Die Überzeugungskraft subtiler theoretischer Erörterungen im öffentlichen
Diskurs ist bescheiden, obwohl allerorten von Vernunft und Fachleuten die
Rede ist. Darin besteht gerade der Irrtum der Intelligenzia: als kämen die
Termini, mit denen sich die Demokraten legitimieren, auf direktem Weg aus
den rationalen Erwägungen im Sinn der gebildeten Elite. Ihre Alibifunktion
im öffentlichen Leben zu durchschauen bedeutet auch, auf die Frage zu
stoßen, welche Bedürfnisse sie befriedigen
Was Rorty dazu sagt, paßt absichtlich nicht gut zusammen. Einerseits nimmt
er die gewagtesten Erkundigungen von Dichtern und Denkern ernst,
andererseits reagiert er mit Beschwichtigung, sobald ein metaphysisches
Motiv im öffentlichen Leben auftaucht. Absolute Wahrheit, reine Kunst und
Menschheit an sich sind ,,foci imaginarii'', Grenzbegriffe, die der
Philosophie nicht zu genauer Prüfung zur Verfügung stehen. ,,Das Setzen von
Grenzbegriffen scheint nichts weiter zu sein als ein Verfahren, uns selbst
zu versichern, ein nicht existierender Gott würde, wenn er existierte, mit
uns zufrieden sein.'' Aber es gilt auch:
Ein focus imaginarius ist dadurch, daß er eine Erfindung und nicht (wie Kant dachte), ein angeborener Zug des menschlichen Geistes ist, um nichts schlechter. Die richtige Anwendung des Slogans ,Wir haben Verpflichtungen gegenüber menschlichen Wesen als solchen' besteht darin, daß wir uns daran erinnern lassen, unser Verständnis von ,uns' so weit als möglich auszudehnen zu versuchen.
Diese Uminterpretation zeigt die Planbruchstelle zwischen Vollkommenheitsstreben und Solidarität. Aufgeklärte Ironiker glauben nicht mehr an die Menschenwürde, aber sie sollen daraus nicht die Konsequenz ziehen, die Vorstellung wäre im öffentlichen Gebrauch nicht nützlich. Also muß der ehemalige Glaube in eine pragmatisch respektable Form transformiert werden. Aus unantastbaren Gesetzen werden produktive Fiktionen unserer Bezugsgruppe. Ich habe auf die entkrampfenden Konsequenzen dieses Schritts hingewiesen, er hat aber auch seine Schwächen. Der vorgeschlagene Ersatz ist nichtssagend, die Deflation der philosophischen Begriffe nimmt ihm jede Brisanz. Rorty sieht das auch so. Die liberale Ironikerin
kann nicht dieselbe Art sozialer Hoffnung anbieten wie Metaphysiker. Sie kann nicht behaupten, daß die Übernahme ihrer Neubeschreibung von Dir oder Deiner Situation Dich besser befähigt, die Kräfte zu besiegen, die gegen Dich aufgetreten sind. In ihrer Sicht ist diese Fähigkeit eine Sache der Waffen und des Glücks, nicht davon, die Wahrheit an Deiner Seite zu haben oder den 'Gang der Geschichte' durchschaut zu haben
Es leuchtet mir nicht ein, wieso man die Politik der tiefen Überzeugungen kampflos den Metaphysikern überlassen soll, noch dazu, wenn man keinen alle menschliche Anstrengungen nivellierenden Pragmatismus vertritt. Hier verfängt sich Rorty in das Raster seiner Schwarz-weiß-Zeichnung. Warum soll es zwischen der Verflüchtigung der alten Glaubensinhalte und der Einrichtung einigermaßen funktionierender gesellschaftlicher Kommunikation nicht eine Palette von Erscheinungsformen geben? Ist diese Annahme nicht realistischer als die kühne Feststellung, zeitgemäße Intellektuelle wären über all das schon hinaus? Dann hätte das Leben im Dualismus zwischen Sorge um das Selbst und Sorge um die Gemeinschaft tatsächlich nicht mehr zu bieten, als die Unvereinbarkeit von Desillusionierung und der Leugnung, daß sie eine wichtige Erfahrung ist.
