{"id":717,"date":"2016-09-18T12:59:50","date_gmt":"2016-09-18T12:59:50","guid":{"rendered":"http:\/\/krach.philo.at\/?page_id=717"},"modified":"2016-09-18T12:59:50","modified_gmt":"2016-09-18T12:59:50","slug":"bildverarbeitung-thema-wittgenstein","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrachovec.philo.at\/?page_id=717","title":{"rendered":"Bildverarbeitung. Thema Wittgenstein"},"content":{"rendered":"<p><strong>Herbert Hrachovec: Bildverarbeitung, Thema Wittgenstein<\/strong><\/p>\n<p>,,Das ist alles nur Text, gibt es keine Bilder&#8222; meinte der Kameramann des ORF, als ich dem Aufnahmeteam die on-line zug\u00e4nglichen Nachla\u00dfschriften Ludwig Wittgensteins vorf\u00fchrte. Tats\u00e4chlich haben die Herausgeber nicht daran gedacht, den tausenden Manuskriptseiten ein Wittgensteinportr\u00e4t voranzustellen, das kurz und b\u00fcndig einen Erinnerungseffekt ausl\u00f6st. Zu diesem Zweck mu\u00dfte ich mehrere Seiten durch das WWW klicken. Nach kurzer Suche war das Ziel erreicht: ein Foto des Philosophen als Identifikationsanker am Kopf eines einschl\u00e4gigen Informationsdepots.<\/p>\n<p>Die Ausstellung zum 100. Todestag Friedrich Nietzsches im Schillermuseum Weimar pr\u00e4sentiert etwa 50 Abbildungen Nietzsches. Aber f\u00fcr die Zwecke von Verlegern, Wissenschaftsmoderatorinnen und Kameram\u00e4nnern sind es bestenfalls 20 Bilder. Die anderen ,,sind nicht Nietzsche&#8222; in dem Sinn, da\u00df die Klientele sie nicht als diese Person erkennt. Angenommen, ich h\u00e4tte aus dem Familienbesitz der Wittgensteins ein bisher unbekanntes Foto vorweisen k\u00f6nnen. Dem ORF h\u00e4tte es an dieser Stelle nichts genutzt. In der beschr\u00e4nkten Zeit, die f\u00fcr das Feature zur Verf\u00fcgung steht, mu\u00df rasch das richtige Signal gesendet werden. ,,Der andere Wittgenstein&#8222; steht diesmal nicht am Programm. Bildung bedeutet unter dem Einflu\u00df der Massenmedien, da\u00df Philosophen der \u00d6ffentlichkeit wie Filmstars bekannt gemacht werden. Die wenigen etablierten Wittgensteinfotos zirkulieren in diversen Designs zwischen Prospekten, Plakaten und Presseaussendungen.<\/p>\n<p>Wittgenstein, der alles andere als ein gesellschaftskritischer Philosoph war, ist dennoch auf weite Strecken subversiv. Zum Identifikationseffekt bemerkt er: ,,Wenn Du Dir z.B. Namen wie Schubert, Haydn, Mozart, sagst und Dir dabei die Gesichter dieser M\u00e4nner vorstellst, so kann es Dir so vorkommen, als ob jene Namen der richtige Ausdruck f\u00fcr diese Gesichtsz\u00fcge w\u00e4ren; da\u00df etwa mit dem Namen Schubert dieses Gesicht richtig beschrieben sei.&#8222; Er hat nicht damit gerechnet, da\u00df ihm das selbst passiert, aber das Ph\u00e4nomen besch\u00e4ftigt ihn: der Kurzschlu\u00df zwischen Sprachelementen und visuellen Reizen. Der heikle Punkt der Koppelung besteht darin, da\u00df Sprache eigene Wege gehen kann und durch den Anblick einer Ikone am Fortschreiten gehindert wird. ,,Wittgenstein&#8222; als Name verweist auf Gedanken, die er entwickelt hat; ein Wittgensteinbild fixiert den Namen auf eine Ansicht.<\/p>\n<p>Man kann es b\u00f6se sagen: das Bild des Philosophen verweist unter den gegenw\u00e4rtigen Bedingungen nicht auf die Person, sondern auf die Medienkompetenz der Betroffenen. Mit Philosphie hat es nichts zu tun. Die Studentenbibliothek des Trinity College, Cambridge zierte in den 70-er Jahren eine polemische Fotoserie. Neben Portr\u00e4ts von G.E.Moore und B. Russell war eine Tafel ohne Wittgensteins Bild angebracht; stattdessen ein Zitat: Wittgenstein sei der \u00dcberzeugung gewesen, das Aussehen eines Menschen h\u00e4tte mit seinem Denken nichts zu tun. Da haben \u00fcbereifrige Sch\u00fcler den Meister in kritischem Bewu\u00dftsein \u00fcbertrumpfen wollen. Ihre Intervention f\u00fchrt in Richtung des gleicherma\u00dfen besorgten, wie snobistischen Einspruches gegen den nivellierenden Charakter der Medien. Wittgenstein selber ist subtiler subversiv. An der Stelle zu Schubert, Haydn und Mozart ist es gut abzulesen.