{"id":76,"date":"2014-02-25T13:13:54","date_gmt":"2014-02-25T13:13:54","guid":{"rendered":"http:\/\/hrachovec.philo.at\/?page_id=76"},"modified":"2014-02-25T13:13:54","modified_gmt":"2014-02-25T13:13:54","slug":"rede-aus-einem-bunker","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrachovec.philo.at\/?page_id=76","title":{"rendered":"Rede aus einem Bunker"},"content":{"rendered":"<h5 class=\"heading\">Diese Rede wurde im Rahmen einer Kunstaktion an der Universit\u00e4t Linz von einem Kellerabteil aus an das Publikum \u00fcbetragen. Die einzelnen Abschnitte erschienen 1991 in den Heften 17-20 der Wiener Stadtzeitung FALTER.<\/h5>\n<h3 class=\"heading\">&nbsp;<\/h3>\n<h3 class=\"heading\">Den Untergang herabbeschw\u00f6ren. Rede aus einem Bunker<\/h3>\n<h4 class=\"heading\" style=\"font-size: 14px;\">Herbert Hrachovec<\/h4>\n<p class=\"p\"><strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n<p class=\"p\">Die \u00dcbertragung, an der Sie teilnehmen, l\u00e4\u00dft sich verschieden deuten. Der wahrscheinlichste Weltuntergang ist seit einigen Jahrzehnten eine von Menschen herbeigef\u00fchrte atomare Katastrophe. Da wir sie ausl\u00f6sen, m\u00fc\u00dfte es m\u00f6glich sein, uns auch vor ihr zu sch\u00fctzen. Gegen das J\u00fcngste Gericht half nur ein ehrenwertes Leben, angesichts nuklearer Verw\u00fcstung kommt auch ein Schutzbunker in Frage. Der Redner ist zur Sicherheit gleich einmal vorausgegangen, das ist die eine Deutung. Aber mein Thema werden die Anstrengungen sein, bevor das Debakel tats\u00e4chlich eintritt, Abhilfe zu schaffen. Dazu ist die hermetische Kammer gerade der falsche Ort; ein \u00dcberma\u00df an \u00d6ffentlichkeit w\u00e4re von N\u00f6ten, also zumindest eine Fernsehsendung. In einer solchen Szenerie w\u00fcrde der Bunker allerdings wie der wei\u00dfe Kittel funktionieren, den sich ein Arzt zum Interview anzieht; als visuelle Verst\u00e4rkung der bereits vorhandenen Klischees. Wir befinden uns mitten in der Sache, von welcher der Vortrag handeln soll, n\u00e4mlich in der Verwirrung, die ein globaler Krisenfall in unserem auf Allt\u00e4glichkeit geeichten Begriffshaushalt anrichtet. Angenommen ein nachdenkliches Wesen stellt sich die Aufgabe, die Position seiner Gattung vis a vis dem Weltuntergang abzusch\u00e4tzen. Dann wird es zwischen Pathos und Def\u00e4tismus hin- und hergerissen. Die Ungeheuerlichkeit des Themas greift die Substanz der regelgerechten Kommunikation an. Bestimmte Aussichten sind in keinem der uns vertrauten Rahmen kleinzukriegen.<\/p>\n<p class=\"p\">Verst\u00e4ndigungsversuche \u00fcber Maximalgefahren sind notwendig gebrochen, anders k\u00f6nnten sie sich nicht vor ihrem Gegenstand sch\u00fctzen. Der Umweg, \u00fcber den ich mich an Sie wende, gibt einen Hinweis auf die notwendigen kognitiven Schutzvorkehrungen, ohne die in diesem Fall nicht einmal bescheidene Ans\u00e4tze von Vernunft entstehen k\u00f6nnen. Ich werde in vier Abschnitten die Frage umkreisen, mit welchen Tricks der Strahlentod des Planeten so besprochen werden kann, da\u00df Aufsch\u00fcbe denkbar oder sogar machbar werden. Jean Baudrillard hat eingestanden:<\/p>\n<p class=\"p\">&#8222;&#8230;mein Phantasma ist vielleicht, da\u00df es die \u00e4u\u00dferste Herausforderung wieder g\u00e4be. Einerseits nehme ich den Zustand der Dinge, also ich mu\u00df den Zustand der radikalen Indifferenz der Dinge beobachten und analysieren, also ich meine die radikale Schicksalslosigkeit und andererseits, vielleicht ist es doch immer ein Traum, oder eine Metapher oder ein Phantasma, m\u00f6chte ich, da\u00df es die radikalste Herausforderung, also die radikalste Fatalit\u00e4t g\u00e4be, das radikalste Schicksal wieder g\u00e4be&#8220; (Jean Baudrillard: Virustheorie. Ein freier Redeflu\u00df, in: Kunstforum 97 (1988), S. 252)<\/p>\n<p class=\"p\">Angesichts massiver Todesw\u00fcnsche scheint es einigerma\u00dfen l\u00e4cherlich, sich zu verbunkern und \u00fcber Dr\u00e4hte mit der Au\u00dfenwelt Kontakt zu halten. Aber es k\u00f6nnte sein, da\u00df dieses Verfahren mehr bringt, als die Bereitschaft, von Anfang an alle Sicherungen durchbrennen zu lassen. Postmoderne ist nicht selten als Freibrief f\u00fcr Frivolit\u00e4ten nach dem Kollaps allgemeinverbindlicher Ordnungsvorstellungen aufgefa\u00dft worden. Dem Kollaps kann sich eine Er\u00f6rterung \u00fcber Weltuntergang nicht entziehen; die Frivolit\u00e4ten sind auch schwer zu vermeiden, wenn es um Randlagen des Vorstellungsverm\u00f6gens geht. Ein Umstand ist dennoch un\u00fcbersehbar: letzte Worte sind in der Regel Anma\u00dfungen. Solange die Gedanken zirkulieren, d\u00f6st die Bestie. Wehe, wenn der Kreislauf stockt. Ich bin bereits dabei, ihn anzutreiben.