{"id":764,"date":"2016-09-18T15:02:57","date_gmt":"2016-09-18T15:02:57","guid":{"rendered":"http:\/\/krach.philo.at\/?page_id=764"},"modified":"2016-09-18T15:02:57","modified_gmt":"2016-09-18T15:02:57","slug":"ueber-den-wolken","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrachovec.philo.at\/?page_id=764","title":{"rendered":"\u00dcber den Wolken"},"content":{"rendered":"<p><strong>Herbert Hrachovec: \u00dcber den Wolken<\/strong><\/p>\n<p>In Auseinandersetzungen mit Logikern nervt es bisweilen, da\u00df sie B\u00fccher mit kurzem Blick daraufhin pr\u00fcfen, ob sie gen\u00fcgend Formeln bieten. Der philosophische Instinkt wehrt sich dagegen. Es mu\u00df doch m\u00f6glich sein &#8211; vielleicht ist es sogar notwendig &#8211; qualifiziert zum Sachbereich ,,logisches Denken&#8220; Stellung zu nehmen, ohne sich der Mathematik zu bedienen. Literatur zum Cyberspace bewirkt einen Rollenwechsel. Ich ertappe mich dabei, Traktaten \u00fcber die Auswirkungen der elektronischen Vernetzung auf die Weltgeschichte zu mi\u00dftrauen, wenn sie keinen einzigen ,,Uniform Resource Locator&#8220; (URL) enthalten.<\/p>\n<p>Pierre L\u00e9vy verfa\u00dft ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr ,,kollektive Intelligenz&#8220; als emergente Qualit\u00e4t eines Prozesses, in dem die Wissensbest\u00e4nde unserer Zivilisation sich auf sich selbst zur\u00fcckfalten. Der Proze\u00df verschafft allen Beteiligten computer-unterst\u00fctzte Gelegenheit zur Nutzanwendung jenes Machtpotenzials, das bisher in elit\u00e4r gesch\u00fctzten Reservaten (,,B\u00fcchern&#8220;) deponiert war. Soweit ich sehe, taucht der Terminus ,,World Wide Web&#8220; kein einziges Mal auf. Das ist zun\u00e4chst in Ordnung. ,,Wir gehen davon aus, da\u00df sich heute ein neuer ,anthropologischer Raum&#8216; \u00f6ffnet, der Raum des Wissens, der durchaus in der Lage w\u00e4re, sich die ihm vorangehenden R\u00e4ume &#8211; n\u00e4mlich Erde, Territorium und den Raum der Ware &#8211; unterzuordnen.&#8220; Auf dem Niveau von Betrachtungen, die mit dem Neolithikum beginnen und Antwort auf die Zukunftsfragen der Menschheit geben wollen, dreht es sich nicht um technische Details.<\/p>\n<p>Die Eitelkeit von Leserinnen und Lesern, die allzu dicht an faktischen Erfahrungen mit dem Internet oder der Programmierung ,,virtueller Realit\u00e4ten&#8220; kleben, sollte nicht der Ma\u00dfstab sein. Instruktiv und befreiend sind oft gerade jene Interventionen, die neue Perspektiven er\u00f6ffnen, statt der Kompetenz von ,,Experten&#8220; zu schmeicheln. Hier das Beispiel eines Zukunftsbildes. ,,Der Cyberspace k\u00f6nnte \u00c4u\u00dferungsstrukturen beherbergen, die lebendige politische Symphonien hervorbringen, wodurch Kollektive von Menschen kontinuierlich komplexe \u00c4u\u00dferungen erfinden und zum Ausdruck bringen, mit ihrer ganzen Bandbreite an Singularit\u00e4ten und Divergenzen, ohne sich vorgegebenen Formen unterordnen zu m\u00fcssen.&#8220;<\/p>\n<p>Intelligenzen, die \u00fcberall verteilt sind, sich ununterbrochen reorganisieren, in Echtzeit koordinieren und damit effizient mobilisieren, verschr\u00e4nken sich zu einem ,,cogitamus&#8220;, einem selbstbestimmten, auf Elektronik gest\u00fctzten Epochenwandel. ,,Aus diesem Grund d\u00fcrfen Weitergabe, Erziehung, Integration und die Neugestaltung der sozialen Bindungen keine getrennten Aktivit\u00e4ten bleiben. Sie m\u00fcssen sich aus der Gesamtheit der Gesellschaft vollziehen und sich potentiell von jedem beliebigen Punkt zu jedem anderen hinbewegen, ohne vorherige Kanalisierung, ohne Umweg \u00fcber ein spezialisiertes Organ.&#8220; Das \u00fcberfordert meine guten Vors\u00e4tze. ,,Wir haben ein Rendezvous mit der \u00dcber-Sprache.&#8220; Es produziert Visionen am laufenden Band.