{"id":738,"date":"2016-09-18T14:31:33","date_gmt":"2016-09-18T14:31:33","guid":{"rendered":"http:\/\/krach.philo.at\/?page_id=738"},"modified":"2016-09-18T14:31:33","modified_gmt":"2016-09-18T14:31:33","slug":"ein-frommer-wunsch","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrachovec.philo.at\/?page_id=738","title":{"rendered":"Ein frommer Wunsch"},"content":{"rendered":"<p><strong>Herbert Hrachovec: Ein frommer Wunsch<\/strong><\/p>\n<p>Die Universit\u00e4t Wien ist ein Gro\u00dfbetrieb mit teilweise vorsintflutlicher Informationstechnologie. Seit vergangenem Jahr l\u00e4uft ein Projekt, das die Agenden des Lehr- und Studienwesens, der Personalverwaltung, der Forschungsadministration, und schlie\u00dflich der universit\u00e4ren Selbstorganisation vereinheitlichen soll. F\u00fcr interessierte Laien eine gute Gelegenheit, aus der N\u00e4he zu betrachten, wie Datentechnik und Betriebswirtschaft ineinander greifen.<\/p>\n<p>Die Vorgangsweise kam direkt aus dem Lehrbuch. Den Anfang machte die Orientierung \u00fcber den Markt. Ein Team, gebildet aus hauseigenen Experten und einer Firma f\u00fcr Softwareberatung, pr\u00fcfte vorhandene Produkte. Die Ergebnisse wurden in einer universit\u00e4tsweiten Informationsveranstaltung vorgestellt und diskutiert. Nat\u00fcrlich setzt sich diesem Forum \u00fcberwiegend aus Laien zusammen. Andererseits ist die praktische Mitarbeit der Angestellten f\u00fcr das Gelingen der einschneidenden Neuorganisation unerl\u00e4\u00dflich. Arbeitsgruppen m\u00fcssen das in Aussicht genommene System kennenlernen, testen und den lokalen Bed\u00fcrfnissen anpassen.<\/p>\n<p>Ihre Einsetzung wird von betr\u00e4chtlichem rhetorischem Aufwand begleitet. ,,Wir bieten Ihnen die g\u00fcnstigste verf\u00fcgbare L\u00f6sung. Damit sie f\u00fcr Ihr Unternehmen fruchtbar wird, brauchen wir Ihre Hilfe. Zusammen werden wir die Herausforderung bew\u00e4ltigen.&#8220; Und in der Tat: Es f\u00fchrt kein Weg daran vorbei, das administrative Unget\u00fcm ,,Universit\u00e4t Wien&#8220; in kooperativen, unternehmens-\u00fcbergreifenden Prozessen in den Griff zubekommen.<\/p>\n<p>Gerade akademische Institutionen bieten die Chance, das gew\u00f6hnlich per Diktat verf\u00fcgte Informationsmanagment als interessantes und brisantes Themenfeld zu betrachten. Diese Idee erwies sich allerdings als &#8212; akademisch. Die erste Sitzung der Kontaktgruppe brachte einen j\u00e4hen Kollaps der hochgesteckten Erwartungen. Still und stumm sa\u00dfen die Konsultenten der Beratungsfirma in der Ecke, w\u00e4hrend eine ambitionierte Schulungsleiterin des gew\u00e4hlten Software-Hauses etwa 25 Sachbearbeiterinnen die Behandlung einer Anzahl von Eingabemasken erkl\u00e4rte. Ein Schritt, genauer gesagt ein schmerzlicher Spagat, f\u00fchrte von ambitionierten Perspektiven zum Altagsjob standardisierter Datenerfassung.<\/p>\n<p>Um fair zu bleiben: In der Folge bestand Gelegenheit, die Modellierung der Abl\u00e4ufe separat zu diskutieren und modifizieren. Dennoch bleibt &#8212; bei aller Rhetorik &#8212; die kalte Dusche das bedenkenswerteste Resultat. Auf der einen Seite liegt das Unternehmensziel, die soziale Kompetenz der Mitarbeiterinnen (m\/w) und allgemein die hoffnungsreiche Zukunft. Dieseits der good-will Kampagne bedienen Angestellte ausgew\u00e4hlte Hebel eines Hardware-Softwar-Komplexes, dessen Funktionsweise sie weder durchschauen k\u00f6nnen, noch wollen. Der Augenblick der Erleuchtung, in dem das Ausf\u00fcllen bestimmter Felder auf das gr\u00f6\u00dfere Ganze hin durchsichtig wird, bleibt ein frommer Wunsch.<\/p>\n<p>Auch philosophische Phantasien unterliegen der Revision. Der Anspruch war \u00fcberzogen. Wissen ist Macht und verlangt detaillierte Kompetenz in einer Reihe technischer und organisatorischer Handlungsfelder. Zwischen den Eckpunkten des Spagats, der eine einigerma\u00dfen aussichtsreiche \u00dcberbr\u00fcckung der Arbeitsteilung suggeriert, liegt ein un\u00fcbersichtliches Konfliktfeld von Technik, Firmenziel und Leistungsanspruch an die Arbeitnehmerinnen (m\/w). Guter Wille kann die darin angelegten Zusammenst\u00f6\u00dfe nicht ersetzen. In ihnen wird vielleicht auch jenes Wort fallen, auf das ich als lernbegieriger Philosoph die ganze Zeit vergeblich gewartet habe: ,,Datenmodell&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herbert Hrachovec: Ein frommer Wunsch Die Universit\u00e4t Wien ist ein Gro\u00dfbetrieb mit teilweise vorsintflutlicher Informationstechnologie. 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