<\/p>\n<h3 class=\"heading\">Vernunftbegabt<\/h3>\n<p class=\"p\">In Einzelf\u00e4llen ist \u00f6sterreichischer Charme noch immer unschlagbar. Einer der wenigen Lichtblicke im Buch des sowjetischen Nuklearingenieurs Grigori Medwedew \u00fcber Tschernobyl ist unsere Haltung zu Zwentendorf. &#8222;Hier ist ein Detail zu erw\u00e4hnen &#8230; n\u00e4mlich, da\u00df die \u00f6sterreichische Bev\u00f6lkerung durch freiwillige Spenden die Kosten des KKW \u00fcbernahm; nach Bezahlung der beteiligten Firmen lie\u00df die Regierung das Kraftwerk konservieren.&#8220; So g\u00fcnstig ist ein guter Ruf selten zu haben. Die Erkl\u00e4rung ist wohl, da\u00df diese Geschichte der Symmetrie des M\u00e4rchens folgt. Als Spiegelbild zur v\u00f6llig verstrahlten, mit einem Betonmantel hermetisch abgedichteten, Ruine dr\u00e4ngt sich ein Kernkraftwerk im Stand der Unschuld, in einem Land von guten Menschen, auf. Soll sein.<\/p>\n<p class=\"p\">Es gestattet einen heiteren Einstieg in die Debatte \u00fcber die drohenden Gro\u00dfereignisse.. Die nukleare Katastrophe ist absurderweise immer und nur zu bestimmten Zeiten aktuell. Gerade weil sie jeden Augenblick virulent werden kann, wird sie zur Entlastung dem Auf und Ab der Katastrophen- und Kriegskonjunktur zugeschoben; ein ganz gew\u00f6hnlicher Wahnsinn. Ich frage erst einmal, wie es aussieht, wenn man dem Ph\u00e4nomen mit Ethik beikommen will.<\/p>\n<p class=\"p\">Hinter der f\u00fcr St\u00f6rf\u00e4lle der &#8222;friedlichen Nutzung&#8220; von Kernenergie typischen Anh\u00e4ufung von Profitgier, Inkompetenz und Schlamperei versteckt sich eine M\u00f6glichkeit, auf welche sich die Ethik gerne konzentriert, n\u00e4mlich den von Menschen bewu\u00dft herbeigef\u00fchrten Weltuntergang. Allerdings leidet die Sittlichkeit &#8211; bei dieser Aufgabe kein Wunder &#8211; unter Konzentrationsschw\u00e4che. Niemand kann Tag und Nacht dem Nichts ins Auge sehen. Das ist noch harmlos ausgedr\u00fcckt, denn &#8222;sehen&#8220; ist schon viel zu menschlich. Ist der gesamte Themenkreis nicht so gigantisch, da\u00df die philosophische Nachpr\u00fcfung der passenden Verhaltensweisen nur mehr pathetisch leerl\u00e4uft? Bei Heidegger, der dieses Bedenken paradigmatisch vorweggenommen hat, liest sich das so:<\/p>\n<p class=\"p\">&#8222;Da erkennen wir, da\u00df ein Augenblick der Geschichte nahe ist, dessen Einzigkeit sich keineswegs nur und erst aus dem Zustand der seienden Welt und unserer eigenen Geschichte in ihr bestimmt. Es &#8218;geht&#8216; nicht nur &#8218;um&#8216; das Sein und Nichtsein unseres geschichtlichen Volkes, es &#8218;geht&#8216; nicht nur &#8218;um&#8216; das Sein oder Nichtsein einer &#8218;europ\u00e4ischen&#8216; Kultur, denn dabei geht es immer schon und nur um Seiendes. All diesem zuvor und anf\u00e4nglich steht zur Entscheidung: das Sein und Nichtsein selbst, das Sein und Nichtsein in ihrem Wesen, in der Wahrheit ihres Wesens.&#8220; &nbsp;(Martin Heidegger, Parmenides. Gesamtausgabe Band 54, Frankfurt\/M 1982 S.241&nbsp;<\/p>\n<p class=\"p\">Ich schraube diese weltumfassende Denkbewegung vorsichtshalber zuerst einmal zur\u00fcck. Von Kant ist uns die geniale Aussicht \u00fcberliefert, um gut zu sein w\u00e4re wesentlich, da\u00df man sich an Vernunft h\u00e4lt. Die F\u00e4higkeit, von eigenen Wehwehchen und dem Vorteil von Bezugsgruppen um des Gemeinwohls willen zu abstrahieren, ist nicht nur edel, sondern auch rational. Nur diese Einstellung kann n\u00e4mlich einer unparteilichen Pr\u00fcfung standhalten. F\u00fcr Kant folgt das aus der Definition des Sittlichen als allen Menschen gemeinsames, vern\u00fcnftigen \u00dcberlegungen zug\u00e4ngliches, Gut. Die Aussicht scheint im Zeitalter der Atombombe wie gerufen zu kommen. In ihrem Sinn ist es klug und als Bonus auch moralisch geboten, das Instrument, das unterschiedslos alle ausl\u00f6scht, entsprechend bedingungslos zu verwerfen. Damit sollte eigentlich alles klar sein; ist aber nicht.