{"id":74,"date":"2014-02-25T13:06:39","date_gmt":"2014-02-25T13:06:39","guid":{"rendered":"http:\/\/hrachovec.philo.at\/?page_id=74"},"modified":"2016-10-08T16:52:37","modified_gmt":"2016-10-08T16:52:37","slug":"flugbegleitung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrachovec.philo.at\/?page_id=74","title":{"rendered":"Flugbegleitung"},"content":{"rendered":"<p><em>Beitrag zum Projekt &#8222;<a href=\"%20http:\/\/michaelkos.net\/fernsprungstaatz.htm\" target=\"_blank\">jung.FERNSPRUNG<\/a>&#8220; von Michael Kos.<\/em><\/p>\n<p>Siehe auch den Blogeintrag <a href=\"http:\/\/phaidon.philo.at\/qu\/?p=494\">sprunghaft<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist schon gesagt worden, dass die Veranstaltung hier nicht einfach dem Vergn\u00fcgen dient, sondern auch der ernsthaften gedanklichen Auseinandersetzung. Ich greife auf, was Alfred Komarek gemacht hat. Er hat vieles gemacht, aber unter anderem hat er die Landschaft von unten bis oben, von den Tiefen der Kellergew\u00f6lbe bis zur Aussicht hier, kurz vor Augen gef\u00fchrt. Und wenn ich darauf philosophisch reagieren soll und m\u00f6chte, dann muss ich diese Landschaftsbeschreibung ein wenig r\u00fcbernehmen, integrieren in Gedanken, in B\u00fccher, in Texte, die geschrieben worden sind mit der Hinsicht auf Landschaft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da gibt es einen ganz festen und im Wortsinn tiefen Ankn\u00fcpfungspunkt als Erstes. Zu Beginn der abendl\u00e4ndischen Philosophie hat Platon das ber\u00fchmte H\u00f6hlengleichnis formuliert. Es enth\u00e4lt die Geschichte, dass Leute in einer H\u00f6hle gefesselt sind und nur Schatten an der Wand sehen. An der gegenw\u00e4rtigen Position und im Anschluss an das, was Herr Komarek gesagt hat, m\u00fc\u00dfte man das ein wenig variieren und m\u00fc\u00dfte ein Kellergleichnis erfinden, das k\u00f6nnte denselben Effekt haben. Man k\u00f6nnte vom Keller hinauf in das Licht gehen. Die platonische \u00dcberlegung im Zusammenhang mit dem H\u00f6hlengleichnis war folgende: Um zu beschreiben, was Menschen sein k\u00f6nnen, was Menschen sein sollen, ist das Landschaftsbild des Herausgehens aus der H\u00f6hle in das Sonnenlicht, hinauf zu mehr Luft, mehr Licht, mehr Einsicht, echter Beleuchtung, ein sch\u00f6nes Beispiel.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und wenn wir einmal am Tageslicht sind, dann geht die Landschaft nat\u00fcrlich auch oft in die H\u00f6he. Es kommt zu Bergen, man geht auf Berggipfel, und ist auf diesen Gipfeln ganz besonders nahe am Himmel, an den Idealen und an der Freiheit. Diese Von-unten-nach-oben-Bewegung geh\u00f6rt zu unserer Zivilisation dazu, das ist etwas, was wir praktisch den Kindern ab 6 Jahren, ab dem Vorschulalter, immer wieder erz\u00e4hlen. Es geht darum, sich zu befreien, es geht darum, hohe Ziele zu haben, sich weiter zu entwickeln. Das Weiterentwickeln nach dem Muster einer Pflanze, einer aufrechten Lebensweise ist immer mehr oder weniger von unten nach oben gedacht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Soviel, um zu sagen, dass die Landschaft vom Keller, bis zum Buchberg, der da irgendwo zu sehen ist mit der Aussichtswarte, ein sch\u00f6nes Abbild davon ist, was man in der Philosophie auch gerne immer wieder sagt: Menschen entwickeln sich zu einem vollen Leben in aufrechtem Gang von unten nach oben. Nun liegt hier aber ein Problem, und das ist auch schon relativ fr\u00fch gesehen worden, und das ist das Problem, dass man \u2013 wie sch\u00f6n man das auch beschreibt \u2013 immer wieder fragen kann: Wazu das Ganze? Wozu tu ich mir das an? Wozu soll ich den Keller verlassen? Es ist doch ganz nett da drinnen, wenn der Weinbauer sich \u00fcber das Fass beugt. Warum soll ich mir das Ganze \u00fcberhaupt geben?&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn Sie ein bi\u00dfchen mit Philosophie vertraut sind, dann werden Sie erkennen, dass es sich hier um &nbsp;eine &nbsp;\u2013 um es einmal sehr unrespektvoll zu sagen &#8211; \u201eselling propositions\u201c der Philosophie handelt. Das Ganze hei\u00dft an dieser Stelle: Wieso diese sch\u00f6nen Landschaftsbilder, wieso die H\u00f6hlen, wieso die Berge, wieso die Burgen auf den Bergen. Wenn man das nun ernst nimmt, dann kommt man in eine Schwierigkeit mit der gesamten Bildwelt. Wie ich es Ihnen dargestellt habe, enth\u00e4lt diese Bildwelt ja das Dunkle, in das das Licht hineinf\u00e4llt, einen Bergesgipfel, der eine sch\u00f6ne Aussicht hat. Sie k\u00f6nnen sich zus\u00e4tzlich auf dem Bergesgipfel eine Aussichtswarte vorstellen, die noch ein kleines Extraplus dazuf\u00fcgt, in Wirklichkeit aber in derselben Kontinuit\u00e4t steht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das f\u00fchrt