{"id":720,"date":"2016-09-18T13:03:00","date_gmt":"2016-09-18T13:03:00","guid":{"rendered":"http:\/\/krach.philo.at\/?page_id=720"},"modified":"2016-09-18T13:03:00","modified_gmt":"2016-09-18T13:03:00","slug":"720-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrachovec.philo.at\/?page_id=720","title":{"rendered":"einquartiert"},"content":{"rendered":"<p><strong>Herbert Hrachovec: Einquartiert<\/strong><\/p>\n<p>Menschengedenken. Um Gottes willen, was soll das f\u00fcr ein Anfang werden? Macht nichts, zweiter Versuch. Seit Menschengedenken war das Areal des Messepalastes im 6. Bezirk eine etwas verwahrloste, leicht ramponierte Stadtlandschaft. Seit vielen Jahren hat sie Veranstaltungen der Wiener Festwochen einen eigent\u00fcmlichen Charme verliehen. Ad hoc aufgebaute Zelte, in denen Sekt ausgeschenkt wurde; die Hochkultur mu\u00dfte nach dem Gewitter durch die Pf\u00fctzen stapfen; Stoffplanen \u00fcber abbruchreifen Fassaden.<\/p>\n<p>Diese Zust\u00e4nde sind vorbei. Der Ort, an dem ein exquisites Kulturprogramm auf eine desolate Architektur gesto\u00dfen war, wird in Vergessenheit geraten. Die Hochglanzbrosch\u00fcre, die das Management des Museumsquartiers verschickt, definiert es als pulsierendes Energiezentrum inmitten farbig-alternativer lokaler Biotope. Im Mittelpunkt steht der Tourismus vor edlem Hintergrund. Geschichte gibt es auf der vorletzten Seite. Sechs Jahreszahlen, ein Kaiser, vier Architekten und eine Errichtungs- und Betriebsgesellschaft. Was sagt man jemandem, der dazu r\u00e4t, die Erinnerung an die unordentlichen Zeiten fallen zu lassen?<\/p>\n<p>Eine Antwort: Ach h\u00e4ttet ihr auf dem Gel\u00e4nde doch wirklich gr\u00fcndlich aufger\u00e4umt! Die alte Front, die jetzt herumsteht, ist eine entbehrliche Attrappe. Sie wird von zwei K\u00e4sten flankiert, die aussehen, als h\u00e4tte eine Versicherungsgesellschaft gegen Kunstraub die Jury beschickt. Der freie Platz vor den K\u00fcbeln ist das Gegenteil von offenem Raum; die Reminiszenzen verbauen eine gro\u00dfz\u00fcgige L\u00f6sung. Die Reithalle ist als Theatersaal denkbar ungeeignet. Vor den Zug\u00e4ngen stauen sich Menschenschlangen. Wenn schon neu, dann bitte konsequent.<\/p>\n<p>Diese Antwort ist nat\u00fcrlich ein Sakrileg. Es galt, historische Bausubstanz zu erhalten. Wien lebt unter anderem von der Ringstra\u00dfenarchitektur. Also ist ein Kompromi\u00df n\u00f6tig; Bauwerke kann man nicht nach Belieben beseitigen. Die ersten Worte der erw\u00e4hnten Hochglanzbrosch\u00fcre lauten: &#8222;Hier passiert es &#8230;&#8220;. Wir sind in der Gegenwart angekommen, sehr sch\u00f6n, aber was ist mit den Erinnerungsst\u00fccken passiert? Die bilden jetzt eine pittoreske Szenerie. Was Du nicht beseitigen kannst, sollst Du zum Ausstellungsobjekt machen. Es ist, im Interesse des Seelenfriedens, empfehlenswert, sich mit der Transformation von Ruinen zu Erlebnisr\u00e4umen zu arrangieren.<\/p>\n<p>Der Punkt am Anfang war allerdings, da\u00df die abgetakelten Gem\u00e4uer des fr\u00fcheren Messepalastes &#8222;seit Menschengedenken&#8220; ein sehr spezifisches Leben unterst\u00fctzten. Die kulturellen Funktionen waren in eine Umgebung mit retardierendem Rhythmus hineingebastelt. Das provisorische Ger\u00fcst der Zusehertrib\u00fcne, das von der beh\u00fcbschten Fixinstallation abgel\u00f6st wurde, hielt einen Zeithorizont offen. Jetzt haben wir eine zeitgem\u00e4\u00df ausgestopfte Halle mit Stukkatur. Sentimentale R\u00fcckblicke sind \u00e4rgerlich und verdienen, da\u00df man ihnen die Grundlage entzieht. Das Problem ist nur, da\u00df die &#8222;Form gewordene Vision eines Kulturviertels der Superlative&#8220; Geschichte einschlie\u00dft, die sie nicht erschlie\u00dft.<\/p>\n<p>Dazu h\u00e4tte der Bauplan sich auf die Qualit\u00e4ten der Improvisation beziehen m\u00fcssen, von denen das Areal gelebt hat. Stattdessen hat die \u00f6sterreichische Kunst ein festes Heim gefunden und wir k\u00f6nnen auf einen Kulturkomplex von Weltgeltung stolz sein. Die Globalisierung verwandelt Lebenswelten in Schaufenster. In \u00d6sterreich gepr\u00e4gte Euro-M\u00fcnzen ziert die Almrose und der Stephansdom. Es tut kaum noch weh, aber es verheilt nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herbert Hrachovec: Einquartiert Menschengedenken. Um Gottes willen, was soll das f\u00fcr ein Anfang werden? Macht nichts, zweiter Versuch. Seit Menschengedenken war das Areal des Messepalastes im 6. Bezirk eine etwas verwahrloste, leicht ramponierte Stadtlandschaft. 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