<\/p>\n<p class=\"p\">Vernunft spielt in diesen Verh\u00e4ltnissen n\u00e4mlich die Rolle eines vollen Portemonnaies f\u00fcr Reisende im Busch. Erstens: um die Expedition auszur\u00fcsten brauchen sie Geld. Zweitens: wo sie hinf\u00fchrt, gilt es nicht. Drittens: wenn sie \u00fcberleben wollen, m\u00fcssen sie sich \u00dcberbr\u00fcckungshilfen zwischen ihrem Besitz und ihren Bed\u00fcrfnissen im fremden Territorium ausdenken. Die Verzweiflung der Kantianer ist das b\u00f6se Erwachen, da\u00df ihr Zahlungsmittel, wo sie hingeraten sind, die Leute nicht beeindruckt. Die sagen: &#8222;Wenn ihr Monopoly spielen wollt, tut es zu Hause. Wir waren bei<br \/>\n der Verteilung der Scheine am Anfang nicht dabei.&#8220; Die Macht der Vernunft hat sich in Zeiten ausgebreitet, als noch wenig Widerrede der noch nicht zur Vernunft Gebrachten zu gew\u00e4rtigen war.<\/p>\n<p class=\"p\">Es bedarf keines exotischen Beispiels, um die Zwickm\u00fchle der im Westen entwickelten weltumfassenden Denkprinzipien angesichts der atomaren Bedrohung zu beleuchten. Schon lange vor den ersten Detonationen war Selbstkritik zu h\u00f6ren. Die Allgemeinheit eines f\u00fcr alle Menschen verbindlichen, vor dem Gerichtshof Gottes oder der Weltgeschichte, oder zumindest des aufgekl\u00e4rten Publikums einklagbaren Verhaltenskodex wurden als eine Sache der Kapitalisten und ihrer Missionare sichtbar. Weltweites Monopoly mit dem Sittengesetz als Spielanweisung. Das ist die Kernspaltung, die durch das gute Gewissen der Industriestaaten geht.<\/p>\n<p class=\"p\">Ein Exote in den eigenen Reihen: Wittgenstein. Die Aussicht einer philosophischen Lehre \u00fcber das richtige Leben kommentiert er so: &#8222;W\u00e4re jemand imstande, ein Buch \u00fcber Ethik zu schreiben, das wirklich ein Buch \u00fcber Ethik w\u00e4re, so w\u00fcrde dieses Buch mit einem Knall s\u00e4mtliche andere B\u00fccher auf der Welt vernichten.&#8220; Es w\u00e4re eine Atombombe des Besserwissens. Die Bruchlandung der tiefen W\u00fcnsche nach sittlicher Rechtfertigung besteht in diesem Dilemma: W\u00fc\u00dften wir wirklich ein f\u00fcr allemal, wie&#8217;s geht, wir k\u00f6nnten den Rest vergessen. Ein Regelsystem, das die globale Vernichtung ausschlie\u00dft, w\u00e4re selbst eine Erscheinungsweise globaler Vernichtung.<\/p>\n<p class=\"p\">Schlicht und einfach: ein sicheres Mittel gegen die Atombombe w\u00e4re sicher ebenso t\u00f6dlich. Das liegt daran, da\u00df Menschen als unsichere Wesen definiert sind. Auf der einen Seite dr\u00e4ngt der \u00dcberlebenstrieb zu einem Rezept gegen die Selbstzerst\u00f6rung. Vernunft gegen den hellen Irrsinn scheint keine schlechte Idee zu sein. Aber Vernunft als Allheilmittel ist auf der anderen Seite ein wohlbekanntes Sedativ. Es steht nur einigen, nur unter bestimmten Bedingungen, zur Verf\u00fcgung und f\u00fcr die andern spiel&#8217;n sie&#8217;s nicht. Das ist den Philosophinnen dieses Jahrhunderts nicht verborgen geblieben. Sie haben sich abgew\u00f6hnt, der fragenden Menge Reicht\u00fcmer aus ihrem Spielkapital anzubieten.<\/p>\n<p class=\"p\">Vernunft einfach als kaputt zu erkl\u00e4ren ist allerdings auch wieder grobe Energieverschwendung. Zwischen dem Maximalprogramm, dessen st\u00e4ndige Fehlerf\u00fcllung ihr nachh\u00e4ngt, und ihrer Wirkungslosigkeit liegen einige \u00dcbergangsstadien. Wenn schon kein Buch \u00fcber Ethik, zumindest Gedankensplitter, Aushilfe f\u00fcr den Bereich, in dem die Deutschmarks zwar nichts helfen, aber vielleicht gewechselt werden k\u00f6nnen. Ein Einwand dr\u00e4ngt sich sofort auf. Das ist noch an den Grenzen die Auswirkung des Weltw\u00e4hrungssystems. Allerdings, Nachdenken und Geldwirtschaft sind ansteckend. Mit beidem ist die unschuldige Natur seit l\u00e4ngerem kontaminiert.<\/p>\n<h3 class=\"heading\">Entscheidungsf\u00e4hig<\/h3>\n<p class=\"p\">Ich h\u00e4tte am 26. April 1986 in Tschernobyl gern gehandelt, wie der Aufseher des dritten Kraftwerkblocks, Jun Eduardowitsch Bagdasarow. Er entdeckt, da\u00df Wasser aus dem K\u00fchlsystem seines Reaktorblocks zur Katastrophenbek\u00e4mpfung abgezweigt wird und verlangt vom Chefingenieur die Erlaubnis, seinen Reaktorkern abzuschalten. &#8222;Das wird ihm von Fomin untersagt. Gegen Morgen f\u00e4hrt Bagdasarow den Block auf eigene Verantwortung ab und \u00fcberf\u00fchrt ihn in das Regime der Abk\u00fchlung, wobei er Wasser aus dem Abblasebecken zuspeist.