{"id":744,"date":"2016-09-18T14:37:04","date_gmt":"2016-09-18T14:37:04","guid":{"rendered":"http:\/\/krach.philo.at\/?page_id=744"},"modified":"2016-09-18T14:37:04","modified_gmt":"2016-09-18T14:37:04","slug":"der-systemverwalter-und-die-urhorde","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrachovec.philo.at\/?page_id=744","title":{"rendered":"Der Systemverwalter und die Urhorde"},"content":{"rendered":"<p><strong>Herbert Hrachovec: Der Systemverwalter und die Urhorde<\/strong><\/p>\n<p>Von den M\u00f6glichkeiten, die das Internet er\u00f6ffnet, sind manche besonders popul\u00e4r. Beinahe alle kennen Web-Browser und elektronische Post. Doch die Erw\u00e4hnung ,,interaktiver virtueller Textwelten&#8222; st\u00f6\u00dft weitgehend auf Unverst\u00e4ndnis. Oft begegnet man bei der Verwendung dieses Ausdrucks der Meinung, es handle sich um einen prahlerischen Namen f\u00fcr den Hypertext des WWW. Auch Informatiker, die schon einmal von ,,MUDs&#8222; geh\u00f6rt haben, betrachten diese Entwicklung als Spielzeug aus der Fr\u00fchzeit der Kommunikation im Netz.<\/p>\n<p>Tas\u00e4chlich erreichten die ,,Multi User Dimensions&#8222; ihre h\u00f6chste Prominenz, bevor das WWW die Benutzer mit vielen bunten Angeboten in die Defensive dr\u00e4ngte. MUDs repr\u00e4sentieren ein anderes Muster der Partizipation im digitalen Umfeld. Sie bieten oft anspruchsvollen Lesestoff und die Gelegenheit zur ,,pers\u00f6nlichen&#8222; Teilnahme an Interaktionen in selbstgestalteten literarischen Umgebungen. Die Mehrzahl dieser ,,virtual communities&#8222; widmet sich zwar, seit ihrer Erfindung, adoleszenten Kampfspielen; so gesehen scheinen sie ein Minderheitenprogramm, von dem sich selbst begeisterte Teilnehmer nach einer Weile abwenden. Aber das wird der Sache nicht gerecht.<\/p>\n<p>Solche interaktiv bewohnbaren Phantasieorte sind ein exzellentes Probe- und Studienobjekt f\u00fcr das Sozialverhalten kleiner und mittelgro\u00dfer Personengruppen. Anders als im WWW liegt der Schwerpunkt des Interesses nicht auf der m\u00f6glichst reibungslosen Abwicklung eines Maximums an Transaktionen, sondern im Aufbau und in der Betreuung telematisch geteilter Denklandschaften, inklusive einer unvermeidlichen Regelung gruppendynamischer Prozesse. Die Erzeugung einer konsistenten, navigierbaren elektronisch implementierten Gedankenwelt verlangt Reglementierung; die ,,Einwohner&#8222; solcher Gemeinschaften geraten im Lauf der Zeit unweigerlich in Konflikte. Die meisten Internet-Dienste erf\u00fcllen ihren kommunikativen Zweck gleichsam im leeren Raum. E-Mail und Chat sind jeweils ad hoc abgewickelte Datentransfers. MUDs enthalten und entwickeln die Geschichte ihrer Teilnehmerinnen.<\/p>\n<p>Aus diesem Grund eignen sich MUDs gut, um die Rolle von Computern beim Regieren zu beleuchten. Auf den ersten Blick handelt es sich um ein Problem effektiver Administration. Das pa\u00dft f\u00fcr E-Mail oder das Web: Es handelt sich darum, die Abwicklung des Datenaufkommens verl\u00e4\u00dflich und mit Respekt vor der Privatsph\u00e4re zu steuern. Im Fall virtueller Gemeinschaften ist die Aufgabe komplizierter. Die f\u00fcr gew\u00f6hnlich vorgegebene Trennung zwischen politischer Verantwortlichkeit und technischer Assistenz greift nicht. MUDs sind, gesellschaftspolitisch gesehen, ein R\u00fcckfall in jene archaischen Zust\u00e4nde, in denen der st\u00e4rkste Krieger auch die Macht im Gemeinwesen besetzte. Modern gesagt: der Systemadministrator, welcher den Server und die dazugeh\u00f6rige Datenbank einrichtet, ist die unangefochtene Autorit\u00e4t in der resultierenden Textwelt, ein ,,wizard&#8222;.