mich zu der Installation, die hier zu sehen ist. Ich m\u00f6chte Ihnen einen beinhart metaphysischen Text vorlesen, den ich in der Vorbereitung dieser Pr\u00e4sentation entdeckt habe. Ich kannte ihn nicht und bin von ihm begeistert. Er ist von einem griechisch sprechenden Philosophen aus der sp\u00e4ten Phase des west-r\u00f6mischen Reiches verfa\u00dft, Plotin hei\u00dft der, drittes Jahrhundert nach Christus. Der ganze Text tr\u00e4gt den Titel \u201eDer Abstieg der Seele in die Leibeswelt\u201c und er beginnt folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eImmer wieder, wenn ich aus dem Leib aufwache, in mich selbst aufwache, lasse das andere hinter mir und trete ein in mein Selbst, sehe ich eine wunderbar gewaltige Sch\u00f6nheit und vertraue in einem solchen Augenblick ganz eigentlich, zum h\u00f6heren Bereich zu geh\u00f6ren. Verwirkliche h\u00f6chstes Leben, bin in Eins mit dem G\u00f6ttlichen, und auf seinem Fundament gegr\u00fcndet. Denn ich bin gelangt zur h\u00f6chsten Wirksamkeit und habe meinen Stand errichtet hoch \u00fcber allem, was sonst geistig ist.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da haben Sie ein Motiv, das mich elektrisiert hat. Ich wache auf \u2013 wohin? Ich wache auf &nbsp;aus meinem K\u00f6rper, in eine Bewegung zu Gott. Das klingt ziemlich schr\u00e4g, ist auch schr\u00e4g, ist jenseits dieser Zivilisationsabfolge der Serpentinen hinauf zu den entsprechenden Spitzen. Ich wache auf in einen Bereich, in dem ich einen festen Stand Gott gegen\u00fcber habe. Diese Stand ist das H\u00f6chste, was die Menschen erreichen k\u00f6nnen, und das Bild mit dem Aufwachen aus meinem K\u00f6rper heraus ist der Versuch eines Philosophen wie Plotin, die Frage zu stellen: Was soll denn das, was mein K\u00f6rper ist? Was soll denn das vom Keller bis zum Berggipfel? Nun bin ich beim Sprungbrett, beim Trampolin. Denn ein sch\u00f6nes Bild, das in der Philosophie nicht vorkommt, das aber hier geschaffen worden ist, ist, dass ich aufwache und ich stehe auf einem Trampolin in Staatz \u00fcber den Klippen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das ist deswegen an dieser Stelle so bemerkenswert, weil es einerseits noch immer eine Position auf der Welt ist, aber es ist leider keine Position mehr, aus der man weitergehen kann. Man kann zur\u00fcckgehen nat\u00fcrlich, das ist aber ein wenig sch\u00e4big. Man kann genau den Aufstieg, das Sch\u00f6ne, die ganze Story der Zivilisation nicht mehr weiter fortsetzen. Man steht dort und der n\u00e4chste Schritt, den man macht, ist \u201en\u00e4her mein Gott zu Dir\u201c. Das ist eine Antwort, die in der Philosophie gegeben werden kann auf die Frage \u201eWozu das Ganze?\u201c&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weniger religi\u00f6s und eher existenzialistisch ausgedr\u00fcckt, ist das in dem Wort \u201eausgesetzt\u201c. Es fasst in etwa zusammen, worum es da geht. Eine \u201eausgesetzte Position\u201c, drau\u00dfen hinausgesetzt und damit auch ausgesetzt im Sinn von unterbrochen, das Leben unterbrochen, wie man sagt \u201edas Herz hat ausgesetzt\u201c. Dass man bis dorthin kommt, ist eine interessante Realisierung von Gedanken aus der Philosophiegeschichte in die Landschaftsarchitektur und Objektkunst, wenn man so sagen will.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich will nicht ganz so traurig enden und m\u00f6chte mit einem zus\u00e4tzlichen Gedanken zum Schlu\u00df kommen. Vielleicht kennen einige die Schallplattenaufnahme der \u201eNew Orleans Funeral Brass Band\u201c. Eine schwarze Band, die im Begr\u00e4bnisbetrieb in New Orleans aktiv war. Diese LP, wie ich sie noch kenne, hat zwei Seiten (CDs haben ja keine zwei Seiten). Die erste Seite gibt die herzbewegende Trauermusik wieder, die zweite Seite, wenn man umdreht, enth\u00e4lt, was die Band gespielt hat, wenn sie vom Begr\u00e4bnis nach Hause gegangen sind. Das war Swing und Walzermusik.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich sag es Ihnen jetzt zusammengefasst in einem Wort. Wir kennen sehr gew\u00f6hnlich und fast bis zur Langeweile die Worte \u201etodernst\u201c, \u201etodtraurig\u201c und so etwas \u00c4hnliches. Was wir hier, heute, sehen ist todlustig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><strong>\u00a9&nbsp;Herbert Hrachovec<\/strong><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beitrag zum Projekt &#8222;jung.FERNSPRUNG&#8220; von Michael Kos. Siehe auch den Blogeintrag sprunghaft. &nbsp; Es ist schon gesagt worden, dass die Veranstaltung hier nicht einfach dem Vergn\u00fcgen dient, sondern auch der ernsthaften gedanklichen Auseinandersetzung. Ich greife auf, was Alfred Komarek gemacht hat. 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