&#8220;&nbsp;<\/p>\n<p class=\"p\">Bagdasarow ist einer der Helden im Tschernobyl-Epos Grigori Medwedews. Der Megaknall w\u00e4re vermeidbar gewesen, h\u00e4tten sich f\u00fcnf weitere verantwortliche Ingenieure wie er verhalten. Das scheint Grund zur Hoffnung, selbst im Kriegsfall. Ein hohes Ma\u00df an Sittlichkeit kann die Katastrophe vielleicht doch aufhalten. Nach dieser Auffassung kommt es nur darauf an, die F\u00e4higkeit, f\u00fcr andere Verantwortung zu tragen, so sorgf\u00e4ltig auszubilden, wie die Maschinerie des Schreckens. Wenn die Vernunft uns das nicht garantieren kann, nehmen wir alles, was sich sonst anbietet. Sanktionen, Bewunderung und \u00dcberlebenstrieb. Bis jetzt hat es recht und schlecht ausgereicht, das \u00c4rgste zu verh\u00fcten. Die Philosophen sollten sich ein Beispiel daran nehmen. Das tun sie auch und mobilisieren die verf\u00fcgbaren Reserven rationaler \u00dcberredungskunst.<\/p>\n<p class=\"p\">Zwei Strategien bieten sich an. Die eine besteht darin, alle Konzentration auf das Wesentliche zu b\u00fcndeln und davon den Umschwung zu erhoffen. Die andere im umsichtigen Abw\u00e4gen der beteiligten Interessen; in der Reflexion als Friedensstiftung. Vorhin war bereits von der Konzentrationsschw\u00e4che die Rede, die nachdenkende Menschen der Bombe gegen\u00fcber bef\u00e4llt. Eine Reaktion f\u00fcr Philosophen ist, sich umso vehementer als aufr\u00fcttelnde W\u00e4chter zu bet\u00e4tigen. G\u00fcnther Anders und, durch eine Generation getrennt, Ernst Tugendhat sind Beispiele daf\u00fcr. Der ber\u00fchmte kategorische Imperativ Kants verlangt, da\u00df alle sittlich vertretbaren Handlungen ohne Ansehen der Person und Umst\u00e4nde universalisierbar sein m\u00fcssen. Darin steckt ein ideologisches Moment, dennoch pressen Anders und Tugendhat aus dieser Vorschrift einen heilsamen Inhalt.<\/p>\n<p class=\"p\">Anders greift zur Nothilfe der parodistischen Verdrehung der eingefleischten Formel. &#8222;Habe nur solche Dinge, deren Handlungsmaximen auch Maximen deines eigenen Handelns werden k\u00f6nnten.&#8220; Dieser Imperativ ist als permanentes Schrillen der Alarmglocken gedacht. Wie soll es zugehen, da\u00df Dinge handeln und uns ihre Richtlinien als moralische Gebote vorgeben? Anders verkennt nicht, da\u00df Sachzw\u00e4nge in der Regel schwerer wiegen, als pers\u00f6nliche \u00dcberlegungen, m\u00f6chte aber andererseits die Verantwortung des handelnden Subjekts nicht aus dem Spiel lassen. Der Ingenieur Juri Bagdasarow hat darauf geachtet, da\u00df der in beinahe allen Hinsichten \u00fcberm\u00e4chtige Reaktor dennoch unter seiner Kontrolle blieb. Das ist absurd und doch auf seine Weise tr\u00f6stlich, wie die Geschichte von David und Goliath.<\/p>\n<p class=\"p\">Ernst Tugendhat r\u00fcttelt, um das Maximum an Abr\u00fcstungsbereitschaft zu erzielen, an einer anderen Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Er nennt die gegenw\u00e4rtige Machtkonstellation einen &#8222;phantastischen atlantischen Ethnozentrismus&#8220; und ruft zur &#8211; wenn notwendig einseitigen &#8211; Beseitigung des nuklearen Potenzials der Westm\u00e4chte auf. Das &#8222;qualitativ Neuartige und Einzigartige am Atomkrieg (besteht) in der Vernichtung des Ganzen selbst&#8220; und Menschen, die nicht anders k\u00f6nnen, als sich aus einem ihre Einzelexistenz \u00fcbersteigenden Ganzen zu verstehen, kapitulieren vor ihrer innersten Bestimmung, wenn sie die atomare Auseinandersetzung ohne Widerspruch hinnehmen. Noch einmal Bagdasarow: Sich dem Gebot des Vorgesetzten entgegenzustellen ist in so einem Fall das Einzige, was menschlichen Aktivit\u00e4ten noch Sinn gibt.<\/p>\n<p class=\"p\">Das sind radikale pazifistische Stellungnahmen. Vermittlungsversuche mit gr\u00f6\u00dferem realpolitischem Anspruch konnten nicht ausbleiben. Unl\u00e4ngst hat Dieter Henrich das Hegelianische Prinzip, da\u00df individuelle Einsicht in eine Wahrheit niemals so zwingend sein kann, wie die vern\u00fcnftige Konfrontation dieser \u00dcberzeugung mit den geschichtlichen Umst\u00e4nden, in einer &#8222;Ethik zum nuklearen Frieden&#8220; zur Geltung gebracht. Es sei eine alarmierende Einseitigkeit, zu fordern, da\u00df immer und \u00fcberall alles zu geschehen hat, um die Bombe loszuwerden. Seine Intervention nimmt die Aussichtslosigkeit zur Kenntnis, &#8222;dem absoluten Gebot durch einen Appell zur sittlichen Eindeutigkeit auch ebenso unmittelbar wirkliche Geltung zu verschaffen.