{"id":77,"date":"2014-02-25T13:16:17","date_gmt":"2014-02-25T13:16:17","guid":{"rendered":"http:\/\/hrachovec.philo.at\/?page_id=77"},"modified":"2014-02-25T13:16:17","modified_gmt":"2014-02-25T13:16:17","slug":"zwischenstationen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrachovec.philo.at\/?page_id=77","title":{"rendered":"Zwischenstationen"},"content":{"rendered":"<p class=\"p\"><em>Erschienen als: Zwischenstationen in: Webfictions. Zerstreute Anwesenheiten in<br \/>elektronischen Netzen. (Hrsgg. von Manfred Fa\u00dfler, Ursula Hentschl\u00e4ger, Zelko Wiener). Wien 2003. S. 162-167<\/em><\/p>\n<p class=\"p\">Ursula Hentschl\u00e4ger und Zelko Wiener in einer email &#8211; Korrespondenz mit<br \/>Herbert Hrachovec, Dezember 2001 &#8211; Berlin : Wien<\/p>\n<p>W+H: Sie z\u00e4hlen zu den wenigen Philosophen, die sich bereits seit langer<br \/>Zeit mit Kunst und mit neuen Medien besch\u00e4ftigen. Seit wann arbeiten Sie<br \/>mit dem Netz und warum?<\/p>\n<p class=\"p\">HH: Begonnen hat es etwa 1993\/94. Ich kam damals von einem Jahr im<br \/>Wissenschaftskolleg Berlin zur\u00fcck nach Wien und stellte fest, da\u00df mein<br \/>Computer im B\u00fcro ein neues Kabel aufwies. Das war noch die Zeit vor dem WWW<br \/>und Graphikdateien konnte man zwar schon gut transportieren, aber in der<br \/>Regel nur am eigenen Ger\u00e4t anzeigen und bearbeiten. Noch herrschten Smileys<br \/>und ASCII-Art und ich mu\u00df gestehen, da\u00df mich der asketische Reiz dieser<br \/>Zust\u00e4nde wohl unwiderruflich gepr\u00e4gt hat. Ich zucke bei Flash-Seiten noch<br \/>immer leicht zusammen. Das pa\u00dft ja auch zu deren Namen \ud83d\ude42<\/p>\n<p>W+H: Seit wann und warum bespielen Sie ihre eigene Domain?<\/p>\n<p class=\"p\">HH: Das ist zwei Jahre her und war ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Ich habe mich<br \/>ab 1996 mit Linux vertraut gemacht und voller Staunen entdeckt, da\u00df man<br \/>damit &#8211; nach einer anf\u00e4nglich sehr steilen Lernkurve &#8211; kostenlosen und gut<br \/>dokumentierten Zugang zu allen wichtigen Diensten des Internets erh\u00e4lt,<br \/>darunter f\u00e4llt auch &#8222;bind&#8220;, jenes Programm, das im Prinzip die Adressen-<br \/>Aufl\u00f6sung im Netz bewerkstelligt. Ein sogenannter &#8222;nameserver&#8220; gestattet<br \/>die Einrichtung von &#8222;domains&#8220; und ist auf Linux relativ einfach zu<br \/>installieren. Als ich soweit war, recherchierte ich, ob &#8222;philosophie.at&#8220;<br \/>noch frei war. Das war der Fall&nbsp; &#8211; und ich machte den Fehler, drei Wochen<br \/>zu warten. Danach war der Name bereits vergeben und ich wechselte auf<br \/>&#8222;philo.at&#8220;. Ist auch angenehm kurz; auf der anderen Adresse findet sich<br \/>derzeit eine Gemischtwarenhandlung.<\/p>\n<p>W+H: Was steht aktuell im Zentrum Ihrer Arbeit?<\/p>\n<p class=\"p\">HH: Im Moment habe ich eine Reihe meiner verschiedenen Web-Initiativen auf<br \/>ein open source &#8222;Content Managment System&#8220; umgestellt. Aus philosophischer<br \/>Sicht ist es mir nicht recht, aber die Entwicklungsgeschwindigkeit im WWW<br \/>verlangt verwaltungstechnisch den Einsatz von Datenbanken, dynamischer HTML-<br \/>Generierung und die interaktive Einbindung der Benutzerinnen und Benutzer.