{"id":690,"date":"2016-09-18T10:08:07","date_gmt":"2016-09-18T10:08:07","guid":{"rendered":"http:\/\/krach.philo.at\/?page_id=690"},"modified":"2016-09-18T10:08:07","modified_gmt":"2016-09-18T10:08:07","slug":"menschenrecht-heimat","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrachovec.philo.at\/?page_id=690","title":{"rendered":"Menschenrecht Heimat"},"content":{"rendered":"<p><strong>Herbert Hrachovec: Menschenrecht Heimat <\/strong><\/p>\n<p>Die Schwierigkeit ist schon vom Titel abzulesen. Heimat ist ein Teil der Welt ohne Menschenrechtserkl\u00e4rungen. In ihr k\u00f6nnen sich Menschen aufhalten, ohne auf Menschlichkeit pochen zu m\u00fcssen. Gesetz bricht die heimatliche Unbefangenheit, deren Nutznie\u00dfer wie von selber wissen, wo sie hingeh\u00f6ren. ,,Menschenrecht Heimat &#8220; sagt: Wir klagen einen Zustand ein, in dem wir die Justiz nicht brauchen.<\/p>\n<p>Hilflosigkeit und Zynismus liegen in dieser causa nahe beieinander. Nat\u00fcrlich schreit das Kleinkind, wenn seine heile Welt durchbrochen wird. Umgeben von der elterlichen Zuwendung hatte es keinen Anla\u00df, sich auf die Widrigkeiten der Umgebung einzustellen. Die &#8220;berechtigten Sorgen der Bev\u00f6lkerung&#8220; , von denen jetzt soviel die Rede ist, stammen aus einem \u00e4hnlich ern\u00fcchternden Schock, darum reagieren die Politiker auch prompt wie Kinderm\u00e4dchen. Nur der Frechdachs durchkreuzt lustvoll die p\u00e4dagogischen Anstrengungen und ruft die Bev\u00f6lkerung auf, sich nicht wegnehmen zu lassen, was sie nicht verdient hat. So sagt er es nat\u00fcrlich nicht, aber das ist die Pointe der Verkn\u00fcpfung von Rechtsdenken und Urt\u00fcmlichkeit.<\/p>\n<p>In ihr steckt eine Wahrheit. Um sie ans Licht zu bringen, ist der Vergleich zwischen den Bed\u00fcrfnissen des S\u00e4uglings und dem &#8222;angestammten Recht einer nationalen Gruppe&#8220; auseinander zu falten. In den ersten Phasen ihres Lebens bed\u00fcrfen Menschen st\u00e4ndiger Obhut, sonst sind sie dauerhaft gesch\u00e4digt. Dieser sozio-biologische Sachverhalt wird allerorten mit moralisch-rechtlichen Leits\u00e4tzen umgeben und verst\u00e4rkt. Hier ist auch P\u00e4dagogik unvermeidlich. Die Einsicht ins Realit\u00e4tsprinzip braucht Zeit. So hoffen Bundespr\u00e4sident, Bundes- und Vizekanzler die Bev\u00f6lkerung auch auf die drohenden Ersch\u00fctterungen aus dem Osten vorzubereiten. Ein Kind hat seine Eltern, ein Volk seine Heimat. Etwas stimmt nicht an der Parallele. Die Heimat, die Erwachsene gegen Einbr\u00fcche von au\u00dfen verteidigen, ist immer auch ein Sammelplatz verkl\u00e4rter Entt\u00e4uschungen.<\/p>\n<p>Der lebensnotwendige Schutzraum, mit dem die Existenz beginnt, wird leicht zu einem Reservat, das Schutztruppen verteidigen. Die Gr\u00fcnde liegen darin, da\u00df erstens ein St\u00fcck Kindheit Teil des Erwachsenenlebens bleibt und sich zweitens m\u00e4chtig aufbl\u00e4ht, wenn die Zukunft sich verdunkelt. Familien, Vereine und Nationen verf\u00fcgen \u00fcber Gr\u00fcndungsmythen, aus denen sie die Kraft beziehen, sich unter schwierigen Umst\u00e4nden zu erhalten. Darauf besteht kein Rechtsanspruch. Aber es ist ein raffinierter Schachzug, ihnen einzureden, ihr Pl\u00e4tzchen in der Welt sei nur f\u00fcr sie geschaffen. Das hei\u00dft: Sie k\u00f6nnen darauf bestehen, nicht zu fragen, was ihnen Recht auf Leben gibt. \u00dcber das Begehren der K\u00f6rper und sogar der Texte ist in der progressiven Psychoanalyse viel geschrieben worden. Pikanterweise ist das Volksbegehren (zur Ausl\u00e4nderproblematik) auch so ein Akt der Emanzipation von intellektuellen Skrupeln.