{"id":78,"date":"2014-02-25T13:19:09","date_gmt":"2014-02-25T13:19:09","guid":{"rendered":"http:\/\/hrachovec.philo.at\/?page_id=78"},"modified":"2014-02-25T13:19:09","modified_gmt":"2014-02-25T13:19:09","slug":"schonheit-und-schrammen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrachovec.philo.at\/?page_id=78","title":{"rendered":"Sch\u00f6nheit und Schrammen"},"content":{"rendered":"<h4 class=\"heading\" style=\"font-size: 14px;\">Der folgende Text wurde f\u00fcr eine Radiosendung zu Olivier Messiaen f\u00fcr den ORF1 geschrieben, allerdings nicht gesendet.<\/h4>\n<p class=\"p\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"p\">Begriffe sind wie Schubladen, das hat man oft gesagt. Genauer w\u00e4re: ein Begriff ist wie ein Kasten oder Schreibtisch mit mehreren F\u00e4chern, die eine Anzahl verschiedener M\u00f6glichkeiten bieten, Dinge abzulegen. Ganz alte Exemplare finden sich anderswo als Neuzug\u00e4nge. Ich \u00f6ffne eine der untersten Laden des Begriffs &#8222;Sch\u00f6nheit&#8220; und finde die Vorstellung, da\u00df etwas Sch\u00f6nes einfach \u00fcberzeugt, es ist dem Wirrwarr enthoben, auff\u00e4llig und f\u00fcr alle Beteiligten angenehm wahrzunehmen. Ein starkes Bed\u00fcrfnis hat diese Stelle besetzt, n\u00e4mlich der Wunsch nach Zust\u00e4nden, \u00fcber die man sich ohne zu streiten verst\u00e4ndigen und freuen kann. Der Wunsch entspringt einer gesellschaftlichen Situation, aber die Menschen beschreiben Dinge, die sie zu seiner Befriedigung brauchen, mit schw\u00e4rmerischen Worten. Sch\u00f6nheit sei eine Kraft, die uns in ihren Bann schl\u00e4gt und aus dem Alltagstrott in h\u00f6here Gefilde zieht.<\/p>\n<p class=\"p\">Das ist ein ziemlich alter Hut, was soll er unter den Bedingungen unserer liberal-demokratischen Gesellschaftsverfassung? In ihr hat jede und jeder Recht auf den eigenen Geschmack und es steht den Mitgliedern frei, mit anderen \u00fcber ihre Vorlieben zu diskutieren. Vielleicht einigen sich die Experten dann \u00fcber gewisse Standards, dem fr\u00fcheren Bed\u00fcrfnis wird dadurch nicht Gen\u00fcge getan. Das Reizvolle, das f\u00fcr alle gilt, es braucht blo\u00df aufzutreten, das sich selber den Weg in unser Gem\u00fct ebnet, ist unterwegs steckengeblieben. Der Adel, das Erhabene, das Heilige und wie die Wunderdinge alle hei\u00dfen, sind nicht dazu gemacht, um im Konzert der Meinungsvielfalt mitzumischen. Sie erhalten die Rechnung daf\u00fcr pr\u00e4sentiert, da\u00df lange Zeit gesellschaftliche Zw\u00e4nge durch Religion und Kunst verherrlicht worden sind. Heute beginnt Konsens nicht dabei, da\u00df sich die Pracht eines Herren enth\u00fcllt, sondern in einer Gruppe, die sich auf Vorschl\u00e4ge zur Tagesordnung einigt. Das Loblied klingt fast wie der Refrain einer Werbeeinschaltung, &#8222;einfach sch\u00f6n&#8220; wird zum abrufbaren Reflex. Eine \u00c4sthetik des Widerstands formiert sich.<\/p>\n<p class=\"p\">Wo finden absto\u00dfende Ph\u00e4nomene wie das H\u00e4\u00dfliche, das Monstr\u00f6se und die Zerst\u00f6rung ihren Platz in der Begriffskonstruktion &#8222;Sch\u00f6nheit&#8220;? Eine beliebte Strategie bestand darin, sie aus dem Bereich der K\u00fcnste auszuschlie\u00dfen. Es hat auch f\u00fcr die Gegenwart etwas Perverses, sich freiwillig der Durchkreuzung des Harmoniebed\u00fcrfnisses auszusetzen. Dann bleibt die Kunst in einer heilen Welt und das Abnorme bedroht sie st\u00e4ndig von au\u00dfen. Wer der Sch\u00f6nheit mi\u00dftraut, kann sich dann des H\u00e4\u00dflichen als einer Brechstange gegen die Kunst bedienen. Aber der Begriff des Sch\u00f6nen ist nicht so simpel, da\u00df H\u00e4\u00dflichkeit einfach nur aus ihm heraus-f\u00e4llt. In staatlichen Museen h\u00e4ngen sogenannte sch\u00f6ne Bilder von abgetakelten Gestalten und verheerenden Katastrophen. Die sch\u00f6nen K\u00fcnste hatten immer auch Pl\u00e4tze f\u00fcr Garstiges vorgesehen. So simpel l\u00e4\u00dft sich also das Erhabene mit Hilfe dessen Dinge im Auge: die L\u00fcge des sch\u00f6nen Scheins, die von den H\u00e4rten des Lebens und vom demokratischen Proze\u00df ablenkt, zweitens aber die Chance einer neuen, revolutionierten Kunstform. H\u00e4\u00dflichkeit f\u00e4llt aus dem Bereich des Sch\u00f6nen, oder sie ist dem Sch\u00f6nen eingeschrieben, eventuell sogar sein eigentlicher Kern.