&#8220;<\/p>\n<p class=\"p\">Mit der Brechstange kommt man da nicht durch, besser ist es nach Henrich, geduldig und mit einer Portion von List auf l\u00e4ngerfristige \u00dcberzeugungsprozesse zu vertrauen. Vernunft nicht in geschliffenen Paradoxien direkt auf dieses Monstrum hetzen, sondern sie mit Strahlenschutz versehen in diplomatische Dienste treten lassen. Sie schonen, damit sie bei der Entsch\u00e4rfung der Situation mitreden kann. &#8222;Sowohl der Kreuzzug zugunsten der nuklearen Abr\u00fcstung wie auch die emotionslose Strategieerkundung haben auf dem Weg zum nuklearen Frieden ihr jeweils begrenztes Recht.&#8220; Extremismus ist gerade in<br \/>\n hochexplosiven Umst\u00e4nden fehl am Platz. Gescheite Leute eignen sich zur Bew\u00e4ltigung von Spannungen besser, als zur Prophetie.<\/p>\n<p class=\"p\">So kommt es, wie es kommen mu\u00dfte. Sobald die Diskussion beginnt, verteilen sich die Gewichte auf beide Seiten. Auf diese Weise ist kein Krieg zu gewinnen und das ist ja die Absicht. Zu verhindern ist er allerdings durch Auseinandersetzungen \u00fcber die erforderliche Radikalit\u00e4t der Ethik auch nicht. Zuerst mobilisiert ein offen-sichtlich brennendes Problem das allgemeine Interesse, dann fahren sich die Vorschl\u00e4ge zu seiner L\u00f6sung in einen Streit der Schulen und politischen Lager fest. Und darauf wieder zeigt sich die \u00d6ffentlichkeit schockiert und schiebt die Schuld daf\u00fcr, da\u00df nichts geschieht, den Fachleuten zu.<\/p>\n<p class=\"p\">Mitten in diesem Argumentstau steckt die \u00dcberzeugung, da\u00df etwas getan werden mu\u00df. F\u00fcr die meisten Betroffenen bedeutet das, dort anzupacken, wo es gerade m\u00f6glich ist. Philosophie setzt auch in diesem Schlamassel noch darauf, die verfahrene Situation durch Nachdenken in Bewegung zu bringen.&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"heading\">Nervenstark<\/h3>\n<p class=\"p\">Folgender Standpunkt ist weitverbreitet und gilt als realistisch: Was z\u00e4hlt, sind Fakten. Die endlosen Auseinandersetzungen \u00fcber ihre Deutung k\u00f6nnen wir uns sparen. Darum brauchen wir zur Bew\u00e4ltigung der nuklearen Herausforderung Einsicht und klare Entscheidungen, keine Ideologen. Ein abschreckendes Beispiel bietet das h\u00f6here Management des Kernkraftwerks Tschernobyl. Die leitenden Ingenieure waren nicht in der Lage, sich und ihren Vorgesetzten einzugestehen, da\u00df der Reaktor tats\u00e4chlich explodiert war. Sie glaubten fest, es handle sich um Schwierigkeiten in einem Pumpraum. Erst als Mitglieder des aus Moskau gesandten Krisenstabs das Gel\u00e4nde mit dem Hubschrauber \u00fcberflogen, kam die Wahrheit heraus. Danach zu gehen, was man gerne h\u00e4tte, ist in solchen F\u00e4llen offenbar gemeingef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p class=\"p\">Das klingt aufgekl\u00e4rt und unsentimental, stimmt aber nicht. Grigori Medwedew l\u00e4\u00dft einen Schichtleiter von Block 4 erz\u00e4hlen. &#8222;Seltsam, aber die gro\u00dfe Mehrheit der Operatoren, mich eingeschlossen, nahmen in diesen entsetzlichen Stunden den Wunsch f\u00fcr die Wahrheit. &#8218;Der Reaktor ist intakt!&#8216; Diese Behauptung war faIsch. Aber sie rettete uns. Sie erleichterte Geist und Seele und verhexte viele von uns, hier ebenso wie in Pripjat, Kiew und Moskau und zog Befehle und Anweisungen nach sich, welche die Situation immer weiter versch\u00e4rften.&#8220; Der technische Havarieschutz war zwecks eines Experimentes abgeschaltet worden, ein instinktiver Schutzmechanismus blieb in Kraft. Das ist nicht nur ein psycho-hygienischer Befund, sondern dazu noch Anhaltspunkt f\u00fcr Bedenken gegen Ultra-Sachlichkeit als angeblich besten Schutz vor und bei Katastrophen.<\/p>\n<p class=\"p\">Von Kants Versuch, sowohl das Wissen, als auch das Handeln auf den festen Boden intersubjektiv nachvollziehbarer Verfahrensweisen zu stellen ist das einiger-ma\u00dfen entfernt. Auch die Alarmsignale, zu denen die einschl\u00e4gigen vern\u00fcnftigen \u00dcberlegungen mittlerweile fast notgedrungen werden, reichen da nicht hin. Im ersten halben Tag nach dem Ungl\u00fcck war eine Menge zu tun, damit es sich nicht multipliziert und diese Aktionen hatten Hoffnung wider besseres Wissen zur Voraussetzung. Um diese Feststellung nicht in h\u00f6hnischen Nihilismus absacken zu lassen, ist eine Theorie der sub-optimalen Verarbeitung der Wirklichkeit durch Menschen n\u00f6tig. Man k\u00f6nnte sagen eine Betrachtungsweise, die mit einbezieht, da\u00df unsere Kapazit\u00e4ten zum Umgang mit dem Entsetzlichen auch einen Anteil an lebensnotwendiger Unwahrheit enthalten.