{"id":768,"date":"2016-09-18T15:21:27","date_gmt":"2016-09-18T15:21:27","guid":{"rendered":"http:\/\/krach.philo.at\/?page_id=768"},"modified":"2016-09-18T15:21:27","modified_gmt":"2016-09-18T15:21:27","slug":"unregelmaessigkeiten-im-wissenschaftsbetrieb","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrachovec.philo.at\/?page_id=768","title":{"rendered":"Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten im Wissenschaftsbetrieb"},"content":{"rendered":"<p><strong>Herbert Hrachovec: Elektronische Journale: Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten im Wissenschaftsbetrieb<\/strong><\/p>\n<p>Publizieren online erzeugt bemerkenswerte Widerspr\u00fcche. Das Logic Journal of the IGLP (,,Interest Group in Pure and Applied Logic&#8220;) wird von Oxford University Press herausgegeben und kostet derzeit j\u00e4hrlich $ 395.- f\u00fcr Institutionen und $ 185.- f\u00fcr Individuen. Am World Wide Web ist es zur G\u00e4nze frei verf\u00fcgbar. Als w\u00e4re das nicht paradox genug, bietet die Website des Verlages ein elektronisches Formular, mit dessen Hilfe die gedruckte Fassung und allenfalls &#8212; um $ 39.- erm\u00e4\u00dfigt &#8212; Zugang zu einer online Version bestellt werden kann. Handelt es sich um ein Versehen oder um einen \u00f6konomischen Kalk\u00fcl? In beiden F\u00e4llen zeigt das Beispiel die Verwirrung, die neue Technologien bei Verlagen und ihrem Leserpublikum ausl\u00f6sen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In einer Hinsicht stellt das WWW M\u00f6glichkeiten bereit, die genau auf die Bed\u00fcrfnisse wissenschaftlichen Publizierens zugeschnitten sind. Ein Beitrag \u00fcber ,,Theories of omega-Layered Metric Temporal Structures: Expressivness and Decidability&#8220; ist nicht verfa\u00dft, um Geld zu verdienen; seine Verf\u00fcgbarkeit im Netz interessiert eine kleine Zielgruppe und eliminiert f\u00fcr Spezialistinnen den sachfremden, aufwendigen Zwischenhandel. Die Perspektive ist revolution\u00e4r. Man braucht sich blo\u00df vorzustellen, welchen Umsturz eine 80%-ige Reduktion der Energiekosten bewirken w\u00fcrde. Die etablierten Institutionen akademischer Wissensproduktion sind in ihrer Reaktion vergleichsweise beh\u00e4big. Vielleicht ist das nicht schlecht.<\/p>\n<p>Die ,,Vision\u00e4re&#8220; des zuk\u00fcnftigen Telekommunikationszeitalters setzen sich \u00fcber die gegenw\u00e4rtigen Widerspr\u00fcche hinweg. Momentan bewirkt ,,online publishing&#8220; einen markanten Orientierungsverlust. Wer sich &#8212; um noch ein Beispiel zu nennen &#8212; im Netz auf die Suche nach Publikationen \u00fcber Willard v. Orman Quines Philosophie begibt, findet eine nennenswerte Anzahl erstklassiger Ver\u00f6ffentlichungen; andere sind kostenpflichtig oder nicht vorhanden. Die elektronisch verf\u00fcgbaren Arbeiten sind ihrerseits von unterschiedlichem Status: Kopien aus konventionellen Journalen; Beitr\u00e4ge zu elektronischen Publikationen; Entw\u00fcrfe, die zum Kommentar einladen; Diskursfragmente auf Mailing Lists. Die Rahmenbedingungen des wissenschaftlichen Arbeitens unterliegen einer tiefgreifenden Strukturver\u00e4nderung. Dabei wird sichtbar, welche Einschr\u00e4nkungen die \u00fcberlieferte Gelehrtenkultur als selbstverst\u00e4ndlich hingenommen hat. Es bedarf der Utopie unentgeltlicher, instantaner, globaler Publikation um deutlich zu machen, wie gem\u00e4chlich und vielfach von hochbetagten Techniken reglementiert es bisher im Verlagswesen zugegangen ist.<\/p>\n<p>Umgekehrt ist die eben genannte Utopie &#8212; utopisch. Darin liegt das respektable Moment des Wissenschaftsbetriebs. Im Gegensatz zur umstandslosen Diffusion elektronischer Dokumente manifestieren die teilweise jahrhundertealten Gepflogenheiten und Prozeduren des akademischen Publikationswesens gesellschaftlich erworbenes, institutionalisiertes Wissen, an dem die online-Texte parasit\u00e4t mitnaschen. Ohne den konventionellen Universit\u00e4tsbetrieb w\u00e4re zwischen qualifizierten und unerheblichen \u00c4u\u00dferungen \u00fcber Quine nicht zu unterscheiden. Die vielversprechende Dynamik elektronischer Journale und Homepages speist sich aus dem klassischen Ausbildungssystem. Die befreiende Umstandslosigkeit, mit der wissenschaftliche Resultate zur Verf\u00fcgung gestellt werden k\u00f6nnen, ist untrennbar von Instanzen, welche die Produkte pr\u00fcfen und gebrauchen. Als Philosoph gesprochen: Zwischen den verhandelnswerten Themen und dem Enthusiasmus, sie elektronisch abhandeln zu k\u00f6nnen, besteht eine schmerzvolle Dissonanz. Wo sich die Datenvermittlung nicht auf blo\u00dfe Hilfsfunktion reduziert, fehlt eine seri\u00f6se Erfahrungsgrundlage.