<br \/>Es reicht auch f\u00fcr den akademischen Anbieter nicht mehr, schlichte HTML-<br \/>Seiten zu verfassen, zumindest nicht, wenn er im Wettrennen um die<br \/>Aufmerksamkeit mitspielen will. Diesen Anspruch m\u00f6chte ich zumindest mit<br \/>einigen meiner Projekte erheben. Ich nenne drei: ein kleines Portal zur<br \/>Dokumentation innovativer Lehre am Institut f\u00fcr Philosophie<br \/>(http:\/\/innovation.philo.at), ein Archiv elektronisch zug\u00e4nglicher<br \/>philosophischer Texte, beginnend mit Diplomarbeiten und Dissertationen am<br \/>Institut (http:\/\/eprints.philo.at) und eine philosophische Audiothek<br \/>(http:\/\/audiothek.philo.at).&nbsp;<\/p>\n<p>W+H: Das Web besteht aus vielen einzelnen und z.T. voneinander abgegrenzten&nbsp;Eigenwelten. Welche Community erachten Sie diesbez\u00fcglich als massgeblich?<\/p>\n<p class=\"p\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"p\">HH: Es ist schwer zu sehen, da\u00df es eine Community g\u00e4be, die sich als<br \/>Standard bezeichnen lie\u00dfe. Abgesehen von den zahllosen Interessens- und<br \/>Themengruppen, die sich entwickelt haben und die eher unverbunden friedlich<br \/>koexistieren, w\u00fcrde ich am ehesten an die Grobgliederung entsprechend<br \/>gewisser technischer Vorgaben denken: die Anh\u00e4nger des Internet Explorers,<br \/>die Netscapeisten, die Google-Gemeinde, die Webmailer etc. Aber das sind<br \/>nat\u00fcrlich keine Communities, sowenig wie die<br \/>Autofahrerinnen, die alle gemeinsam im Stau stecken.<\/p>\n<p>W+H: Es kommt im Web zunehmend zu Hybriden von Magazinen, Kunstsammlungen und Ausstellungsr\u00e4umen und auch zu einer Vermischung der Berufe. Als K\u00fcnstlerInnen werden Veranstaltungen gemacht, TheoretikerInnen arbeiten als K\u00fcnstlerInnen, VeranstalterInnen werden zu&nbsp; TheoretikerInnen usw. Was halten Sie davon?<\/p>\n<p class=\"p\">HH: Gestern habe ich mein Projektseminar damit begonnen, da\u00df ich die<br \/>Teilnehmerinnen so begr\u00fc\u00dfte: &#8222;Guten Tag bei der Redaktionskonferenz. Wir<br \/>m\u00fcssen in den n\u00e4chsten 2 Stunden eine viertelst\u00fcndige Rundfunksendung<br \/>machen. Ich bitte um Vorschl\u00e4ge.&#8220; Zugegeben, es ist ein Seminar, das sich<br \/>mit Radio besch\u00e4ftigt, dennoch war die Verbl\u00fcffung gro\u00df. Und am Ende hatten<br \/>wir die Sache tats\u00e4chlich produziert. Die Studierenden fungierten als<br \/>Interviewer, Technikerinnen, Moderatorinnen und recherchierten. Diese<br \/>Multiplizit\u00e4t hat etwas atemberaubendes und kann auch schwer danebengehen.<br \/>Aber sie bringt Fronten durcheinander, die das Verst\u00e4ndnis der neuen<br \/>Kommunikationssituation blockieren.<\/p>\n<p>W+H: Welche Erfahrungen gibt es in der Zusammenf\u00fchrung von Kunst und<br \/>Wissenschaft?<\/p>\n<p class=\"p\">HH: Jetzt k\u00f6nnte man gleich weitermachen und dar\u00fcber reden, da\u00df gerade auch<br \/>die Front zwischen Kunst und Wissenschaft beseitigt wird. Da w\u00fcrde ich aber<br \/>doch lieber beim Durcheinanderbringen bleiben, als beim Zusammenf\u00fchren. Da\u00df<br \/>diese Bereiche im neuen Medium \u00fcberraschend aufeinandertreffen, ist keine<br \/>Frage. Aber die Tatsache, da\u00df ich ein Graphikprogramm bedienen kann, das<br \/>mir ehemals unerh\u00f6rte Eingriffe in visuelles Material gestattet, macht aus<br \/>mir noch keinen K\u00fcnstler. Wenn ich einen Reifen wechsle, bin ich noch kein<br \/>Automechaniker. Ich schreibe immer wieder Katalogbeitr\u00e4ge und dabei ist die<br \/>erste Bewegung oft, den Produzenten deutlich zu machen, da\u00df ich kein<br \/>Lautsprecher f\u00fcr ihre Gedanken bin, sondern eine Begegnung von au\u00dfen.