<\/p>\n<p class=\"p\">Jaques Derrida hat einen Vorsto\u00df in diese Richtung unternommen. Wir d\u00fcrfen nicht darauf verzichten, solche Ereignisse unter dem Aspekt der Macht blo\u00dfer Worte zu betrachten. &#8222;Die Vorwegnahme des Atomkriegs (gef\u00fcrchtet als Phantasie, oder Phantasma, einer restlosen Zerst\u00f6rung) begr\u00fcndet die Menschheit &#8211; und definiert sogar durch viele verschiedene Schaltstellen das Wesen der modernen Menschheit in ihrem rhetorischen Zustand.&#8220; Manche halten es f\u00fcr frivol, auf die Atommacht mit Literaturkritik zu reagieren, doch Derrida sucht einen Ausweg aus dem Zerst\u00f6rungsdrang der W\u00f6rtlichkeit.<\/p>\n<p class=\"p\">Die Aufgabe, einen Atomkrieg auch nur zu beschreiben, ist nicht weniger phantastisch als jene, einen geborstenen Reaktor zu kontrollieren. Es ist wahr, die Reflexion zieht sich mit dieser Behauptung aus der vordersten Reihe der Konfrontation mit dem Ph\u00e4nomen zur\u00fcck. Aber ihm gegen\u00fcber gibt es sowieso weder Parterre, noch Galerie. Die Arbeit an vorhandenen, naturgem\u00e4\u00df fiktionalen, Kategorien zur Ann\u00e4herung an den Strahlentod ist philosophischer Zivilschutz.<\/p>\n<p class=\"p\">So kommt es, da\u00df der Streit dar\u00fcber, wie \u00fcber das beinahe Unvorstellbare richtig zu reden sei, sich auch als Beitrag zu dessen Eind\u00e4mmung anbietet. Wenn die Faszinationskraft der Apokalypse abnimmt, sinkt die Wahrscheinlichkeit, da\u00df jemand sie fabriziert. Umgekehrt ist allerdings auch klar, da\u00df schon seit einiger Zeit Alarmstufe 1 herrscht. Mit diesem Resultat sitzen die Schreiber in der Tinte. Der Zugang zu eindeutigen Ma\u00dfnahmen ist ihnen verschlossen. Das schl\u00e4gt auch auf die \u00fcberzeugten Pazifisten zur\u00fcck.<\/p>\n<p class=\"p\">G\u00fcnther Anders, der die Unentrinnbarkeit des nuklearen Horrors zum Fixpunkt jeder gegenw\u00e4rtigen Moral erkl\u00e4rt hat, wurde deswegen in den 60-er Jahren von Friedrich Torberg im FORVM ausgelacht. Der Verri\u00df war ebenso brillant, wie charakterlos. &#8222;Tut doch nicht immer, als ob Ihr die Angst vor der Atombombe gepachtet h\u00e4ttet. So volle Hosen wie Robert Jungk und Herr Anders hab ich noch lang. Aber ich halte volle Hosen weder f\u00fcr ein Merkmal besonders aufrechter Gesinnung, noch f\u00fcr eine besonders g\u00fcnstige Verhandlungsbasis.&#8220;<\/p>\n<p class=\"p\">Als Mittelsch\u00fcler habe ich das mit am\u00fcsierter Zustimmung gelesen. Lieber ein guter Schm\u00e4h, als durch das st\u00e4ndige Reden vom Weltuntergang ein Loch im Bauch. Das hiesige Lokalkolorit f\u00e4rbt auch auf Menschheitsfragen ab. Rudolf Burgers im FORVM abgedruckte Er\u00f6ffnungsrede zum Anders-Symposium der Stadt Wien 1990 dreht die Beschwerde gegen das Kleben am Untergang zu einer Ehrung f\u00fcr den Hochverdienten.<\/p>\n<p class=\"p\">&#8222;Die Wahrheit ist auf die Dauer niemals bei den Unbedingten.&#8220; Prinzipienfertigkeit ist Widerschein der blanken Angst vor dem Ereignis, das nicht sein darf und damit alle Energien, an etwas Freundlicheres zu denken, aufsaugt. Der &#8222;Philosophie des letzten Worts&#8220; fehlt die Flexibilit\u00e4t, die Qualit\u00e4ten, die es zu retten g\u00e4lte, in ein produktives Verh\u00e4ltnis zum Bedrohlichen zu setzen. Nach G\u00fcnther Anders kommt das davon, da\u00df die Bombe auch wirklich keinen Spa\u00df versteht. Und Rudolf Burger antwortet mit einem Manifest gegen Erpressung durch Bombensicherheit. &#8222;Angst sollte man nur vor einem haben: vor dem Leuchten in den Augen der Propheten.&#8220;<\/p>\n<p class=\"p\">Abregung und Aufregung halten einander auch hier die Wage. Konrad P. Liessmann nimmt in einer Erwiderung auf Burger in derselben Nummer des FORVM noch einmal Partei f\u00fcr theoretischen Extremismus. So offensichtlich, wie die L\u00e4hmung durch Rigorismus, ist die Tatsache, da\u00df wir sie uns nicht ausgesucht haben. &#8222;&#8230;falsches Leben im Falschen, das sich, wenn nicht f\u00fcr das Richtige, so doch f\u00fcr das M\u00f6gliche h\u00e4lt &#8211; halten mu\u00df.&#8220; Billiger als gegen den vernichtenden Urteilsspruch und r\u00e4tselhafter als durch die selbst in diesen Umst\u00e4nden noch bemerkbare Zuversicht geht es nicht weiter. Nur Rhetorik kann beide Seiten zusammenhalten, das spricht nicht gegen sie.