<\/p>\n<p class=\"p\">Die Kunst dieses Jahrhunderts hat das Geheimnis ihrer Anziehungskraft mit Hilfe des Absto\u00dfenden zu bereichern gesucht. Nicht mehr der Einklang der Sinne, sondern die Dissonanz wurde zur effektivsten \u00dcberzeugungskraft. Ma\u00dfgeblich kann auch das gemeinsam zugelassene und ausgehaltene Entsetzen sein. Diese Entwicklung \u00e4ndert die Regeln f\u00fcr \u00e4sthetische Produktion und Kunstkritik. Heutzutage &#8211; so hei\u00dft es &#8211; kann man bestimmte Harmonien nicht mehr spielen; nur Volksmusik, Kommerz und Ironie erhalten Ausnahmegenehmigungen. Dieser Standpunkt verlangt, da\u00df ernsthafte Werke im Unsch\u00f6nen verbleiben. Der Genu\u00df heftet sich an die Artistik virtuoser Formbeherrschung vor zahlendem Publikum; inhaltlich handelt es sich um schmerzhafte Demonstrationen der Vergeblichkeit des alten Wunsches. Kunst tendiert zur Perfektion der Sinneslust und andererseits zur permanenten Ruhest\u00f6rung. Die beiden Richtungen sind kombinierbar. Viele \u00e4sthetische Produkte bieten perfekte Irritation. Es ist ziemlich schwer geworden, dagegen an unbefangenes Wohlgefallen zu appellieren.<\/p>\n<p class=\"p\">Zur Illustration der Schwierigkeit kann man sich den Spa\u00df erlauben, das klassische Ideal in die Sprache der g\u00e4ngigen Gebrauchspsychologie zu \u00fcbersetzen. Sch\u00f6n k\u00f6nnte in dieser Paraphrase etwas hei\u00dfen, das einen \u00fcberw\u00e4ltigend positiven Eindruck erzeugt. In dieser Formulierung ist ein St\u00fcck der alten Wunschvorstellung aufbewahrt, zugleich klaffen die Welten trotz des vertrauten Tonfalls auseinander. &#8222;Ein positiver Eindruck&#8220; ist unverbindlich und kann auch nach wiederholter Steigerung nicht \u00fcberw\u00e4ltigen. Personen, die Eindr\u00fccke sammeln, werden von ihnen nicht aus der Fassung gebracht, selbst wenn sie es sich w\u00fcnschen sollten. Etwas ganz Gro\u00dfes, das unsere Leben \u00fcberstrahlt, w\u00fcrde auch die peniblen Rechenkunstst\u00fccke ausl\u00f6schen, an denen wir in der Zwischenzeit Gefallen finden. Offenbar ger\u00e4t diese \u00dcberlegung leicht ins reaktion\u00e4re Fahrwasser. Ist eine Gattung wie der Lobgesang davor zu retten?<\/p>\n<p class=\"p\">Er handelt ohne viel Umst\u00e4nde vom Heilbringenden und zwar unter Bedingungen, die alles andere als heilsam sind. Manchmal beschw\u00f6rt er vergangene Glorie herauf, dann wieder tut er so, als ob er sich direkt an gegenw\u00e4rtigen Verh\u00e4ltnissen entz\u00fcnden k\u00f6nnte. Dabei haben weite Kreise die Geduld mit der Sch\u00f6nrednerei verloren. Lobgesang ist ein Minderheitenprogramm, das zu allem \u00dcberflu\u00df auch das Signum ehemaliger Korruption tr\u00e4gt. Dennoch verdient es Aufmerksamkeit. In ihm hat sich ein Motiv erhalten, das mit \u00c4sthetik mehr zu tun hat, als der gesellschaftskritischen Orthodoxie der Intellektuellen geheuer ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"p\">Seine Botschaft lautet: Ja-Sagen ist zugleich einfacher und schwieriger als Nein-Sagen. Positives Denken ist nicht durch Stirnrunzeln ersetzbar; Inspiration bleibt Mangelware, niedermachen k\u00f6nnen wir uns selber. Ich will keinen Lobgesang des Lobgesanges anstimmen, blo\u00df Ordnung in ein paar Schubladen bringen. Dabei finde ich, da\u00df viele vorbildliche H\u00e4\u00dflichkeiten kein anderes Ziel verfolgen, als die anerkannten sinnlichen Annehmlichkeiten, gegen die sie ins Feld ziehen. Sie wollen auftreten, wahrgenommen werden und siegen. Auch Schockwerte nehmen diese \u00e4sthetische Grunderfahrung in Anspruch. Dann wird wohl auch in manchen F\u00e4llen altmodische Sch\u00f6nheit passen. Oder noch besser: Jubelkl\u00e4nge und Mi\u00dft\u00f6ne sollen die Sache untereinander regeln.<\/p>\n<p class=\"p\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"p\"><span style=\"font-size: medium;\"><strong>\u00a9 Herbert Hrachovec<\/strong><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der folgende Text wurde f\u00fcr eine Radiosendung zu Olivier Messiaen f\u00fcr den ORF1 geschrieben, allerdings nicht gesendet. &nbsp; Begriffe sind wie Schubladen, das hat man oft gesagt. Genauer w\u00e4re: ein Begriff ist wie ein Kasten oder Schreibtisch mit mehreren F\u00e4chern, die eine Anzahl verschiedener M\u00f6glichkeiten bieten, Dinge abzulegen. 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