{"id":705,"date":"2016-09-18T10:38:52","date_gmt":"2016-09-18T10:38:52","guid":{"rendered":"http:\/\/krach.philo.at\/?page_id=705"},"modified":"2016-09-18T10:38:52","modified_gmt":"2016-09-18T10:38:52","slug":"staatstrauer","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrachovec.philo.at\/?page_id=705","title":{"rendered":"Staatstrauer"},"content":{"rendered":"<p><strong>Herbert Hrachovec: Zum Seilbahnungl\u00fcck in Kaprun<\/strong><\/p>\n<p>Staatstrauer kann nicht von der Zahl der Opfer abh\u00e4ngen. Es ist vorstellbar, da\u00df sie dem Tod einer Einzelperson gilt und unvorstellbar, eine Ziffer festzulegen, ab der sie obligatorisch wird. Formal gesehen wird sie von befugten Instanzen angeordnet, ein b\u00fcrokratischer Vorgang, wie eine Zivilschutz\u00fcbung. Offenbar reichen solche \u00c4u\u00dferlichkeiten nicht, um die Qualit\u00e4t der kollektiven Betroffenheit zu erfassen, die das Land gegenw\u00e4rtig in Bann h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Es hilft, bescheidener zu fragen: Was ist der Unterschied zwischen dem aktuellen Zustand und der Reaktion auf andere Katastrophen, die noch im Ged\u00e4chtnis sind? Wie gesagt: die Zahlen k\u00f6nnen es nicht sein. Dann dr\u00e4ngt sich eine Beobachtung auf, die das Ereignis in einen Zusammenhang mit dem politischen Klima r\u00fcckt. Weder die Gefahren der Natur, noch diejenigen der Technik, haben direkt mit dem Staat zu tun. Beim Lawinenabgang oder beim Grubenungl\u00fcck verhielt sich die politische F\u00fchrung als Repr\u00e4sentant der geschockten Bev\u00f6lkerung. Die Ausrufung der Staatstrauer bringt eine Zusatzqualit\u00e4t.<\/p>\n<p>Die Politik bestimmt, da\u00df diese Trauer alle angeht. Unter verschiedenen Umst\u00e4nden ist das ganz normal: wenn das amtierende Staatsoberhaupt stirbt oder eine Raumf\u00e4hre explodiert. Das liegt daran, da\u00df es sich in solchen F\u00e4llen um von vornherein national-staatlich besetzte Akteure handelt. Die Frage nach dem Spezifikum des Umgangs mit dem Ungl\u00fcck in Kaprun spitzt sich zu: Was hat diese Katastrophe, das vergleichbar niederschmetternde Ereignisse nicht hatten?<\/p>\n<p>Sie eignet sich zur Herstellung nationaler Identit\u00e4t. Indem die Verantwortlichen einen Staatsakt dekretieren, kanalisieren sie eine Welle emotionaler Energie zum Antrieb f\u00fcr die F\u00fchrung ihrer Amtsgesch\u00e4fte. Vielleicht l\u00e4\u00dft sich der Zwiespalt so verdeutlichen: Die Toten dieses Tunnelbrandes werden keine posthumen Orden erhalten. Das hie\u00dfe, da\u00df sie zum Nutzen des Gemeinwesens umgekommen sind. Ihr Schicksal ist nicht weniger schrecklich, dennoch pa\u00dft es nicht in das Muster. Wer von einem Ungl\u00fcck dieses Ausma\u00dfes nicht ersch\u00fcttert wird, ist gef\u00fchlskalt; wer sich gegen die Staatstrauer ausspricht, ist ein schlechter \u00d6sterreicher.<\/p>\n<p>Es herrscht die Politik der Gef\u00fchle. Menschen erregen sich und handeln emotional, damit m\u00fcssen die Volksvertreter nat\u00fcrlich rechnen. Aber die Phrase &#8222;In dieser Situation sind wir alle zutiefst ersch\u00fcttert&#8220; kippt leicht zur Drohung. Was sind die Katastrophen, denen die Anteilnahme des Landes gelten soll? Derzeit entscheidet dar\u00fcber das Fernsehen. Es sind abrupte, singul\u00e4re Zwischenf\u00e4lle, die sich gut in Sondersendungen pr\u00e4sentieren lassen. Mindestens so ersch\u00fctternd sind strukturelle Mi\u00dfst\u00e4nde und institutionalisierte Ungerechtigkeit. Doch das ist nicht der Typus von Problem, dessentwegen Staatstrauer am Programm steht.<\/p>\n<p>Als Kontrapunkt gegen die Verarbeitung der Katastrophe in den Medien hier noch eine Erinnerung an Bilder, die Tod als Gesellschaftsfaktor darstellen, ohne zur Regierungstreue zu animieren. Otto Neurath, der gro\u00dfe Wiener Sozialwissenschaftler, hat in seiner Bildstatistik demonstriert, was an Naturabl\u00e4ufen Menschenwerk ist und da\u00df der Staat andere Aufgaben hat, als sich zur Gegenzeichnung der Sensationsberichterstattung bereit zu finden. Ein Schaubild, das die Einkommensgewinne durch die Gletscherbahn in ein Verh\u00e4ltnis zum Personen- und Sachschaden in der Region setzt, fehlt bisher.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herbert Hrachovec: Zum Seilbahnungl\u00fcck in Kaprun Staatstrauer kann nicht von der Zahl der Opfer abh\u00e4ngen. 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