<\/p>\n<h3 class=\"heading\">Fuchsteufelswild<\/h3>\n<p class=\"p\">Fuchs und Teufel. Die einen wollen klug zu Werk gehen, die anderen mit aller Kraft k\u00e4mpfen. Atomare Bedrohung ist nicht stark genug, zwischen ihnen Einigkeit herzustellen. Wie Diplomaten und Radikale miteinander wild werden k\u00f6nnen ist schleierhaft. Genauso undurchsichtig ist, ob Philosophinnen eher fromme L\u00fcgen \u00fcber die M\u00f6glichkeit einer intakten Welt oder explosive Wahrheiten \u00fcber die bereits ausgebrochene Katastrophe verbreiten sollen. Im Zweifel beides, halbwegs geschickt auf die Fassungskraft des jeweiligen M<br \/>\nediums zugeschnitten. Es ist Zeit, nach der vorgetragenen Kreisbewegung selbst Stellung zu nehmen. Das Stabilste, was ich zustand bringe, ist dieser Wechselschritt.<\/p>\n<p class=\"p\">Theoretiker qu\u00e4len sich in Extremf\u00e4llen mit der Dialektik, da\u00df sie ein Feld einschr\u00e4nken wollen und dadurch immer schon weitere Aussichten er\u00f6ffnen. Die Geschichte der in Tschernobyl am Ungl\u00fcckstag verf\u00fcgbaren Dosimeter kommt ihnen sehr bekannt vor. Unmittelbar nach dem Zwischenfall war blo\u00df ein Ger\u00e4t zur Stelle, das maximal 1000 Mikror\u00f6ntgen pro Stunde registrieren konnte. Das sind 4 R\u00f6ntgen pro Stunde, eine Belastung, unter der jemand etwa f\u00fcnf Stunden arbeiten kann. Auf die Frage, ob nirgends st\u00e4rkere Instrumente aufzutreiben seien, antwortet der Dosimetrist: &#8222;Doch, wir haften ja ein Ger\u00e4t bis 1000 R\u00f6ntgen pro Stunde, aber das ist durchgebrannt. Das zweite ist im Kasten, und der ist abgeschlossen. Den Schl\u00fcssel hat Krasnoschon. Au\u00dferdem hab&#8216; ich schon nachgesehen, der Kasten ist im Schutthaufen. Da kommst du nicht mehr ran.&#8220;<\/p>\n<p class=\"p\">Nach den Angaben Grigori Medwedews betrug die Radioaktivit\u00e4t zu diesem Zeitpunkt 5000-15000 R\u00f6ntgen die Stunde. Kein Wunder, da\u00df das vorhandene Dosimeter permanent Maximalausschlag zeigte. Angenommen Worte sind Zeigerstellungen, dann sieht es mit ihnen nicht viel anders aus. Sie r\u00fchren sich nicht von jener Stelle, die h\u00f6chste Gefahr anzeigt, dennoch sind sie l\u00e4cherlich inad\u00e4quat. Wie das disfunktionale R\u00f6ntgenometer l\u00e4\u00dft man sie schlie\u00dflich au\u00dfer Acht. Nichtsdestoweniger teilen sie noch in ihrem Versagen mit, da\u00df sich ein gr\u00f6beres Ungl\u00fcck abspielt. Angemessen k\u00f6nnen sie es nicht darstellen, doch ihr Versagen ist selbst schon eine Darstellung.<\/p>\n<p class=\"p\">Oft und sicherlich zu Recht ist betont worden, da\u00df Berichte, die \u00fcber eine ziemlich niedrige Ersch\u00fctterungsschwelle hinausreichen, das tats\u00e4chliche Ausma\u00df des Vorgefallenen nicht richtig wiedergeben k\u00f6nnen. Unterschiede zwischen einer Handvoll Toten und hunderttausenden bestehen trotzdem. Der Irrtum ist zu meinen, Tod und seine Effekte k\u00f6nne man addieren wie Bruttonationalprodukte. Durch angef\u00fcgte Nullen macht das Unfa\u00dfliche keinen gr\u00f6\u00dferen Eindruck in den K\u00f6pfen. Um hier voranzukommen bedarf es der Diplomatie. Der Teufel steckt bereits im Detail.<\/p>\n<p class=\"p\">Es gibt ein Ma\u00df auch in der \u00dcberforderung; Erfahrungen, die eigentlich undenkbar sind. Auf normalen Kan\u00e4len nicht erreichbar, verlangen sie Diskretion. Eine glatte Zumutung, als ob das schreiende Elend nicht schon genug w\u00e4re. Aber dort, wo die Phantasie einer vertretbaren Reaktion auf Atomkatastrophen sich hinwagt, l\u00f6scht der Jammer die indirekte Mitteilung nicht aus. Die Nerven zu behalten ist mehr, als man erwarten kann und doch nicht mehr, als unter Umst\u00e4nden auch in der schlimmsten Lage m\u00f6glich ist. Dieser Wechselschritt ist eher ein Herumzappeln, ein Maximalausschlag, der zugleich erkennen l\u00e4\u00dft, da\u00df das Ger\u00e4t nicht einfach auf den M\u00fcll geh\u00f6rt.