{"id":701,"date":"2016-09-18T10:33:15","date_gmt":"2016-09-18T10:33:15","guid":{"rendered":"http:\/\/krach.philo.at\/?page_id=701"},"modified":"2016-09-18T10:33:15","modified_gmt":"2016-09-18T10:33:15","slug":"anschauungsunterricht","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrachovec.philo.at\/?page_id=701","title":{"rendered":"Anschauungsunterricht"},"content":{"rendered":"<p><strong>Herbert Hrachovec: Anschauungsunterricht<\/strong><\/p>\n<p>An ,,Taxi Orange&#8222; wird h\u00e4ufig kritisiert, da\u00df eine \u00f6ffentlich-rechtliche Sendeanstalt wie der ORF auf derart niedrigem Niveau mit kommerziellen Anbietern in Konkurrenz tritt. Der Vorwurf ist gedankenlos und snobistisch. ,,Taxi Orange&#8222; sollte im Gegenteil zur Erg\u00e4nzung der politischen Bildung verpflichtend in allen Schulen dieses Landes vorgeschrieben werden. Aus folgenden Gr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Die Sendung bietet einen gro\u00dfartigen Einblick in die Mechanismen der Meinungsbildung in Konsumdemokratien. Klassische Interessensvertretung durch Parteien, Kirchen und Verb\u00e4nde greift zunehmend zu kurz. Das Fernsehen versammelt eine Gruppe von Personen, deren Popularit\u00e4t die Zuseherinnen und Zuseher bestimmen k\u00f6nnen. In Ermangelung eines stabilen gesellschaftlichen Wertsystems m\u00fcssen die ausgew\u00e4hlten Versuchskaninchen alles dransetzen, um sich in den Vordergrund zu spielen und f\u00fcr ihr Verhalten Stimmen zu sammeln.<\/p>\n<p>Das erkl\u00e4rt die k\u00fcnstlich aufgeheizte Stimmung im Kutscherhof. Sie ist gut mit der Medienbeflissenheit konventioneller Politiker vergleichbar und wirkt entsprechend l\u00e4cherlich. Die L\u00e4cherlichkeit ist jedoch in dem Regeln der Mediengesellschaft begr\u00fcndet. Wenn die Bev\u00f6lkerung unter dem Einflu\u00df von Kameras Entscheidungen zu treffen hat, soll es niemanden wundern, da\u00df sich die wahlwerbenden Personen aufgeregt zu positionieren suchen.<\/p>\n<p>Die Frage nach Inhalten ist damit &#8212; abgesehen von Sch\u00f6nheitswettbewerben im weitesten Sinn &#8212; noch nicht vom Tisch. Die Kandidatinnen und Kandidaten ben\u00f6tigen ,,Positionen&#8222;, mit denen sie identifiziert und qualifiziert werden k\u00f6nnen. ,,Taxi Orange&#8222; ist ein Lehrst\u00fcck des komplizierten Prozesses, der zu TV-gesteuerten, politisch wirksamen Zuschreibungen f\u00fchrt. Entscheidend ist eine unvermeidliche, produktive Spaltung. Positionen k\u00f6nnen einerseits nur relativ zur Gruppe bezogen werden, deren Mitglieder zur Auswahl stehen; andererseits treffen sie sich aber gerade darum niemals genau mit den diffusen Pr\u00e4ferenzen des ,,Wahlvolkes&#8222;.<\/p>\n<p>Die Mitglieder der Taxi-WG gewinnen ihr Profil durch die Interaktionen, zu denen sie in ihren Zusammenk\u00fcnften unter Kamera-Aufsicht gen\u00f6tigt sind. Sie bieten damit Projektionsfl\u00e4chen, auf welche die Fernsehkonsumenten ihre W\u00fcnsche und Meinungen abbilden. Diese Identifikationen sind wahlentscheidend: die Stimme geht an jene Person, die im Mikrokosmos des vorgespielten ,,politischen Lebens&#8222; am ehesten die Auffassungen des abstimmenden Individuums vertritt. Die angesprochene Spaltung f\u00fchrt dazu, da\u00df ein fernsehgerecht stilisiertes B\u00dcndel von Entscheidungsoptionen, eingebettet in die entsprechende Dramaturgie, ,,der \u00d6ffentlichkeit&#8222; zur Auswahl angeboten wird.<\/p>\n<p>Der Aspekt politischer Bildung wird durch die Inszenierung der w\u00f6chentlichen Wahl des Publikumslieblings massiv unterstrichen. Auf den ersten Blick scheint die Abfrage der Resultate dem europ\u00e4ischen Song-Contest nachempfunden. Passender ist ein Vergleich mit der Show am nationalen Wahlsonntag. Bundesland f\u00fcr Bundesland wird \u00fcber die Darbietung innerhalb der Testgruppe abgestimmt. W\u00e4hrend das Vokabular diverser Interessensvertretungen kaum Erfolg verspricht, behauptet sich das landsmannschaftliche Denken \u00fcberraschend stark.<\/p>\n<p>Besser l\u00e4\u00dft sich ein zentrales Dilemma des gegenw\u00e4rtigen politischen Prozesses kaum illustrieren. Ober\u00f6sterreicher k\u00f6nnen noch so \u00fcberzeugt f\u00fcr ihre Kandidatin eintreten, auf Bundesebene sind sie damit chancenlos. Dort reussieren jene Personen, denen es am glaubw\u00fcrdigsten gelingt, einen Sinn f\u00fcr die Kommunit\u00e4t mit der Existenz als Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr Zuseherinnen und Zuseher zu verbinden. Die beiden nicht-konformen Frauen finden sich am unteren Ende der Skala, der generell ,,coole&#8222; bzw. einf\u00fchlsame Kandidat ganz oben. Die ,,bodenst\u00e4ndigen&#8222; W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler m\u00fcssen mit den Erfolgen von Repr\u00e4sentanten leben, die ihre provinziellen Vorlieben durchkreuzen. (Ein erprobtes Mittel, um diese Niederlage umzudrehen, ist die Mobilisierung von Ressentiments.)<\/p>\n<p>Zuletzt eine besonders p\u00e4dagogische Pointe. Der Sieger der Abstimmung ist bei seinen Entscheidungen ma\u00dfgeblich an die internen Gesetzlichkeiten der Gruppe gebunden. Er ist nicht einfach Exekutor des ,,Volkswillens&#8222;, sonst m\u00fc\u00dfte er die jeweils letztklassierte Person nach Hause schicken. So entsteht ein Widerspruch zwischen seiner Wahrnehmung des ,,Gemeinwohls&#8222; und dem Druck der Stra\u00dfe. Der Stoff verantwortungsbewu\u00dfter Politik. Gegen die Snobs und medienkritischen Voyeuere: ein Votum f\u00fcr Max und Robert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herbert Hrachovec: Anschauungsunterricht An ,,Taxi Orange&#8222; wird h\u00e4ufig kritisiert, da\u00df eine \u00f6ffentlich-rechtliche Sendeanstalt wie der ORF auf derart niedrigem Niveau mit kommerziellen Anbietern in Konkurrenz tritt. Der Vorwurf ist gedankenlos und snobistisch. ,,Taxi Orange&#8222; sollte im Gegenteil zur Erg\u00e4nzung der politischen Bildung verpflichtend in allen Schulen dieses Landes vorgeschrieben werden. Aus folgenden Gr\u00fcnden. 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