das Unzweckm\u00e4\u00dfige einer (politischen oder sonstigen) Strategie immer noch zeugen von der Gerechtigkeit &#8230;&#8222;. Ein Zeugnis, das Derrida in zwei sehr unterschiedlichen Formen ablegt.<\/p>\n<p>Die eine Strategie, die einen Gro\u00dfteil des Buches einnimmt, ist bissige, brilliante und breitspurige Polemik gegen den Zeitgeist in puncto Karl Marx. Mit unverhohlenem Triumphton haben Kommentatoren ihn zweimal und \u00f6fter sterben lassen. ,,Aber der wirksame Exorzismus gibt sich den Anschein, den Tod festzustellen, nur um zu t\u00f6ten. Er stellt den Tod fest wie ein Gerichtsmediziner, aber hier geschieht das, um den Tod zu geben. Diese Taktik kennt man.&#8222; Sie verbreitet sich, seit von Philosophen verlangt wird, beim Fall der Mauern und der Bomben live auf Sendung zu sein.<\/p>\n<p>So klug sind Theoretiker nicht, da\u00df sie sich &#8211; die Medienregie im R\u00fccken &#8211; den Plattheiten derartiger Augenblicke entziehen k\u00f6nnten. ,,Kurz und gut, es handelt sich oft darum, dort den Tod vorgeblich nur festzustellen, wo die Sterbeurkunde der Performativ einer Kriegserkl\u00e4rung ist oder die ohnm\u00e4chtige Geb\u00e4rde, der unruhige Traum einer T\u00f6tung.&#8222; Derrida hat sich einem solchen aggressiven Konformismus auf eindrucksvolle Weise entzogen. Er liest ,,Hamlet&#8222;. Dort erscheint zu Beginn bekanntlich ein Gespenst. Eine Geistererscheinung ist alles andere, als eindeutig. Von ihr aus rollt Derrida die ,,neue Weltordnung&#8222; nach dem Ende des kalten Krieges auf.<\/p>\n<p>,,Welchen Modus der Pr\u00e4senz hat ein Gespenst? Das ist die einzige Frage, die wir hier stellen wollen.&#8222; Ein Gespenst &#8211; ein Geist &#8211; entzieht sich der Fixierung auf vergangen, gegenw\u00e4rtig, k\u00fcnftig. Es irritiert, weil es die Absperrungen zwischen den Zeiten ignoriert. Ein toter K\u00f6nig kehrt wieder und spricht von Ereignissen, die in der Zukunft liegen m\u00fc\u00dften. &#8211; Ist doch alles nicht wahr! &#8211; Na sicher, es ist unglaublich; gerade das Gegenteil der Versessenheit auf klare Grenzen hier und jetzt. ,,Theoretiker oder Zeugen, Zuschauer, Beobachter, Gelehrte und Intellektuelle &#8211; die scholars glauben stets, es gen\u00fcge, zuzusehen.&#8222; Dagegen Derrida: Wir sollten zum Gespenst sprechen. Etwas weniger theatralisch formuliert: uns auf den unabgegoltenen Rest von Menschenleben einlassen.<\/p>\n<p>Zu diesem Zweck r\u00fchrt Derrida seitenlang in verschiedenartigen Texten (Shakespeare, Marx, Stirner, Blanchot, Fukuyama). Das ist nicht mein Fall. Doch mitunter formuliert er atemberaubend scharfe Attacken. Nicht zuf\u00e4llig h\u00e4ngen sie oft an der zweiten Strategie seiner Zeugenschaft, einer Art metaphysischer Generalmobilmachung. Dazu ein Beispiel. ,,La\u00dft die Toten ihre Toten begraben!&#8222; ist die Devise der unbek\u00fcmmerten Fortschrittsfraktion, die den historischen Marx selbst mit einschlie\u00dft. Derrida: ,,Das hat keinen Sinn, es ist unm\u00f6glich. Nur Sterbliche, nur Lebende, die keine lebenden G\u00f6tter sind, k\u00f6nnen die Toten begraben.&#8222; In diesem Kontext hei\u00dft das: ihr Erbe \u00fcbernehmen. Sich um den Inhalt des Vergangenen sorgen, statt ihn wegzupacken, oder zwanghaft dem Exorzismus zu unterwerfen. Das ist der Anlauf, jetzt kommt der Sprung.<\/p>\n<p>Das Unm\u00f6gliche ist denkbar, tote Totengr\u00e4ber. Lebende, die diese Bezeichnung nicht verdienen, weil ihr Verh\u00e4ltnis zur Zeit abgestorben ist. ,,Was ist der Mensch\/Wenn seiner Zeit Gewinn, sein h\u00f6chstes Gut\/Nur Schlaf und Essen ist? Ein Vieh, nichts weiter, &#8230;&#8222; (Hamlet IV, 4). In Derridas Buch \u00fcber die Gas\u00f6fen war das Stichwort Asche. Sie ist der R\u00fcckstand, der keine Form mehr halten kann. Auch am Ende des Marx-Buches taucht sie auf: ,,Da\u00df das Grund-lose dieses Unm\u00f6glichen trotzdem stattfinden kann, das ist im Gegensatz dazu der Untergang oder die absolute Asche, die Drohung, die es zu denken und, warum nicht, noch einmal auszutreiben gilt.