<\/p>\n<p class=\"p\">Von sowas \u00fcberhaupt zu reden ist Luxus. Der Hinweis ist kein Gegenargument. Der Mensch ist eine Art Lebewesen, die \u00dcberschu\u00df notwendig hat. In feierlichen Anl\u00e4ssen wird das zur Transzendenz erkl\u00e4rt, in traurigen hei\u00dft es Gefa\u00dftheit, W\u00fcrde, Hoffnung. Die Analysen des Atomzeitalters gehen \u00fcber fr\u00f6hliche und triste Zust\u00e4nde hinweg, doch an dem einen Reglement kommen sie nicht vorbei. Wer sich Gedanken macht, mag arm dran sein, trotzdem leistet er sich eine kosmisch einzigartige Nebenbesch\u00e4ftigung. Es ist un\u00fcbersehbar, da\u00df das verheerende Resultate hervorbringt. Genausowenig kann die Klage dar\u00fcber auch nur anfangen, ohne damit zu lieb\u00e4ugeln, wie sch\u00f6n es h\u00e4tte werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"p\">Dieser Umstand treibt seltsame Bl\u00fcten. In Anf\u00e4llen von Selbstbestrafung fegen Poeten die menschliche Existenz von der Erde. Theoretiker assistieren, da\u00df wir nicht wert sind, die Balance der Natur zu unseren Gunsten zu zerst\u00f6ren. Was dabei \u00fcbersehen wird ist, da\u00df es ohne Gedanken keine Balance gibt. Es ist nicht m\u00f6glich, an den Untergang zu denken, ohne damit einen kleinen Ursprung in die Welt zu setzen. Die Aufgabe einer Ethik im Atomzeitalter besteht darin, diesem bescheidenen Anteil an der Sch\u00f6pfung Aufmerksamkeit zu widmen.<\/p>\n<p class=\"p\">In diesen \u00dcberlegungen klingen beschw\u00f6rende Untert\u00f6ne mit. Der Anschein entsteht, als wollte ein Philosoph sich mit besonders ausgefuchsten Mitteln noch eine Schnitte Sinn abschneiden. Davon h\u00e4tte kaum jemand etwas. Die gedankliche Anstrengung verfolgt eine andere Pointe. Der Luxus, der sich in solchen Reflexionen niederschl\u00e4gt, ist der Mehrzahl der Erdbev\u00f6lkerung verwehrt. Das bildet einen wesentlichen Risikofaktor zuk\u00fcnftiger Entwicklungen. Die ungerechte Verteilung des Ressourcen blockiert die Anwendung der alten westlichen Vernunftprinzipien.<\/p>\n<p class=\"p\">Was dann oft \u00fcbrigbleibt ist Dreinschlagen und Scham.<\/p>\n<p class=\"p\">Dazwischen reibt sich der gute Wille zur Ethik leicht auf. Richtige Wutausbr\u00fcche lassen sich nicht organisieren, darum bleiben die fuchsteufelswilden Antworten auf das Management des Verderbens sporadisch. Ihm eine wohlger\u00fcstete Verwaltung des Friedens entgegenzustellen ist unerl\u00e4\u00dflich und driftet sofort in Richtung noch mehr B\u00fcrokratie.<\/p>\n<p class=\"p\">Ich bin einmal dem Vorsitzenden des Vereins ehemaliger Mauthausen-H\u00e4ftlinge begegnet. Seine Sorge war, da\u00df die Lehrergewerkschaft es ihren Mitgliedern verbietet, am Wochenende Sch\u00fcler durch die Gedenkst\u00e4tte zu f\u00fchren. Ein Meister des Entsetzens zweiten Grades. Der nuklearen Bedrohung gegen\u00fcber sind wir die meiste Zeit genauso hintennach. F\u00fcnf Jahre oder die paar Stunden, bis die Meldung vom n\u00e4chsten St\u00f6rfall \u00fcber die Nachrichtenagenturen kommt. Man mu\u00df den Kopf hinhalten, damit etwas Vern\u00fcnftiges aus ihm herauskommt. Vielleicht ist das ein verstiegener Wunsch; wahrscheinlich ist es trotzdem eine Hilfe.<\/p>\n<h4 class=\"heading\" style=\"font-size: 14px;\">LITERATUR<\/h4>\n<p class=\"p\">G\u00fcnther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen. Band 1. M\u00fcnchen 1988. Hanser<\/p>\n<p class=\"p\">G\u00fcnther Anders: Anders ruft Torberg. Friedrich Torberg: Falsch verbunden. In: FORVM 11\/126-127 (1964) S.306ff<\/p>\n<p class=\"p\">Rudolf Burger: Die Philosophie des Aufschubs. In: FORVM 37\/444 (1990) S.16ff Jaques Derrida: Apokalypse. Wien 1985. Edition Passagen&nbsp;<\/p>\n<p class=\"p\">Dieter Henrich: Ethik &nbsp;zum nuklearen Frieden. Frankfurt 1990. Suhrkamp<\/p>\n<p class=\"p\">Konrad P. Liessmann: Der Aufschub der Philosophie. In: FORVM 37\/444 (1990) S.19ff<\/p>\n<p class=\"p\">Grigori Medwedew: Verbrannte Seelen. Die Katastrophe von Tschernobyl. M\u00fcnchen &#8211; Wien 1991. Hanser<\/p>\n<p class=\"p\">Ernst Tugendhat: Nachdenken \u00fcber die Atomkriegsgefahr und warum man sie nicht sieht. Berlin 1986. Rotbuch Verlag<\/p>\n<p class=\"p\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"p\">Ludwig Wittgenstein: Vortrag \u00fcber Ethik. Frankfurt 1989. Suhrkamp<\/p>\n<p class=\"p\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"p\"><span style=\"font-size: medium;\"><strong>\u00a9 Herbert Hrachovec<\/strong><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Rede wurde im Rahmen einer Kunstaktion an der Universit\u00e4t Linz von einem Kellerabteil aus an das Publikum \u00fcbetragen. Die einzelnen Abschnitte erschienen 1991 in den Heften 17-20 der Wiener Stadtzeitung FALTER. &nbsp; Den Untergang herabbeschw\u00f6ren. Rede aus einem Bunker Herbert Hrachovec &nbsp; Die \u00dcbertragung, an der Sie teilnehmen, l\u00e4\u00dft sich verschieden deuten. 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