&nbsp;&nbsp; &nbsp;<\/p>\n<p>W+H: Wie bedeutsam ist der Zusammenhang von Kunst und Theorie an sich?<\/p>\n<p class=\"p\">HH: An diese Frage kann man sehr unterschiedlich herangehen. Eine wichtige<br \/>Entscheidung besteht darin, ob man die beiden Bereiche als prinzipiell<br \/>voneinander getrennt sieht, oder die Trennung als \u00fcberholt betrachtet. Im<br \/>ersten Fall ergibt sich dann die M\u00f6glichkeit, mannigfaltige Parallelen und<br \/>Beziehungen aufzubauen; im zweiten Fall wird in der Regel mit<br \/>\u00fcberraschenden, hybriden Konstrukten operiert. Auf der einen Seite stehen<br \/>etwa Gilles Deleuze oder Stanley Cavell, auf der anderen Paul Feyerabend<br \/>oder Oswald Wiener. Die Bedeutsamkeit des Zusammenhangs von Kunst und<br \/>Theorie stellt sich dementsprechend unterschiedlich dar. Nehmen wir<br \/>&#8222;\u00d6sterreich-Ungarn&#8220;. Als eine M\u00f6glichkeit bietet sich an, zwei Staaten<br \/>anzunehmen und ihre Verbindungen zu erforschen. Die Alternative w\u00e4re,<br \/>gemeinsame historische Erfahrung vorauszusetzen und die Staaten als deren<br \/>Ausgestaltung zu fassen. So, wie wir aus dem Geschichtsunterricht auf<br \/>Nationalit\u00e4ten trainiert sind, verh\u00e4lt es sich auch in der Aufteilung des<br \/>gesellschaftlichen Feldes in Kunst, Theorie, Politik etc. &#8222;An sich&#8220; kann<br \/>ich dazu nichts sagen, es sei denn, darauf hinzuweisen, da\u00df man sich das<br \/>betreffende Verh\u00e4ltnis jeweils sehr genau ansehen mu\u00df. Und um eine konkrete<br \/>Position anzugeben: Ken Goldbergs Installation &#8222;Telegarden&#8220; im Ars<br \/>Electronica Center Linz ist ein sch\u00f6nes Beispiel f\u00fcr die Multiplizit\u00e4t, mit<br \/>der man hier zu rechnen hat. Sie verwirklicht einen techno-theatralischen<br \/>Raum und provoziert eine neue philosophische Subdisziplin, die Tele-<br \/>Epistemologie. Das ist mehr als eine \u00dcberschneidung. Das Projekt erschlie\u00dft<br \/>gleichzeitig \u00e4sthetische und theoretische Dimensionen. Ich w\u00fcrde dennoch<br \/>dazu raten, vorsichtshalber bei der Trennung zu beginnen. Es gibt zu viele<br \/>unausgegorene Mischwesen in diesem Gebiet.<\/p>\n<p>W+H: K\u00f6nnen Institutionen grunds\u00e4tzlich mit Experimentierfreudigkeit<br \/>umgehen, bzw. sie f\u00f6rdern?<\/p>\n<p class=\"p\">HH: Der institutionelle Bereich, den ich \u00fcberblicken kann, l\u00e4\u00dft eigentlich<br \/>viel Spielraum f\u00fcr Experimente. Schon alleine deshalb, weil es ka<br \/>\num mehr<br \/>kostet, ob man im Universit\u00e4tsnetz E-Mails abfragt oder einen Nameserver<br \/>betreibt. Die Hindernisse liegen eher bei den Personen, von denen man nicht<br \/>verlangen kann, da\u00df sie jahrzehntelange Gewohnheiten schnell aufgeben.<br \/>Allerdings ist zu bemerken, da\u00df es zunehmend Bestrebungen gibt, die<br \/>elektronische Dimension ganz in den alten Gesetzesrahmen zur\u00fcckzubiegen.<br \/>Ich hatte letzte Woche einen E-Mail-Austausch mit Hubert Dreyfus aus<br \/>Berkeley. Er nimmt seine Vorlesung auf und stellt sie als mp3-Dokumente zur<br \/>Verf\u00fcgung. Ich fragte ihn, ob ich in der Audiothek davon einen &#8222;mirror&#8220;<br \/>machen k\u00f6nne. Seine Antwort: Von ihm aus gerne, nur mu\u00df er bei der<br \/>Universit\u00e4tsleitung nachfragen, ob das gestattet ist. Ob ihm seine eigenen<br \/>Vorlesungen geh\u00f6ren! Die revolution\u00e4ren M\u00f6glichkeiten der<br \/>Informations\u00fcbertragung provozieren Bef\u00fcrchtungen, die fr\u00fcher niemand<br \/>\u00fcberhaupt haben konnte.