{"id":757,"date":"2016-09-18T14:53:53","date_gmt":"2016-09-18T14:53:53","guid":{"rendered":"http:\/\/krach.philo.at\/?page_id=757"},"modified":"2016-09-18T14:53:53","modified_gmt":"2016-09-18T14:53:53","slug":"hochsaison-fuer-trickkuenstler","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrachovec.philo.at\/?page_id=757","title":{"rendered":"Hochsaison f\u00fcr Trickk\u00fcnstler"},"content":{"rendered":"<p><strong>Herbert Hrachovec: Hochsaison f\u00fcr Trickk\u00fcnstler <\/strong><\/p>\n<p>Pressefotos, zum Beispiel die Er\u00f6ffnung einer Vernissage. In solchen Bildern tauchen Bilder auf. Ganz selbstverst\u00e4ndlich ist das nicht. Jahrhundertelange \u00dcbung l\u00e4\u00dft uns Bilder zweiter Stufe schnell erkennen. Ein spanisches Atelier (Velasquez) und ein Rauchutensil (Magritte) bezeugen, da\u00df Rahmen innerhalb von Rahmen ein Eigenleben f\u00fchren k\u00f6nnen. Doch diese Rafinesse fehlt in archaischen Darstellungen.<\/p>\n<p>Heute, in der Urzeit des Computers, herrscht Unbeholfenheit beim Aussortieren der verschiedenen Prozesse, die am Bildschirm ineinanderflie\u00dfen. Zuerst der \u00c4rger, den Dietmar Kamper so ausspricht: ,,Was ist \u00fcberhaupt die Bildfl\u00e4che, wieso mu\u00df man dieses irrsinnige, bl\u00f6de Rechteck akzeptieren als den Ort, auf dem einzig noch die Welt erscheint?&#8222; Und daran anschlie\u00dfend die Weigerung, sich auf die Innenwelt der digitalen Glotze einzulassen.<\/p>\n<p>Die Urzeit der Computer ist allerdings fast schon vorbei. Das Wissen um die Logik der Laufzeichen, die nach dem Knopfdruck am Monitor abrollen, verbreitet sich rasch. Es macht keinen Spa\u00df, sich bei der Bedienung des Ger\u00e4tes blo\u00df auf vage Ahnungen zu st\u00fctzen. Das gilt f\u00fcr jede B\u00fcromaschine mit BIOS, DOS, Windows und einigen Programmen zur Arbeit und zum Spiel. Es wird aber erst richtig aktuell, wenn der Apparat an ein Computernetzwerk angeschlossen ist.<\/p>\n<p>Die n\u00f6tigen Einstellungen vorausgesetzt, l\u00e4uft die Ansteuerung einer Mailbox oder des Zielrechners auf einem anderen Kontinent ebenso ab, wie Manipulationen im lokalen Dateisystem. Bildschirme schlucken Entfernung. Kein Rauschen oder Fading deutet an, da\u00df die Signale aus \u00dcbersee kommen und nicht aus dem Kasten unter dem Schreibtisch. Die blanke R\u00f6hre unterscheidet &#8211; wie Leinwand oder Fotopapier &#8211; nicht zwischen fern und nah.<\/p>\n<p>Warum unn\u00f6tig kompliziert werden? ,,Das Fernsehen bringt uns die Welt ins Haus&#8222;, das Internet l\u00e4\u00dft uns mit \u00dcberschallgeschwindigkeit vom PC aus durch Daten rasen.\tTheoretiker verk\u00fcnden, da\u00df der Planet zum ,,globalen Dorf&#8222; schrumpft, in dem alle auf Sicht-Distanz nebeneinander wohnen. Die elektronischen Verbindungen beseitigen Distanzen. Tats\u00e4chlich kann jede Benutzerin feststellen: Zwischen dem Laden eines Textes von der Festplatte und seiner \u00dcbertragung via Kabel besteht kein augenscheinlicher Unterschied.<\/p>\n<p>Solange die Herkunft der bunten Bilder nicht unter die Lupe genommen wird. Ein Kassettenrekorder funktioniert mit Batterien ebenso, wie mit Netzteil. Man k\u00f6nnte sagen: Strom bleibt Strom. Im Falle des Computers: Was einmal digitalisiert ist, steht \u00fcberall zur Verf\u00fcgung. Aber das Stromnetz l\u00e4\u00dft sich nicht auf Akkus reduzieren. Die Herkunft von Bildern nicht auf ihr Flimmern auf dem Schirm.<\/p>\n<p>Literatur zum Cyberspace bietet atemberaubende Spr\u00fcnge aus dem Wohnzimmer in den Kosmos: ,,Dieses Buch beschreibt ein Ereignis, das in absehbarer Zeit eintreten wird: Sie werden auf den Bildschirm eines Computers blicken und die Wirklichkeit sehen.&#8222; (David Gelernter) Endlich h\u00e4tten wir die kaprizi\u00f6se, metaphysische Primadonna, die wahre Welt, im Griff. Bitte nicht so schnell. Zum Aufw\u00e4rmen eine \u00dcbungsfrage: ,,Was ist elektronische Post?&#8222;.<\/p>\n<p>Jedenfalls eine brilliante Formel. Auf der einen Seite beschw\u00f6rt sie altbew\u00e4hrte Institutionen, auf der anderen digitalisierten Datentransfer. Das Posthorn ist Begleitmusik modernster Steuerungstechnik. Statt den Briefkasten vor der Haust\u00fcr zu leeren, klickt der Kunde auf ein Briefkastensymbol. Der Bildschirm bietet Benutzeroberfl\u00e4chen, keine Erl\u00e4uterungen dazu, was auf ihm geschieht. &#8211; ,,Na eben elektronischer Briefverkehr!