{"id":741,"date":"2016-09-18T14:34:17","date_gmt":"2016-09-18T14:34:17","guid":{"rendered":"http:\/\/krach.philo.at\/?page_id=741"},"modified":"2016-09-18T14:34:17","modified_gmt":"2016-09-18T14:34:17","slug":"das-andere-radioprogramm","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrachovec.philo.at\/?page_id=741","title":{"rendered":"Das andere Radioprogramm"},"content":{"rendered":"<p><strong>Herbert Hrachovec: Das andere Radioprogramm<\/strong><\/p>\n<p>Gestern ging mein erster Webradio-Server (versuchsweise) in Betrieb. Seit einem halben Jahr produziert eine Gruppe von Philosophinnen und Philosophen im freien Radio (Wien 94.0, Radio Orange) eine Sendereihe, die sich, im Gegensatz zum ORF, nicht an den Kult der gro\u00dfen Denker und ihrer medienbefliessenen Propheten h\u00e4lt. Diesen Kulturklotz kann man in einer doppelten Ausweichbewegung umgehen. Die Fachleute gestalten ihre Pr\u00e4sentationen in uneingeschr\u00e4nkter Eigenverantwortung, m\u00fcssen daf\u00fcr allerdings auf das gro\u00dfe Publikum verzichten. Dieses Defizit hebt das Webradio &#8212; zumindestens im Ansatz &#8212; auf. \u00dcber das Internet lassen sich die sorgf\u00e4ltig gestalteten Sendungen am Medienoligopol vorbei in die ganze Welt verbreiten.<\/p>\n<p>F\u00fcr einen digitalen Freizeit-Bastler ist der Moment atemberaubend. Nach der Kompilierung des Servers, dem Studium der Hilfetexte und dem trial-and-error-Verfahren der Konfiguration ert\u00f6nt pl\u00f6tzlich das gew\u00fcnschte Tondokument. Das ist die oberfl\u00e4chliche Beschreibung; der lustvolle Schock geht tiefer. Es handelt sich ja nicht blo\u00df darum, ein digitalisiertes Audiofile abzuspielen. Das Sensationelle ist die Infrastruktur: dieses Dokument ist Teil eines Radioprogramms, das seine Zuh\u00f6rerinnen global erreicht und v\u00f6llig von einer Person kontrolliert werden kann. \u00c4rgerlich sind viele uninformative, zusammengew\u00fcrfelte Sendungen in Rundfunk und Fernsehen. Hier ist eine Abhilfe: das selbstgemachte Radio.<\/p>\n<p>Aus solchen Konstellationen entstehen enthusiastische B\u00fccher, die eine umwerfend neue Zukunft vorhersagen. Sie provozieren skeptische Gegenargumente, die vor \u00fcbertriebenen Erwartungen warnen. Der entscheidende Punkt liegt jedoch vor der Auseinandersetzung zwischen Enthusiasmus und Skepsis. Er l\u00e4\u00dft sich mit dem Radiobeispiel gut belegen, gilt aber f\u00fcr viele \u00e4hnlich gelagerte F\u00e4lle. Die Sache beruht auf einem inhaltlichen Knick. Eine Gedankenkette verbindet die Geschichte der Massenmedien &#8212; die staatlichen Sendeanstalten &#8212; die konventionellen Empfangsger\u00e4te &#8212; die Rundfunkgeb\u00fchren. Die zweite betrifft Computer &#8212; Soundkarten &#8212; das Internetprotokoll &#8212; den Serverbetrieb. Zwischen den Gedankenketten springt ein Wort \u00fcber. Der Transfer von Audiodaten hei\u00dft auf einmal Radio. Ein prickelndes Gef\u00fchl.<\/p>\n<p>Es ist mehr als ein Prickeln und darin liegt das Produktive, ebenso wie das Verf\u00fchrerische, solcher Knickpunkte. Im Moment der \u00dcbertragung wird unwillk\u00fcrlich die herk\u00f6mmliche Rundfunkpraxis in den neuen Kontext mitgenommen. Das gibt die sensationelle Perspektive: Radio ohne Aufsichtsbeh\u00f6rde, ohne Grenzen. Aber in dieser Bewegung steckt bereits der Keim der Ern\u00fcchterung. Die Aufsichts- und Grenzenlosigkeit modifiziert zentrale Bestimmungen der bisherigen Radiobegriffs. In einem Territorium, das ohne bestimmte Kontrollen auskommt, ist ihre Abwesenheit keine Sensation. So scheint es nur beim Grenz\u00fcbergang.<\/p>\n<p>Damit sind beide Reaktionen erfa\u00dft, der angenehme Schock, aber auch ein drohender Katzenjammer. Die Befreiung von den eingespielten Regelungsmechanismen hat einen Preis. Zur Zeit des eisernen Vorhangs, um einen drastischen Vergleich zu riskieren, war es einfach, von der Reisefreiheit f\u00fcr alle Osteurop\u00e4er zu reden und sie im Einzelfall zu unterst\u00fctzen. Die Phantasie des Radios in Eigenverantwortung, mit Qualit\u00e4tsprogramm, liegt auf dieser Ebene. Sie \u00fcbersieht, da\u00df sich im ent-grenzten Bereich notgedrungen sowohl das Verst\u00e4ndnis von Verantwortung, als auch von Qualit\u00e4t ver\u00e4ndert. Ganz banal: wenn ein Administrator einen Switch \u00fcbersieht (der in der mitgelieferten Konfigurationsdatei fehlt), ist der gesamte Server \u00fcber ein WWW-Interface f\u00fcr jedermann zu steuern.<\/p>\n<p>Sch\u00f6n w\u00e4r&#8217;s, wenn der Begriffsknick die Vorteile des alten Verst\u00e4ndnisses mit jenen des neuen Zusammenhangs &#8212; bruchlos verbinden k\u00f6nnte. Das war die Euphorie bei der Premiere des Webradios ,,Philosophische Brocken&#8222;. Doch so entstehen keine belastbaren Begriffe. Wenn sie sorglos zur\u00fcckgreifen und Innovation suggerieren, verlieren sie an Spannung und geraten ins Repertoire der Werbebranche. Im Bereich digitaler Technik h\u00e4ufen sich philosophisch pflegebed\u00fcrftige Ausdr\u00fccke: ,,elektronischer Text&#8222;, ,,virtuelles Unternehmen&#8222;, ,,on-line Gemeinschaften&#8222;. Neue Umst\u00e4nde verlangen neu Begriffe. Aber das trifft das Problem nicht pr\u00e4zise. Neue Begriffe entstehen durch einen gedanklichen Knick aus bekannten Vorgaben, sonst h\u00e4ngen sie phantasievoll in der Luft. Das Kunstst\u00fcck besteht darin, Irritationen in Formulierungen zu kleiden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herbert Hrachovec: Das andere Radioprogramm Gestern ging mein erster Webradio-Server (versuchsweise) in Betrieb. Seit einem halben Jahr produziert eine Gruppe von Philosophinnen und Philosophen im freien Radio (Wien 94.0, Radio Orange) eine Sendereihe, die sich, im Gegensatz zum ORF, nicht an den Kult der gro\u00dfen Denker und ihrer medienbefliessenen Propheten h\u00e4lt. Diesen Kulturklotz kann man&hellip; <a class=\"read-more\" href=\"https:\/\/hrachovec.philo.at\/?page_id=741\">Read More<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"class_list":["post-741","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hrachovec.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/741","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hrachovec.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/hrachovec.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hrachovec.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hrachovec.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=741"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hrachovec.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/741\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hrachovec.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=741"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}