Eine Diskussionsvorlage zum Tele-Seminar “Rassismus und Philosophie” Sommersemester 2000.

 

Diskriminierung, neutral

 Die Kärntner Sprechweise unterscheidet sich von anderen österreichischen Dialekten. In zahlreichen ausländerfeindlichen Äußerungen klingt diese Mundart mit. Ein solcher Ton erregt bei Gegnern der freiheitlichen Ausländerpolitik tiefes Unbehagen.

Die Bewegungsabläufe von Schwarzen unterscheiden sich von jenen der österreichischen Bevölkerung. Zum Beispiel tanzen sie anders. Ihre Körpersprache irritiert Anhänger der freiheitlichen Ausländerpolitik.

 

Diskriminierung, aggressiv

 Ich kann keine Kärntner mehr hören. Ausgliederung Kärntens aus dem österreichischen Bundesstaat!

Der bewegt sich wie im Urwald. Ausländer raus!

Diskriminierung, unterbunden

 In Österreich werden eine große Zahl unterschiedlicher Dialekte gesprochen. Meist sind sie regional verankert. Mit zunehmender Mobilität verwischen sich die Unterschiede. Den Inhalt eines Satzes berührt die Mundart nicht.

Menschen bewegen sich je nach ihrem Körperbau, der regionale Unterschiede aufweisen kann. Solche Bewegungsarten hängen außerdem mit unterschiedlichen Tätigkeiten und sozialem Status zusammen. Sie sagen keinesfalls etwas über den Wert der Person.

 

Zehn Überlegungen zu Diskriminierungen

 

1 Die unterbundene Diskriminierung sichert den Standard des vernunftgeleiteten, respektvollen Umgangs mit Unterschieden in multi-funktionellen, vielfach geschichteten Gesellschaften. Konfrontiert mit den Differenzen, über die sie empfiehlt, sich hinwegzusetzen, ist das Verfahren eigentümlich hilflos.

2 Der politische Erfolg unterbundener Diskriminierung erklärt sich unter anderem dadurch, daß die aggressive Diskriminierung sich in mehreren wichtigen Punkten als destruktiv und störend für die Entwicklung von Wohlstand erwiesen hat. Haß baut keine Fabriken; die Verfolgung Andersfärbiger erschwert Handelsbeziehungen.

3 Die Funktionsfähigkeit des politischen Regimes der Nicht-Diskriminierung hängt maßgeblich an der kontinuierlichen Verbesserung der Lebensqualität, die es den Beteiligten bietet. Dabei ist zu beachten, daß die überwiegende Mehrheit der Mitglieder einer solchen nicht-diskriminierenden Gesellschaft zufriedengestellt werden müssen. Das ist die Ambition des Ideals: Es spricht von allen Teilnehmerinnen (m/w) am ,,Gesellschaftsvertrag” in gleicher Weise.

4 Offenbar wird jedoch der Fortschritts-Profit in den westlichen Industriegesellschaften zunehmend ungleich verteilt. Unter anderem durch die Auslagerung der Produktion in Länder mit niedrigerem Lohnniveau und durch die Konkurrenz am heimischen Arbeitsmarkt entsteht eine zunehmende Diskrepanz zwischen den Profiteuren der Globalisierung und jenen, die sich um den Anteil am Produktivitätszuwachs gebracht sehen. Sie brechen die Tabus gegen aggressive Diskriminierung, weil sie sich selbst als diskriminiert betrachten.

5 In dieser Situation verfehlt die Berufung auf die Ideale der Nicht-Diskriminierung das spezifische Problem. Zwischen jenem Teil der Bevölkerung, der von der Öffnung der Märkte Gewinn zu erwarten hat, und jenem, der tendentiell darunter leidet, geht der Konsens verloren. Ein Baumeister ist wegen der billigen Arbeitskräfte für die Osterweiterung; ein Mauerer wird sich nicht verpflichtet fühlen, diese Politik mit zu tragen. Aus welchem Grund soll er seine Wut zurückhalten?

6 Diese kurze — und ziemlich laienhafte — politische Orientierung führt zur Frage, woran sich philosophisch motiviertes Eintreten gegen Diskriminierung gegenwärtig halten soll. Einfach der Erfolgsgeschichte der Koalition von Aufklärungsglauben und Expansion der Weltwirtschaft zu folgen, ist eine defensive Strategie. Eine — zugegeben riskante — Alternative wäre der Ansatz bei jenen Unterschieden, von denen das Gleichberechtigungsdenken abstrahiert. Insofern sich dessen Versprechungen faktisch als diskriminierend (zwischen wohlhabend und weniger wohlhabend) herausgestellt haben, könnte es darum gehen, die Logik der Ungleichheit unter die Lupe zu nehmen.

7 Die Untersuchung politisch brisanter Differenzierungen tut gut daran, das Augenmerk auf die neutrale, statt auf die aggressive Diskriminierung zu richten. Im zweiten Fall prallen Positionen aufeinander; im ersten ergibt sich die Möglichkeit, genauer zu diskutieren, wie sich binnengesellschaftliche Unterschiede gefährlich zuspitzen können.

8 Die Beispielsätze zu Beginn erfüllen die Wimmerschen Rassismus-Kriterien. Im Zustand unterbundener Diskriminierung sind sie unerwünscht und gelten als gefährlich. Dennoch handelt es sich um Behauptungen, denen — abstrakt genommen — schwer zu widersprechen ist. Man kann darauf verweisen, daß ,,so etwas” besser nicht öffentlich gesagt wird, weil es leicht zu Mißbrauch führt. Es bleibt ein Faktum, daß der Sachgehalt solcher Aussagen gesellschaftliche Probleme indiziert, denen nicht damit gedient ist, daß die einschlägigen Unterscheidungen um eines höheren Wertes willen einfach übergangen werden.

9 Politisches Leben besteht im Streit unterschiedlicher, semi-konstanter Interesssensvertretungen um die friedliche Verteilung des gesellschaftlich erarbeiteten Mehrwerts. Unbeschadet Jahrhunderte alter Prinzipien ist dieser Prozeß keineswegs hinreichend durchsichtig oder gar abgeschlossen. Tiefgreifende Ungleichheiten, verbunden mit Geschlechtszugehörigkeit, regionaler sowie sozialer Herkunft und Gesundheitszustand, charakterisieren den status quo. Solche Befindlichkeiten werden oft kürzelhaft erfaßt. Konstanten, Klischees und Vorurteile sind Symptome, über die man hinwegsehen kann. Allerdings gehen damit auch wichtige Informationen verloren.

10 Der Antcarinthismus gehört, ebenso wie der Philo-Afrikanismus, zu den Versuchen, sich die Welt mit Hilfe begrenzt verfügbarer Differenzierungsmuster zurechtzulegen. Das gleiche gilt für die Gegenpositionen. Diesen Konflikt durch das Verbot neutraler Diskriminierung zu entschärfen heißt, sich in eine Wunschwelt zu verabschieden. Nicht mehr zwischen körperlich und kulturell verankerten Lebensformen zu unterscheiden und zu werten, weil damit Diskriminierungen verbunden sind, ist ehrenwerte Enthaltsamkeit. Allerdings fehlt ihr ein gewisser Halt. Wie soll das gehen: Für die Andersartigkeit fremder Menschen eintreten und das eigene Körpergewicht ignorieren? 

 

© Herbert Hrachovec

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