<\/p>\n<p>W+H: Inwieweit sind Theorien \/ Modelle an sich hilfreich?<\/p>\n<p class=\"p\">HH: Ich komme auf den oben erw\u00e4hnten Telegarten und meine Warnung vor<br \/>&#8222;Mischwesen&#8220; zur\u00fcck. Auf den ersten Blick hat eine Webinstallation nichts<br \/>mit erkenntnistheoretischen Fragen zu tun. Musiker, die im Konzertsaal<br \/>herummarschieren, produzieren einen neuen Wahrnehmungsraum f\u00fcr Musik und<br \/>\u00e4hnlich verh\u00e4lt es sich mit der Fernbedienung von Ger\u00e4ten zum<br \/>Pflanzenwachstum. Die Frage, unter welchen Bedingungen wir gesicherte<br \/>Erkenntnis aufbauen, ist davon weit entfernt. Man kann das Subjekt-Objekt-<br \/>Verh\u00e4ltnis nat\u00fcrlich, quasi als Katalogbeitrag, als Hintergrund f\u00fcr die<br \/>Erforschung interaktiver Prozesse im Web herbeizitieren, aber das ist ein<br \/>schwacher Sinn von &#8222;hilfreich&#8220;. Die Inspiration des Telegartens liegt<br \/>darin, da\u00df eine Idee in beide Richtungen wirkt, in den Bereich der Kunst<br \/>und der Theorie. Um das richtig auskosten zu k\u00f6nnen, mu\u00df man die&nbsp; &#8211;<br \/>unterschiedlichen &#8211; Regeln beider Bereiche kennen. Eine theoretische<br \/>Stellungnahme w\u00e4re etwa, da\u00df Wissen&nbsp; in diesem Fall prim\u00e4r Kompetenz im<br \/>Umgang mit den Komponenten ist. Diese Demonstration ist hilfreich in einem<br \/>weniger praktischen Sinn. Sie erlaubt es, das Kunstprodukt als Denkmittel<br \/>gegen traditionelle Theorien einzusetzen und umgekehrt, an einem Experiment<br \/>in Telekommunikation zus\u00e4tzliche Dimensionen zu bemerken.<\/p>\n<p>W+H: Wo liegt die grosse Herausforderung an theoretischer Arbeit im Web?<\/p>\n<p class=\"p\">HH: Darin, da\u00df wir nur das Modell der Buchkultur kennen, das im Online<br \/>Bereich nur sehr beschr\u00e4nkt gilt. Theoretische Arbeit ist von<br \/>Einzelpersonen getragen worden, hin und wieder von lokalen Arbeitsgruppen.<br \/>Dann traf man sich auf Kongressen und Tagungen, um die Ergebnisse<br \/>auszutauschen, von denen man durch B\u00fccher und Zeitschriften Kenntnis<br \/>bekommen hatte. Heute ist es m\u00f6glich, weltweit vernetzt in Echtzeit zu<br \/>kooperieren. Ein Kollege in Karlsruhe schreibt das Programm, in das ich<br \/>meine Kommentare zu Nachla\u00dfmanuskript 115 von Ludwig Wittgenstein, das in<br \/>Bergen, Norwegen am Server liegt, einf\u00fcge. Nat\u00fcrlich \u00e4ndert sich damit der<br \/>ganze Duktus der Gedankenf\u00fchrung. Statt Fu\u00dfnoten setzt man Hyperlinks, die<br \/>wiederum blo\u00df semistabil sind. Wenn wir einmal \u00fcber die Phase hinaus sind,<br \/>in der wir die Kolleginnen (m\/w) mit Gadgets verbl\u00fcffen, wird sich die<br \/>Wissenslandschaft nachhaltig \u00e4ndern.<\/p>\n<p>W+H: Wie ver\u00e4ndern sich die Wahrnehmungsmuster?