<\/p>\n<p>Es ist richtig, da\u00df man an das Intimste nicht durch \u00f6ffentliche Diskussion herankommt. Und es ist falsch, daraus zu schlie\u00dfen, da\u00df es f\u00fcr sich selber sprechen kann. Seine Verletzung hat schon immer stattgefunden, darum ist die Rede von der Heimat unweigerlich beschw\u00f6rend und beschwichtigend, das Gegenteil des juristischen Diskurses. Dieser beginnt mit der Erkenntnis &#8220; Shit happens, jene mit einer Konstruktion davon, wie das zu verhindern gewesen w\u00e4re. &#8218; Menschenrecht Heimat&#8220; enth\u00e4lt einen Widerspruch. Ihn auszuklammern ist ein Traum, den Traum unanalysiert zu propagieren eine Straftat.<\/p>\n<p>Und nun zum Caritasdirektor. Er hat dem Frechdachs nach einem Gespr\u00e4ch in einigen Punkten rechtgegeben. Ich halte das f\u00fcr mutig und erfreulich unklug, Gott sei dank nicht staatstragend. Dr. Sch\u00fcller traut sich was und das ist eine Qualit\u00e4t, welche die rechte Opposition monopolisiert zu haben schien. Seine Intervention ist ein Versuch, die Politik der Heimat in ihre beiden harmlosen, Bestandteile zu zerlegen: mit allen Mitteln &#8211; Menschen helfen. Die explosive Mischung entsteht erst, wenn jemand alle Mittel recht sind, sich selbst zu helfen. Warum soll man die Phrasen eines Politikers nicht beim Wort nehmen?<br \/>\nNicht zuf\u00e4llig st\u00f6rt gerade ein Kleriker die eingefahrenen Reflexe. Die religi\u00f6se Antwort auf das Problem &#8218;Menschenrecht Heimat&#8220; ist ein Zufluchtsort in Gott; Barmherzigkeit ist die Parole. Immerhin eine M\u00f6glichkeit, das intrigante Aufstacheln von Existenzangst und Ressentiment zu unterlaufen, mit dem die neue Rechte den zur Normalit\u00e4t geronnenen Interessenausgleich der sozialen Marktwirtschaft ersch\u00fcttert. Glaube, der die Erde liebt. Schwieriger ist es f\u00fcr die modernen Individuen, die an Stelle der N\u00e4chstenliebe den Rechtsstaat erfunden haben. Sie unterliegen einem raffinierten Dreh&#8216;. Die Utopie, der sie abgeschwuren, tritt ihnen als aggressive Selbstbehauptung in den Weg.<\/p>\n<p>Die Heimat, die sie verlassen haben, r\u00e4cht sich, indem sie die Zur\u00fcckgebliebenen mobilisiert. Es schien einmal, da\u00df die Menschenrechtskonvention auf alle F\u00e4lle in die Zukunft weist. Jetzt zeigt sich, da\u00df die schauerlichsten T\u00f6lpel auf ihrer Gleichberechtigung bestehen. Die Konsequenzen? Soviel wie m\u00f6glich \u00fcber das Recht auf menschenw\u00fcrdige Verh\u00e4ltnisse reden, obwohl es ein Unding ist.<\/p>\n<p>Die Konstruktion braucht einen starken Glauben oder hohes rhetorisches Talent. Alles sollte geschehen, um dieTriebkonstellation, die sich hinter der Formulierung verbirgt, an die Oberfl\u00e4che zu bringen. Insofern ist die Beschwerde, die Ewiggestrigen w\u00e4ren im Vormarsch, fehl am Platz. Jeder Mensch mit Ged\u00e4chtnis ist auch ewig gestrig. Offen bleibt, was er sonst noch sein kann. Die Kreisleiter operieren damit, da\u00df die Zukunft die gute alte Zeit wieder etabliert; die Koalition der Vernunft m\u00fc\u00dfte plausibel machen, wie beschr\u00e4nkt das ist. Die Heimat zuzubetonieren erzeugt keinen Skandal, solange es sich um Hotels handelt. Da reicht das Schild &#8222;Alles besetzt&#8216;. Wie auf der Toilette.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herbert Hrachovec: Menschenrecht Heimat Die Schwierigkeit ist schon vom Titel abzulesen. Heimat ist ein Teil der Welt ohne Menschenrechtserkl\u00e4rungen. In ihr k\u00f6nnen sich Menschen aufhalten, ohne auf Menschlichkeit pochen zu m\u00fcssen. 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