<\/p>\n<p>Soweit der Ist-Zustand; in Zukunft werden die Gegens\u00e4tze sich abgleichen. Die eruptionsartige Verbreitung sporadischer Wissenschaft wird sich zu einer absehbaren Infrastruktur konsolidieren. Schon heute gehen spontane Initiativen, die das WWW als ein gigantisches freies Anschlagbrett verwendeten, zu \u00fcberlieferten Formen der Qualit\u00e4tskontrolle \u00fcber: Herausgeber-Gremien, peer review und durch solide Finanzierung garantierte Kontinuit\u00e4t. Andererseits ist absehbar, da\u00df gedruckte Zeitschriften, wenn ihre digitale Konkurrenz hoff\u00e4hig wird, massiv an Terrain verlieren m\u00fcssen. Die Revolution wird ausbleiben; stattdessen ist mit langfristigen Umschichtungen zu rechnen. In ihnen \u00e4ndern sich allerdings &#8212; insofern sind die Bef\u00fcrchtungen der pr\u00e4-digitalen Wissenschaftselite angebracht &#8212; einige Charakteristika der eingespielten Praxis bis zu Unkenntlichkeit.<\/p>\n<p>Zur Illustration eignet sich die \u00dcberlegung, da\u00df die Erscheinungsweise wissenschaftlicher Zeitschriften sehr wenig mit den Gesetzlichkeiten vernetzter Kommunikation zu tun hat. Einzelne Hefte, die allj\u00e4hrlich zu B\u00e4nden zusammengefa\u00dft werden, entsprechen dem drucktechnischen Produktionsproze\u00df und dem klassischen Post- und Bibliotheksbetrieb. Weder die physische Selbst\u00e4ndigkeit von Einzelnummern, noch der \u00fcberkommene Distributionsrhythmus haben eine Entsprechung im online-Bereich. Dort wirkt die Einteilung in separate Lieferungen und Jahrg\u00e4nge k\u00fcnstlich aufgesetzt. Der Logik eines 24-Stunden-Mediums entspr\u00e4che es eher, neue Beitr\u00e4ge wie Nachrichten zu ver\u00f6ffentlichen und das zur\u00fcckliegende Angebot in einer Datenbank zu verwalten. F\u00fcr ein solches Service ist das Erscheinungsdatum unwesentlich; digitale Bibliotheken im WWW sind ununterbrochen mit ihrem Gesamtbestand zug\u00e4nglich. Monatliche oder viertelj\u00e4hrliche Zyklen sind \u00e4hnlich artifiziell, wie die Steinverkleidung von Metalltr\u00e4gern in fr\u00fchen Bahnhofsarchitekturen.<\/p>\n<p>Die Regelm\u00e4\u00dfigkeiten des Erscheinungsablaufes spiegeln eine Welt, in der zwischen Publikationen Zeit war. Wissenschaftsprodukte wurden ver\u00f6ffentlicht, von Einzelpersonen rezipiert und anschlie\u00dfend in weiteren Ver\u00f6ffentlichungen kommentiert und kritisiert. Der Bereich der Telekommunikation l\u00e4\u00dft keine temporale Unterbrechungen zu; das Internet ist permanent ,,auf Sendung&#8220;. Es favorisiert die rasche Reaktion, die ebenso rasch veraltet. F\u00fcr Forscher des herk\u00f6mmlichen Typs bedeutet das eine drastische Verk\u00fcrzung der gewohnten Arbeitsfristen. Manche H\u00f6flichkeiten, Aufmerksamkeiten und Flei\u00dfarbeiten werden sich nicht aufrecht erhalten lassen. Der Ton wird st\u00e4rker von Aktualit\u00e4t bestimmt, die Einbettung von Forschungsprojekten in mittelfristige, geographisch lokalisierbare, professionelle Kontexte wird sich tendentiell aufl\u00f6sen. Am Marktplatz des ,,globalen Dorfes&#8220; wird ein anderer Kommunikationsstil herrschen, als in den H\u00f6rs\u00e4len der ortsgebundenen Universit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Die vertraute Skandierung des Wissenschaftsbetriebs wird zur Polyrhythmie. Den Kategorien ,,Zeitschrift&#8220; und ,,Buch&#8220; steht damit ein \u00e4hnliches Schicksal bevor, wie den Bezeichnungen ,,Post&#8220; oder ,,Dokument&#8220;, die in der neuen, digitalen Umgebung nur einen Teil des alten Sinns bewahren. Vermutlich werden einzelne Funktionen ganz aus dem alten Rahmen herausbrechen. Umfangreiche Bibliographien, die augenblicklich veraltern, zu drucken, ist im Zeitalter online verf\u00fcgbarer Ressourcen obsolet. Und doch behalten viele quarzgesteuerte Uhren ein analoges Ziffernblatt. Toningenieure sorgen daf\u00fcr, da\u00df in Luxuslimousinen ein akustisches Umfeld erzeugt wird, das die Kundenw\u00fcnsche erf\u00fcllt. Webseiten ahmen die Raumaufteilung von Bibliotheken nach. Textverarbeitungsprogramme w\u00e4hlen als Logo F\u00fcllfeder und Tintenfa\u00df. Eine ehrenwerte Funktion des sogenannten ,,kulturellen Erbes&#8220; besteht darin, f\u00fcr Umdeutungen zur Verf\u00fcgung zu stehen. Dabei mu\u00df es zu Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten kommen. Erstaunlich; es lohnt sich, neugierig zu bleiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herbert Hrachovec: Elektronische Journale: Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten im Wissenschaftsbetrieb Publizieren online erzeugt bemerkenswerte Widerspr\u00fcche. 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