Herbert Hrachovec: Muß Dasein essen?

In vielen religiösen und philosophischen Verhaltensweisen manifestiert sich ein tiefer Wunsch: der Mensch soll nicht (mehr) essen müssen. Oder sich zumindest auf ,,reine“ Speisen beschränken, wie das ,,Brot des Lebens“. Auch Atheisten sind nicht ausgenommen. ,,Ganz anders interessiert mich eine Frage, an der mehr das ,Heil der Meschheit` hängt, als an irgend einer Theologen-Curiosität: die Frage der Ernährung.“ (F. Nietzsche) Die Hypothek: ,,In der Tat, ich habe bis zu meinen reifsten Jahren immer nur schlecht gegessen …“ ,,… bei mir schwebt der Geist über dem Wasser …“. Die deutsche Küche ist für Friedrich Nietzsche gedankenfeindlich, unförmig, dickflüssig. Ein freier Geist tut gut daran, ihr zu entsagen.

Rindfleisch als Risikomaterial, mit Antibiotika angereichertes Schweinefleisch, genetisch verändertes Gemüse — die Skepsis gegenüber Nahrungsmitteln ist hochaktuell. In ihr triumphiert der Geist über den Körper. Der Brocken bleibt den Essenden nicht unwillkürlich im Hals stecken, sondern weil sie in eine Zukunft sehen, in der die sogenannten Lebensmittel verwendet werden, um Menschen in Abhängigkeit zu halten, zu manipulieren und sogar zu vergiften. Der theoretische Impuls bietet Hilfe zum Hungerstreik. Biologische Systeme hängen vom Stoffwechsel ab, der Mensch jedoch — Heidegger bezeichnet ihn als ,,Dasein“ — kann sich enthalten. Dasein muß nicht essen.

Die Formel steht dafür, daß Personen in der Lage sind ihrem Körper den Gehorsam aufzukündigen. Das ist sozusagen ein Revanchefoul; allzu oft ist es umgekehrt: der Körper kündigt der Person seinen Gehorsam auf. Die Attraktivität der Askese besteht darin, die Macht des selbstbewußten Willens über die Biomasse zu zelebrieren. Allerdings ist das auch nicht immer gesund und im Extremfall tödlich. Die philosophische Fachliteratur ist im Augenblick voll von Publikationen, welche die Leibfeindlichkeit verdammen. Allerorten werden Residuen des Platonismus aufgestöbert; der Geist hat keinen Vorsprung vor dem Körper; ,,embodiment“ ist zum Schlagwort geworden. Das Argument scheint unangreifbar: die Körperlichkeit (Geschlecht, ethnische Zuordnung, Ernährung …) wirkt bis in die abstraktesten menschlichen Tätigkeiten. Auch wenn es ,,Daseinsvollzüge“ sind, bedürfen sie der Nahrung. Dasein muß essen.

Von Wittgenstein ist als Bonmot überliefert, er habe auf die Frage nach seinen kulinarischen Vorlieben geantwortet: ,,Mir ist egal, was ich esse, solange es immer dasselbe ist.“ Das paßt zum Klischee des weltfremden, körperfeindlichen Denkers. Die gegenwärtige Aufregung über die Fleischproduktion zeigt allerdings sehr deutlich, daß unter Umständen das Essen selbst den Körper in Gefahr bringt. Lang genug sind Einsiedler und idealistische Philosophen aggressiv und/oder mitleidig betrachtet worden, weil sie die Herrschaft des Gedankens über das Gekochte festgehalten haben. Sie lassen sich nicht mehr so leicht abwimmeln. Die sozio-ökonomischen Verhältnisse, die zur Verbreitung von Krankheitserregern und Tierseuchen führen, sind alles andere als naturgegeben. Darum ist es berechtigt, der wissenschaftlich-technischen Nahrungsmittelproduktion den trotzigen Hinweis entgegenzusetzen, daß ,,der Mensch“ diesen ganzen Zauber eigentlich nicht braucht.

Also was jetzt, muß das Dasein essen oder nicht? Es ist ja schön und gut, das Thema hin und her zu wenden, am Ende sollte aber eine klare Antwort stehen. — Nicht unbedingt. Warum muß man sich auf eine Seite festnageln lassen? Genau besehen lenkt die Titelfrage die Aufmerksamkeit gerade auf diesen Punkt. In einer Hinsicht ist es absurd, die Notwendigkeit des Essens in Frage zu stellen; andererseits unterscheiden wir uns vom Rest der Tierwelt dadurch, daß wir absurde Fragen stellen können. Der vollständige Verzicht auf Nahrungsmittel ist das Limit, von dem aus partielle Verweigerung denkbar ist.

Der Beitrag des Konsumentenschutzverbandes zum Verhältnis von Geist und Körper ist die Überprüfung des Nahrungsmittelangebotes. Der christliche Glaube legt den Akzent auf geheiligtes Essen. Philosophie riskiert Unsinn, um Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen. Eine Warnung ist allen drei Zugangsweisen gemeinsam: Achtung, bevor Du etwas in den Mund nimmst! Das gilt, in ausgleichender Gerechtigkeit, für Rindschnitzel und Aussagesätze.

Appendix

Der Titel zitiert den Vortrag eines jungen kroatischen Philosophen, Hrovje Juric. Er sprach im März auf einem Workshop in Dubrovnik über das Verhältnis von Martin Heidegger und Hans Jonas. (Das Referat ist als Tondokument erhältlich: http://audiothek.philo.at/kongresse/kn)