<\/p>\n<p class=\"p\">HH: Sagen wir einmal so: ein Tafelbild, eine Radierung, eine Buchseite und<br \/>ein Streichquartett erhalten einen ganz besonderen Reiz. Das ist ein<br \/>Proze\u00df, den man bewu\u00dft mitmachen und genie\u00dfen kann. Auff\u00e4lliger ist<br \/>nat\u00fcrlich die andere Seite, die Mutationen, die \u00fcber die Konsumenten<br \/>kommen. Also z.B. was mit einem geschieht, der im Handumdrehen auf Inhalte<br \/>antworten kann, damit aber auch einer bedeutenden Belastung der<br \/>Urteilskraft ausgesetzt ist. Oder der uns\u00e4gliche Zwischenzustand, wenn ein<br \/>Browser eine Seite von jenseits des Atlantiks l\u00e4dt. Diese Mischung zwischen<br \/>unfa\u00dfbarer Neuerung und der beinahe schon wieder absch\u00e4tzigen Beurteilung<br \/>von langen Ladezeiten.<\/p>\n<p>W+H: Wie k\u00f6nnen Sie sich eine aktuelle Medientheorie vorstellen?<\/p>\n<p class=\"p\">HH: Schlecht. Sowohl auf der technischen, als auch auf der \u00f6konomischen Seite<br \/>ist derartig viel im Umbruch, da\u00df eine theoretische Erfassung st\u00e4ndig davon<br \/>irritiert werden mu\u00df. Zum Beispiel r\u00fcckt durch die gegenw\u00e4rtige Entwicklung<br \/>der Funktechnologie die Bedienung des Garagentors und die Versendung einer<br \/>E-Mail, was den Datentransfer betrifft, eng zusammen. Telefon \u00fcber das<br \/>Internet oder voll digitalisierte Radiostationen \u00fcber webcast sind andere<br \/>Illustrationen. Es ist im Moment ausgesprochen schwer, einigerma\u00dfen nahe an<br \/>den Fakten zu bleiben und&nbsp; dabei auch einen \u00dcberblick zu behalten. Nicht<br \/>umsonst ist der Schwerpunkt der meisten Arbeiten zur Medientheorie entweder<br \/>historisch oder abstraktiv. Damit meine ich: zwar theoretisch, aber nicht<br \/>aus einer Bew\u00e4hrung gedanklicher Impulse am turbulent verlaufenden<br \/>Fortschritt hervorgegangen. Es&nbsp; gibt zur Zeit weltweit etwa f\u00fcnf nach<br \/>meinen Standards theoretisch akzeptable B\u00fccher \u00fcber das Mobiltelefon. Wenn<br \/>man bedenkt, wie lange es gedauert hat, bis Elektrizit\u00e4t oder das Automobil<br \/>als theoretische Herausforderung erkannt wurden, ist das ein tolles Tempo.<br \/>Gleichzeitig ist aber deutlich, da\u00df es sich nur um Zwischenstationen<br \/>handeln kann. Einer bestimmten Gattung der Medientheorie wird es nicht<br \/>anders ergehen, als den Telekommunikations-Gesellschaften: sie sind akut<br \/>gef\u00e4hrdet, im rapiden Umbruch ihren Kredit zu verlieren. Philosophinnen (um<br \/>das Stereotyp zu bem\u00fchen) sichern sich gegen solche Eventualit\u00e4ten dadurch<br \/>ab, da\u00df sie in vorsichtiger Distanz zur Tagespolitik bleiben. Das ist<br \/>vermutlich unter diesen Umst\u00e4nden keine schlechte Option. Die Ans\u00e4tze von<br \/>Martin Seel gefallen mir in diesem Zusammenhang gut. (&#8222;Bestimmen und<br \/>Bestimmenlassen. Anf\u00e4nge einer medialen Erkenntnistheorie&#8220;. Deutsche<br \/>Zeitschrift f\u00fcr Philosophie 46 (1998). S. 351ff).<\/p>\n<p>W+H: Welche eigenen theoretischen \u00dcberlegungen resultieren aus dieser<br \/>Auseinandersetzung?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"p\">HH: Wie die Fragen zeigen, \u00fcber die wir uns hier unterhalten haben, besteht<br \/>ein starkes Interesse daran, Orientierungspunkte zu finden, die es<br \/>gestatten, durch digitale Innovationen durcheinandergewirbelte Bereiche wie<br \/>Kunst, Konsum und Theorie einigerma\u00dfen zu re-organisieren. Das steht im<br \/>Zeichen schwer prognostizierbarer Produktentwicklungen, massiver<br \/>\u00f6konomischer Interventionen und der sozial-politischen Risikoformationen,<br \/>welche die Globalisierung mit sich bringt. Es gibt Theoretikerinnen (m\/w),<br \/>die f\u00fcr diese Aufgaben griffige Worte gefunden haben (&#8222;Gutenberggalaxis&#8220;,<br \/>&#8222;Agonie des Realen&#8220;, &#8222;Rasender Stillstand&#8220;, &#8222;Turbokapitalismus&#8220;). Die<br \/>Lekt\u00fcre der betreffenden Traktate l\u00e4\u00dft mich allerdings schnell unbefriedigt.