{"id":712,"date":"2016-09-18T10:58:10","date_gmt":"2016-09-18T10:58:10","guid":{"rendered":"http:\/\/krach.philo.at\/?page_id=712"},"modified":"2016-09-18T10:58:10","modified_gmt":"2016-09-18T10:58:10","slug":"dasein-essen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrachovec.philo.at\/?page_id=712","title":{"rendered":"Dasein essen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Herbert Hrachovec: Mu\u00df Dasein essen?<\/strong><\/p>\n<p>In vielen religi\u00f6sen und philosophischen Verhaltensweisen manifestiert sich ein tiefer Wunsch: der Mensch soll nicht (mehr) essen m\u00fcssen. Oder sich zumindest auf ,,reine&#8222; Speisen beschr\u00e4nken, wie das ,,Brot des Lebens&#8222;. Auch Atheisten sind nicht ausgenommen. ,,Ganz anders interessiert mich eine Frage, an der mehr das ,Heil der Meschheit` h\u00e4ngt, als an irgend einer Theologen-Curiosit\u00e4t: die Frage der Ern\u00e4hrung.&#8222; (F. Nietzsche) Die Hypothek: ,,In der Tat, ich habe bis zu meinen reifsten Jahren immer nur schlecht gegessen &#8230;&#8222; ,,&#8230; bei mir schwebt der Geist \u00fcber dem Wasser &#8230;&#8222;. Die deutsche K\u00fcche ist f\u00fcr Friedrich Nietzsche gedankenfeindlich, unf\u00f6rmig, dickfl\u00fcssig. Ein freier Geist tut gut daran, ihr zu entsagen.<\/p>\n<p>Rindfleisch als Risikomaterial, mit Antibiotika angereichertes Schweinefleisch, genetisch ver\u00e4ndertes Gem\u00fcse &#8212; die Skepsis gegen\u00fcber Nahrungsmitteln ist hochaktuell. In ihr triumphiert der Geist \u00fcber den K\u00f6rper. Der Brocken bleibt den Essenden nicht unwillk\u00fcrlich im Hals stecken, sondern weil sie in eine Zukunft sehen, in der die sogenannten Lebensmittel verwendet werden, um Menschen in Abh\u00e4ngigkeit zu halten, zu manipulieren und sogar zu vergiften. Der theoretische Impuls bietet Hilfe zum Hungerstreik. Biologische Systeme h\u00e4ngen vom Stoffwechsel ab, der Mensch jedoch &#8212; Heidegger bezeichnet ihn als ,,Dasein&#8222; &#8212; kann sich enthalten. Dasein mu\u00df nicht essen.<\/p>\n<p>Die Formel steht daf\u00fcr, da\u00df Personen in der Lage sind ihrem K\u00f6rper den Gehorsam aufzuk\u00fcndigen. Das ist sozusagen ein Revanchefoul; allzu oft ist es umgekehrt: der K\u00f6rper k\u00fcndigt der Person seinen Gehorsam auf. Die Attraktivit\u00e4t der Askese besteht darin, die Macht des selbstbewu\u00dften Willens \u00fcber die Biomasse zu zelebrieren. Allerdings ist das auch nicht immer gesund und im Extremfall t\u00f6dlich. Die philosophische Fachliteratur ist im Augenblick voll von Publikationen, welche die Leibfeindlichkeit verdammen. Allerorten werden Residuen des Platonismus aufgest\u00f6bert; der Geist hat keinen Vorsprung vor dem K\u00f6rper; ,,embodiment&#8222; ist zum Schlagwort geworden. Das Argument scheint unangreifbar: die K\u00f6rperlichkeit (Geschlecht, ethnische Zuordnung, Ern\u00e4hrung &#8230;) wirkt bis in die abstraktesten menschlichen T\u00e4tigkeiten. Auch wenn es ,,Daseinsvollz\u00fcge&#8222; sind, bed\u00fcrfen sie der Nahrung. Dasein mu\u00df essen.<\/p>\n<p>Von Wittgenstein ist als Bonmot \u00fcberliefert, er habe auf die Frage nach seinen kulinarischen Vorlieben geantwortet: ,,Mir ist egal, was ich esse, solange es immer dasselbe ist.&#8222; Das pa\u00dft zum Klischee des weltfremden, k\u00f6rperfeindlichen Denkers. Die gegenw\u00e4rtige Aufregung \u00fcber die Fleischproduktion zeigt allerdings sehr deutlich, da\u00df unter Umst\u00e4nden das Essen selbst den K\u00f6rper in Gefahr bringt. Lang genug sind Einsiedler und idealistische Philosophen aggressiv und\/oder mitleidig betrachtet worden, weil sie die Herrschaft des Gedankens \u00fcber das Gekochte festgehalten haben. Sie lassen sich nicht mehr so leicht abwimmeln. Die sozio-\u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisse, die zur Verbreitung von Krankheitserregern und Tierseuchen f\u00fchren, sind alles andere als naturgegeben. Darum ist es berechtigt, der wissenschaftlich-technischen Nahrungsmittelproduktion den trotzigen Hinweis entgegenzusetzen, da\u00df ,,der Mensch&#8222; diesen ganzen Zauber eigentlich nicht braucht.<\/p>\n<p>Also was jetzt, mu\u00df das Dasein essen oder nicht? Es ist ja sch\u00f6n und gut, das Thema hin und her zu wenden, am Ende sollte aber eine klare Antwort stehen. &#8212; Nicht unbedingt. Warum mu\u00df man sich auf eine Seite festnageln lassen? Genau besehen lenkt die Titelfrage die Aufmerksamkeit gerade auf diesen Punkt. In einer Hinsicht ist es absurd, die Notwendigkeit des Essens in Frage zu stellen; andererseits unterscheiden wir uns vom Rest der Tierwelt dadurch, da\u00df wir absurde Fragen stellen k\u00f6nnen. Der vollst\u00e4ndige Verzicht auf Nahrungsmittel ist das Limit, von dem aus partielle Verweigerung denkbar ist.<\/p>\n<p>Der Beitrag des Konsumentenschutzverbandes zum Verh\u00e4ltnis von Geist und K\u00f6rper ist die \u00dcberpr\u00fcfung des Nahrungsmittelangebotes. Der christliche Glaube legt den Akzent auf geheiligtes Essen. Philosophie riskiert Unsinn, um Selbstverst\u00e4ndlichkeiten in Frage zu stellen. Eine Warnung ist allen drei Zugangsweisen gemeinsam: Achtung, bevor Du etwas in den Mund nimmst! Das gilt, in ausgleichender Gerechtigkeit, f\u00fcr Rindschnitzel und Aussages\u00e4tze.<\/p>\n<p>Appendix<\/p>\n<p>Der Titel zitiert den Vortrag eines jungen kroatischen Philosophen, Hrovje Juric. Er sprach im M\u00e4rz auf einem Workshop in Dubrovnik \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Martin Heidegger und Hans Jonas. (Das Referat ist als Tondokument erh\u00e4ltlich: http:\/\/audiothek.philo.at\/kongresse\/kn)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herbert Hrachovec: Mu\u00df Dasein essen? In vielen religi\u00f6sen und philosophischen Verhaltensweisen manifestiert sich ein tiefer Wunsch: der Mensch soll nicht (mehr) essen m\u00fcssen. Oder sich zumindest auf ,,reine&#8222; Speisen beschr\u00e4nken, wie das ,,Brot des Lebens&#8222;. 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