&#8222;<\/p>\n<p>Der Exorzismus der unfa\u00dfbaren Bedrohung, f\u00fcr den Derrida hier eintritt, kann nicht mit Mitteln der Verdr\u00e4ngung arbeiten. Er mu\u00df die Geister sachgerecht heraufbeschw\u00f6ren, damit die Welt sieht, was es mit ihnen auf sich hat, und wie man sie &#8211; als Spukgestalten &#8211; anerkennt und bes\u00e4nftigt. ,,Nicht, um ihnen in diesem Sinne Recht wiederfahren zu lassen, sondern aus Sorge um die Gerechtigkeit.&#8222; Die Geistergeschichten, die Derrida erz\u00e4hlt, sind, inmitten zahlreicher Ablenkungsman\u00f6ver, hin und wieder auf&#8217;s \u00c4u\u00dferste zugespitzt. Unversehens wird Marx zur Figur des ,,Messianismus der W\u00fcste&#8222;, ein Verk\u00fcnder unfa\u00dfbarer Gerechtigkeit.<\/p>\n<p>Vorsicht mit solchen Worten. Kaum da\u00df Derrida sie hingeschrieben hat, zieht er sie zur\u00fcck. ,,Messianismus der W\u00fcste (ohne Inhalt und ohne identifizierbaren Messias)&#8222; und auch die W\u00fcste ist nat\u00fcrlich nicht normal, sondern die ,,W\u00fcste der W\u00fcste&#8222;. Dekonstruktion ist ein patentiertes Verfahren, den R\u00fccken beim Waschen trocken zu halten. Darum kann trotz ihrer Unm\u00f6glichkeit die Rede sein von ,,der Ankunft des anderen, der absoluten und nicht antizipierbaren Singularit\u00e4t des Ank\u00fcnftigen als Gerechtigkeit. Dieses Messianische bleibt, so glauben wir, ein unausl\u00f6schliches Kennzeichen des Marxschen Erbes &#8211; ein Kennzeichen, das weder ausgel\u00f6scht werden kann noch darf &#8211; und zweifellos auch ein Kennzeichen des Erbes, der Erfahrung des Erbes im allgemeinen.&#8222; Scharf aufgespie\u00dft sagen diese Wendungen: Marx ist ein Prophet. Derrida tut, was er kann, um daraus denkerisch Gewinn zu ziehen.<\/p>\n<p>Der Jammer mit Propheten ist, da\u00df sie Glauben fordern. Sie sind viel interessanter, als die Eindeutigkeit, zu der sie aufrufen. Derrida leistet sich den Luxus, ohne Glauben zu predigen. ,,Das ist der Grund, warum eine solche Dekonstruktion nie marxistisch gewesen ist, ebensowenig wie nicht-marxistisch, obwohl sie einem gewissen Geist des Marxismus treu geblieben ist &#8230;&#8222;. Immer wieder dasselbe Geduldspiel, harmlos und impertinent in Einem. Wie wichtig ist ein solches Bekenntnis? Das l\u00e4\u00dft sich nur beurteilen, wenn man einen Blick auf den bisherigen Verlauf des Projektes wirft. K\u00fcrzlich sind zwei zentrale Aufsatzsammlungen, ,,Dissemination&#8222; und ,,Gestade&#8222; aus den Jahren 1972 und 1986 erstmals integral in deutsch erschienen.<\/p>\n<p>Bes\u00e4\u00dfen diese B\u00e4nde ein Register, ,,Marx&#8222; w\u00fcrde dort, soviel ich sehe, fehlen. Die Arbeiten, von denen viele mittlerweile klassisch geworden sind, handeln von Platon, Hegel, Mallarm\u00e9 und Blanchot. Das schlie\u00dft nicht aus, da\u00df sie ,,im Geiste des Marxismus&#8222; verfa\u00dft sein k\u00f6nnten. Andererseits: Es empfiehlt sich nicht,\tDerrida beim Wort zu nehmen. Seine Texte halten die Mitte zwischen punktgenauer Kompaktheit\tund Zersteuung. In der Nacherz\u00e4hlung geht das sofort verloren. Jeder, der aus ,,Marx&#8216; Gespenster&#8222; einen Marxismus Derridas herausliest, macht sich l\u00e4cherlich.<\/p>\n<p>In den Aufsatzb\u00e4nden sieht man die Dekonstruktion bei der Arbeit. Im Marx-Buch werden die Fragen aufgeworfen, ob diese Arbeit den Marxismus zum Vorbild nehmen kann und\/oder ob sie ihn f\u00fcr sich verdaut. Gespenster, aber auch das Einverleiben einer Mahlzeit, sind schaurig-sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Jacques Derrida: Marx&#8216; Gespenster. Der verschuldete Staat, die Trauerarbeit und die neue Internationale. Aus dem Franz\u00f6sischen von Susanne L\u00fcdemann. Frankfurt\/Main 1995. 283 S. Fischer Taschenbuch Verlag<br \/>\nders.: Gestade. Aus dem Franz\u00f6sischen von Monika Buchgeister und Hans-Walter Schmidt. Wien 1994. 299 S. Passagen Verlag<br \/>\nders.: Dissemination. Aus dem Franz\u00f6sischen von Hans-Dieter Gondek. Wien 1995. 461 S. Passagen Verlag<br \/>\nhh<br \/>\nSun Sep 1 10:10:17 MET DST 1996<br \/>\n0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herbert Hrachovec: Afraid of no Ghost Trag\u00f6dien, in denen die Welt noch in Ordnung ist, gipfeln im 3.Akt; der vierte zeigt den Fall des Helden. ,,Hamlet&#8222; pa\u00dft nicht ins Muster. Es dauert bis in den 4.Akt hinein, da\u00df sich der Prinz aufschwingt und zu den Waffen greift. 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