<\/p>\n<p>Dieser Status ist f\u00fcr Ingenieure weniger bequem, als die Kompetenzverteilung, in der sie \u00f6ffentlich als hochqualifizierte Hilfskr\u00e4fte erscheinen. Unter diesen Voraussetzungen k\u00f6nnen sie die Politik anderen \u00fcberlassen und sich darauf beschr\u00e4nken, Optionen aufzuzeigen und Auftr\u00e4ge auszuf\u00fchren. Darin steckt oft ein Schwindel: die Macht der Techniker ist bedeutend gr\u00f6\u00dfer, als es die demokratisch legitimierte Verfahrensweise erscheinen l\u00e4\u00dft. Dieses T\u00e4uschungsmoment f\u00e4llt bei Wizards weg. Sie sind kontinuierlich f\u00fcr die pure Existenz jenes sozialen Gebildes verantwortlich, das sich &#8212; sekund\u00e4r &#8212; Regeln des Zusammenlebens gibt. Die erste Funktion kann unm\u00f6glich in der zweiten aufgehen, so wenig, wie Elektrizit\u00e4t einfach eine Ressource sein kann, die computertechnisch verteilt wird.<\/p>\n<p>Pavel Curtis, der Entwickler des ber\u00fchmt-notorischen LambdaMOOs, beschreibt in der Retrospektive das Scheitern des Versuch, die urspr\u00fcngliche Verantwortung abzugeben. Als Techniker wollte er sich aus allen sozialen Entscheidungen heraushalten. ,,&#8230; in hindsight, I forced a transition in LamdaMOO government, from wizardocracy to anarchy&#8222;. Es zeigte sich bald, da\u00df die Abdankung des Patriarchen nicht reicht, um in der Urhorde soziale Stabilit\u00e4t zu etablieren. In einer n\u00e4chsten Intervention dekredierte P.Curtis demokratische Entscheidungsverfahrens, f\u00fcr deren Prozeduren er den Kode bereitstellte. ,,Once again, and again by fiat, I forced a governmental transition on the MOO, we would, I declared, move from anarchy to democracy.&#8222;<\/p>\n<p>Unterm Strich ist P.Curtis eher pessimistisch. Das System von ,,B\u00fcrgerinitiativen&#8222;, das er eingerichtet hatte, tendiert zu ,,mob rule&#8222; und zur Stagnation. Er entdeckt (\u00fcberrascht) die Vorz\u00fcge repr\u00e4sentativer Demokratien, die eine vermittelnde Funktion f\u00fcr Parteien vorsehen. Und er bezweifelt, ob ein digitales Konstrukt, dessen Bestand derart von Maschinen abh\u00e4ngt, der rechte Ort zur Verwirklichung von Autonomiebed\u00fcrfnissen sein kann &#8212; sei es auch nur im Spiel. Der Einzelfall ist nicht unbedingt repr\u00e4sentativ, aber er gibt doch einen wichtigen gedanklichen Ansto\u00df.<\/p>\n<p>Digitale Vorkehrungen betreffen in zunehmendem Ma\u00dfe die Substanz politischer Prozesse. In diesen F\u00e4llen reicht es weder, sich als Computerexperte diskret im Hintergrund zu halten, noch als Regierungschef sein Gl\u00fcck zu versuchen. Die M\u00e4chtigkeit der elektronischen Maschinerie ist mit gesellschaftlich legitimierbaerer Macht keineswegs ausbalanziert. Noch fehlen allen Beteiligten die Mittel, dieses Verh\u00e4ltnis transparent zu gestalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herbert Hrachovec: Der Systemverwalter und die Urhorde Von den M\u00f6glichkeiten, die das Internet er\u00f6ffnet, sind manche besonders popul\u00e4r. Beinahe alle kennen Web-Browser und elektronische Post. Doch die Erw\u00e4hnung ,,interaktiver virtueller Textwelten&#8222; st\u00f6\u00dft weitgehend auf Unverst\u00e4ndnis. 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