<\/p>\n<p class=\"p\">Ihr Ablaufdatum ist zu offensichtlich. Um Boden unter die F\u00fc\u00dfe zu bekommen,<\/p>\n<p class=\"p\">schlage ich vor, solche gro\u00dffl\u00e4chigen Perspektiven an den Apparaten zu erden, die<br \/>zu ihnen Anla\u00df geben. Wir sind in einer Epoche, in der nicht die phantasie-<br \/>geleitete Spekulation, sondern die Technik atemberaubende Aussichten<br \/>bietet. Die theoretische Neugierde wird in diesem Fall ein Auskundschaften<br \/>von Programmen, \u00dcbertragungsmodalit\u00e4ten und Kontrollmechanismen. Wenn ich<br \/>mir vorstelle, was ein Software-Virus leistet und anrichtet, stelle ich<br \/>fest, da\u00df ich mindestens ein halbes Jahr brauchen w\u00fcrde, um diese Abl\u00e4ufe<br \/>philosophisch auch nur zufriedenstellend zu thematisieren: das Schreiben<br \/>als Tun, das Schreiben als Technik, der \u00dcbertragungsrahmen als Gefahr, die<br \/>Ritualisierung, der Schleier der Unwissenheit, das Verh\u00e4ltnis von<br \/>Kommunikationsbedingungen und Kommunikationsgehalt etc. Das Programm lautet<br \/>also: Hand anlegen und gen\u00fcgend Zeit behalten, sich \u00fcber die Ergebnisse<br \/>Gedanken zu machen. Hilfsprogramme k\u00f6nnen \u00fcberpr\u00fcfen, da\u00df Hyperlinks<br \/>\n auf<br \/>einer Webseite alle funktionieren. Sie k\u00f6nnen nicht verhindern, da\u00df ein<br \/>funktionierender Link auf eine falsche Adresse verweist. Das eine ist die<br \/>korrekt notierte Verbindung, das andere die Frage, wohin sie gehen soll. Es<br \/>ist verlockend, die Verweisautomatik auf die Zieladresse fortzuschreiben.<br \/>Aber das Bestehen einer Verbindung ist kein Grund daf\u00fcr, am betreffenden<br \/>Ort zu sein. &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp;&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erschienen als: Zwischenstationen in: Webfictions. Zerstreute Anwesenheiten inelektronischen Netzen. (Hrsgg. von Manfred Fa\u00dfler, Ursula Hentschl\u00e4ger, Zelko Wiener). Wien 2003. S. 162-167 Ursula Hentschl\u00e4ger und Zelko Wiener in einer email &#8211; Korrespondenz mitHerbert Hrachovec, Dezember 2001 &#8211; Berlin : Wien W+H: Sie z\u00e4hlen zu den wenigen Philosophen, die sich bereits seit langerZeit mit Kunst und mit&hellip; <a class=\"read-more\" href=\"https:\/\/hrachovec.philo.at\/?page_id=77\">Read More<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"class_list":["post-77","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hrachovec.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/77","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hrachovec.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/hrachovec.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hrachovec.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hrachovec.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=77"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hrachovec.philo.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/77\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hrachovec.philo.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=77"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}