<\/p>\n<p>Er sieht den Effekt und will ihn nicht entlarven. Gesellschaftliches Training f\u00fchrt dazu, da\u00df die sozialisierten Personen sich soetwas wie bedingte visuelle Reflexe angew\u00f6hnen. Ist das bedauerlich? &#8211; Das ist damit noch nicht gesagt. Fremd in Kalkutta bin ich auf ikonische Hinweise angewiesen. &#8211; Aber es ist doch sicherlich ein Mi\u00dfstand, da\u00df solche k\u00fcrzelhafte Verst\u00e4ndigungsweisen \u00fcberall um sich greifen und diskretere Zug\u00e4nge verdr\u00e4ngen. &#8211; Achtung! sagt Wittgenstein. Willst Du die Welt wahrnehmen, oder \u00fcber sie herziehen? Zu seinen eindrucksvollsten Leistungen geh\u00f6rt der Nachweis, da\u00df man nicht zwischen Positivismus und Gesellschaftskritik w\u00e4hlen mu\u00df.<\/p>\n<p>Wittgenstein bel\u00e4\u00dft es nicht beim Schubert-Haydn-Mozart-(Wittgenstein)-Blickfang. Wenige Zeilen weiter folgt einer seiner genialsten Aphorismen: ,,Wenn ich beschreiben will, wie ein Gegenstand aus der Ferne ausschaut, so wird diese Beschreibung dadurch nicht genauer, da\u00df ich sage, was ich bei der Betrachtung aus der N\u00e4he an ihm sehe.&#8222; Wer sich sofort \u00fcber den visuellen Reflex entr\u00fcstet, gleicht dem Wanderer, der die Fernsicht auf einen Gebirgszug f\u00fcr unzureichend h\u00e4lt. F\u00fcr manche Zwecke ist sie ein vorl\u00e4ufiger Behelf, das ist aber kein Grund, sie f\u00fcr andere abzuwerten. Es ist nicht fraglos selbstverst\u00e4ndlich, da\u00df die eingehende Kenntnis der Schriften des portr\u00e4tierten Philosophen besser ist, als der Oberfl\u00e4chenreflex. In einer solchen Attit\u00fcde steckt Bildungsd\u00fcnkel, wie im \u00dcberlegenheitsgehaben der Bergsteiger gegen Halbschuhtouristen. Erst wenn das abgewehrt ist, entsteht Platz f\u00fcr eine weitere Frage: Was ist der Vorteil, die Sache n\u00e4her zu betrachten?<\/p>\n<p>Wittgenstein hatte die Angewohnheit, Bemerkungen aus Notizheften in gro\u00dfe Schreibb\u00fccher zu \u00fcbertragen, sie daraus zu diktieren und die Typoskripte neuerlich zu \u00fcberarbeiten. Die B\u00fccher kaufte er in Wien, Cambridge oder Bergen. Ein Band aus dem Jahr 1931 ,,weist keine Beschriftung auf. Spiegel und Vorsatz sind aus lindgr\u00fcnem, glatten Papier, der Schnitt ist gr\u00fcn. Vorderer Spiegel mit einer einer aufgeklebten, kreisrunden, hellgr\u00fcnen Firmenvignette.&#8222; (M. Nedo) Das Gesch\u00e4ftszeichen einer Firma Greisinger aus St.P\u00f6lten. Wie kommt Wittgenstein dorthin? Hat er Verwandte auf der Hochreith besucht? Mit der Mariazellerbahn? Die Vignette pa\u00dft vor seine Gedanken: plakativ und beziehungslos, doch wenn man genauer hinsieht mit der Skizze eines leeren Buches.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herbert Hrachovec: Bildverarbeitung, Thema Wittgenstein ,,Das ist alles nur Text, gibt es keine Bilder&#8222; meinte der Kameramann des ORF, als ich dem Aufnahmeteam die on-line zug\u00e4nglichen Nachla\u00dfschriften Ludwig Wittgensteins vorf\u00fchrte. Tats\u00e4chlich haben die Herausgeber nicht daran gedacht, den tausenden Manuskriptseiten ein Wittgensteinportr\u00e4t voranzustellen, das kurz und b\u00fcndig einen Erinnerungseffekt ausl\u00f6st. 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