<\/p>\n<p>Man nehme eine Vierteilung der Menschheitsgeschichte, den Gestus anthropologischer Besinnung auf die evolution\u00e4ren M\u00f6glichkeiten der Species, den ungebrochenen Glauben an die Ideale der franz\u00f6sischen Revolution und zahlreiche Designer-Vokabeln wie ,,molekulare Politik&#8220;, ,,transversale Verbindung&#8220;, ,,Entterritorialisierung&#8220; und ,,kinetische Karten&#8220;. Zusammengie\u00dfen und kr\u00e4ftig sch\u00fctteln. Das Resultat ist eine lockere, breiartige Masse von geringem N\u00e4hrwert.<\/p>\n<p>Zum Beispiel ,,lebendige politische Symphonie&#8220;. Was ist an der Metapher neu? Besitzt sie heute aufschl\u00fcsselnde Kraft? Wie kann eine solche Wortf\u00fcgung der Unerforschtheit des globalen Daten- und Tatenraums Orientierung abgewinnen? L\u00e9vy expliziert. Es handelt sich um einen ,,improvisierten, vielstimmigen Chor&#8220;, der im gro\u00dfen Ma\u00dfstab nur durch die Rechnerleistungen im Cyberspace realisiert werden kann. Das abstrakte Konzept ist seit langem vertraut. Die Organisation von Staat und Gesellschaft soll die sozialisierten Einzelnen in ihrer Eigenst\u00e4ndigkeit bewahren und dennoch synergetisch in den Aufbau \u00fcbergreifender Sozial- und Wissensstrukturen einbeziehen. Das ist bisher nicht im erw\u00fcnschten Ma\u00df gelungen. Also wird das Problem digitalisiert. Die Weltordnung der sp\u00e4t-kapitalistischen, liberalen Massen-Demokratie wird durch die Beigabe einer neuen Technik zu Verhei\u00dfungen transformiert.<\/p>\n<p>Das Metaphernpotenzial von Ch\u00f6ren und Symphonieorchestern (um beim Beispiel zu bleiben) erfa\u00dft Hoffnungen, die uns schon lange vorschweben. An ihnen finde ich nichts auszusetzen, der Widerspruch gilt dem Versuch, die kontrafaktischen Annahmen in den Cyberspace zu projezieren und ihnen dort &#8211; ohne Reibungswiderstand &#8211; rasche Ausbreitung vorherzusagen. Die Nonchalance des datenfremden Anthropologen r\u00e4cht sich unweigerlich. Sven Birkerts etwa ist es gelungen, die prek\u00e4re Situation ,,des Buches&#8220; ohne Formelkram, Depression oder Hurra darzustellen. (,,The Gutenberg Elegies&#8220;). Er bildet eine Ausnahme. Die Mehrzahl der Autorinnen und Autoren, die lesenswerte Beitr\u00e4ge zur Zukunft der Informationsgesellschaft geliefert haben, verbinden Erfahrungen erster Hand mit Prognosen.<\/p>\n<p>,,Wir gehen von der Hypothese aus, da\u00df es sowohl m\u00f6glich, als auch erstrebenswert ist, technische, soziale und semiotische Dispositive zu schaffen, die die kollektive Intelligenz wirkungsvoll materialisieren k\u00f6nnen.&#8220; L\u00e9vy denkt an ,,digitale Netze, Computerspeicher und multimodale, interaktive Interfaces &#8230;&#8220;. Kein Wort dar\u00fcber, was ,,materialisierte kollektive Intelligenz&#8220; hei\u00dfen soll. Die doppelte Haltlosigkeit der strukturalistischen und technoiden Begriffsreihen kann sich nur in repetitiven verbalen Kaskaden gegenseitig st\u00fctzen.<\/p>\n<p>Das Buch enth\u00e4lt ein sch\u00f6nes Kapitel \u00fcber die neuplatonische Lehre vom ,,intellectus agens&#8220;. Engel sind dazu gedacht, die Kluft zwischen dem Herrn des Kosmos und den Menschen zu \u00fcberbr\u00fccken. Sie stehen f\u00fcr ,,kollektive Intelligenz&#8220;. Aus Theologie macht Pierre L\u00e9vy Technik. Das sieht man seiner ,,Lehre vom Menschen&#8220; auch an.<\/p>\n<p>Pierre L\u00e9vy: Die kollektive Intelligenz. F\u00fcr eine Anthropologie des Cyberspace. Bollmann. 1997<\/p>\n<p>hh<br \/>\nTue Dec 30 13:45:21 MET 1997<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herbert Hrachovec: \u00dcber den Wolken In Auseinandersetzungen mit Logikern nervt es bisweilen, da\u00df sie B\u00fccher mit kurzem Blick daraufhin pr\u00fcfen, ob sie gen\u00fcgend Formeln bieten. Der philosophische Instinkt wehrt sich dagegen. 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