&#8222; &#8211; Das ist, dem Namen nach, ein wundersames Ding.<\/p>\n<p>Briefe: Schriftst\u00fccke, bef\u00f6rdert zwischen Sendern und Empf\u00e4ngern. Der Transport nimmt Zeit in Anspruch; Mail-Programme sind um Gr\u00f6\u00dfenordnungen schneller, als der Zustelldienst. Was fr\u00fcher Tage brauchte, braucht jetzt Sekunden. Aus einer Zeitspanne wird ein Augenblick. Das geht so schnell, da\u00df eine andere Ver\u00e4nderung beinahe unbemerkt bleibt. Was elektronisch \u00fcbermittelt wird, sind keineswegs Schriftst\u00fccke im alten Sinn. Erst einmal wird aus Papier und Tinte eine digitale Impulsmenge mit der Bezeichnung ,,E-Mail&#8222;, dann beschleunigt sich die Bef\u00f6rderung. Der Qualit\u00e4tssprung beruht auf einer Metapher.<\/p>\n<p>Elektronische Briefe enthalten unm\u00f6glich Warenproben; andererseits k\u00f6nnen sie &#8211; als Programminputs behandelt &#8211; Prozesse ausl\u00f6sen. Briefbomben sind ausgeschlossen, die Fernz\u00fcndung einer Sprengladung wird ein Postvorgang. Angesichts solcher verwirrenden konzeptuellen Umstellungen ist vielleicht der Rat n\u00fcchterner Ingenieure hilfreich. Aber ein ma\u00dfgebliches technisches Dokument zur Festlegung des \u00dcbertragungsstandards im Internet beginnt mit diesem Satz: ,,Das Ziel des &#8218;Simple Mail Transfer Protocol&#8216; (SMTP) besteht darin, verl\u00e4\u00dflich und effizient Post zu bef\u00f6rdern&#8222; (RFC 821) Das klingt nicht sehr ermutigend. Passende Bezeichnungen m\u00fcssen der Suggestion der brillianten Formel abgerungen werden.<\/p>\n<p>Wie w\u00e4r&#8217;s mit ,,Teletext&#8222;? Das klingt halb so aufregend und kommt daf\u00fcr der Sache n\u00e4her. Ein wichtiges Detail zum Verst\u00e4ndnis von E-Mail gibt einen Hinweis: Durch einfache Schaltung wird der Text, den eine Briefschreiberin sendet, direkt auf das Terminal des Empf\u00e4ngers gelenkt. Eigentlich ist das schriftliches Telefonieren, mit dem Computer in der Rolle des Faxger\u00e4tes. Er ist leistungsf\u00e4higer, insbesondere kann er Daten speichern und zur sp\u00e4teren Bearbeitung verf\u00fcgbar halten. So wird dem Fernschreiben die Metaphorik des Briefverkehrs aufgesetzt. ,,Digitales Fernkopieren&#8222; trifft den Vorgang einigerma\u00dfen genau.<\/p>\n<p>Ich rufe nicht nach der Sprachpolizei. Zwei Redeweisen sind unbetroffen: die Alltagssprache und der Jargon der Fachleute. Dazwischen liegt eine Grauzone, in die wir tappen, wenn etwas nicht so l\u00e4uft, wie \u00fcblich und kein Fachmann in der N\u00e4he ist. Das Feld der Erwachsenenbildung und der Philosophie. Aus diesem Halbdunkel kommen Botschaften von morbidem Charme: ,,Es gibt keine Zeit mehr f\u00fcr genaue Informationen. Die Distanz zu urteilen, zu genie\u00dfen oder sogar einen Sinn zu geben, ist verschwunden. Die M\u00f6glichkeit der Sinngebung fehlt, weil es keine Zeit mehr gibt.&#8222; (Jean Baudrillard)<\/p>\n<p>Das hei\u00dft, sich vom Unverst\u00e4ndnis der elektronischen Protokolle hetzen lassen. Telefonate sind eine \u00e4u\u00dferst rasche Kommunikationsform. Noch schneller ist der vorauseilende Gehorsam, der lieber die Zeit abschafft, als sich auf technische Details einzulassen. Wer einmal versucht hat, an dem Ding herumzubasteln, wei\u00df genau, wohin die eben erst gewonnene Zeit verschwindet. Unbeholfenheit, Unverfrorenheit: Im magischen Auge des Monitors verschmelzen Innenwelt und Au\u00dfenwelt. Ein verf\u00fchrerisches Ereignis. Hochsaison f\u00fcr Trickk\u00fcnstler.<\/p>\n<p>hh<br \/>\nSun Sep 1 10:11:28 MET DST 1996<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herbert Hrachovec: Hochsaison f\u00fcr Trickk\u00fcnstler Pressefotos, zum Beispiel die Er\u00f6ffnung einer Vernissage. In solchen Bildern tauchen Bilder auf. Ganz selbstverst\u00e4ndlich ist das nicht. Jahrhundertelange \u00dcbung l\u00e4\u00dft uns Bilder zweiter Stufe schnell erkennen. Ein spanisches Atelier (Velasquez) und ein Rauchutensil (Magritte) bezeugen, da\u00df Rahmen innerhalb von Rahmen ein Eigenleben f\u00fchren k\u00f6nnen. 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