In Rortys Utopie werden tiefe Bedürfnisse oberflächlich befriedigt. Der Dualismus, den er zur Ehrenrettung des Erhabenen braucht, mündet zuletzt in die freie Konvertibilität aller Beiträge zur Gesellschaftsveränderung. Für Zwischenstufen ist kaum Platz. Philosophie, die einmal Religionsersatz war, soll diese Verbindung ganz hinter sich lassen; Politik soll auf die religiös-philosophischen Schnörksel verzichten, dann träfen beide sich im illusionslosen, kontingenten Freiheitsspielraum, den unsere Geschichte möglich gemacht hat. Inzwischen aber spukt die Metaphysik - gegen Rortys Antizipationen - nicht bloß in einigen Köpfen herum. Dorthin gelangt sie vielmehr als Ausdruck eines weitverbreiteten Bedürfnisses nach Transzendenz und das läßt sich nicht dadurch abtun, daß man den Glaubensverlust im schönsten Licht erscheinen läßt. Er hat seinen Preis. Auch Rortys Pragmatismus haftet noch einen Zug radikaler Aufklärung an, sonst wäre Philosophie als Religionsersatz nicht anstößig. Die Reinheit des säkularisierten Bewußtseins ist ein oberstes Gebot. Doch mit der Ausblendung des metaphysischen Bedürfnisses geht auch der Wert der Geschichte verloren, die zu diesem Vorgang führte. Gewicht erhält die liberal-ironische Selbstverständigung nur dadurch, daß sie metaphysische Themen nicht einfach deplaziert erscheinen läßt. Ironiker, die das Verhältnis zur eigenen, metaphysisch bestimmten, Vorgeschichte verlieren, werden Schöngeister.
Die Leerstelle ist im Berufsbild des Philosophen vorgezeichnet, sie ist der unbesetzte Platz zwischen dem Professor und dem lieben Gott. Ungläubige Akademiker werden bezahlt, um einer im losen Sinn noch immer religiösen Menge Antworten auf letzte Fragen zu geben. Rorty hat völlig recht, daß es zu Zynismus oder zum Kollaps führen muß, die Positionen direkt miteinander ins Gespräch zu bringen. Welche indirekten Verfahren bieten sich an? Mir scheint, nur solche, in denen die Philosophen den Erwartungsdruck, der ihnen entgegengebracht wird, nicht einfach abschütteln. Das heißt allerdings, von der Doktrin des ,,Endes der Philosophie'' abzurücken, die Rorty von Heidegger übernimmt. Nachdem dieser die europäische Tradition des Denkens dazu verwendet hatte, über sie hinauszugehen, wollte er seinen Nachfolgern die Leiter wegziehen. Seine diesbezüglichen programmatischen Erklärungen klingen im Nachhinein sonderbar überspannt. Eine Methode, das Pathos abzubauen, ist Rortys gezielt eingesetzte Oberflächlichkeit. Sie hat den Mangel, das Nachbild ehemaliger Anliegen nur für einen Moment bewahren zu können. Das treibt sie vorwärts zu einer liberalen Utopie, in der Revolutionär und Reformist nicht mehr unterscheidbar sein sollen.
Eine liberale Gesellschaft ist
eine, deren Ideale durch Überredung statt durch Gewalt, durch Reform statt
durch Revolution, durch freie und offene Begegnung gegenwärtiger
sprachlicher und anderer Tätigkeiten erfüllt werden
können.
Dort ist
alles abgebaut, was Anlaß gibt, im Bestehenden zu versuchen, das
Bestehende grundsätzlich in Frage zu stellen. Metaphysik ist eine dubiose
Feierlichkeit. Aber damit ist ein Grenzfall durch einen anderen Grenzfall
ersetzt, dazwischen liegt die Selbstbeschneidung des Denkens und
gesellschaftliche Improvisation. Ich bin bereit, die Trennung von privat
und öffentlich als Ausgangsbedingung gelten zu lassen, aber ich sehe
nicht, warum man dann versuchen soll, die Wurzeln, mit der die
überzeugendsten philosophischen Ansätze der Gegenwart ins vergangene
Jahrhundert zurückreichen, abzuschneiden. So deutlich Rorty Heideggers
fixe Ideen über die abendländische Tradition im Politischen zurückweist,
so unbesehen folgt er ihnen für den Bereich der professionellen
Selbststilisierung. Die Widersprüche der eurozentrischen Zwangsbeglückung
der Welt verschwinden aber nicht dadurch, daß man ihre Erörterung aus der
herrschenden Ideologie als überholt entfernt. Dann reicht es nicht, im
Westen auf Therapie zu gehen und dem Rest der Welt Solidarität anzubieten.
Die innere Verwirrung, die das Bedürfnis erzeugt, Metaphysik möglichst loszuwerden, ist alles andere als eine Privatsache. So wie durch überzogene Geltungsansprüche kann die Philosophie auch durch falsche Bescheidenheit fehlgehen. Metaphysische Blockaden sind Ausdruck gesellschaftlicher Engpässe und lösen sich nicht dadurch auf, daß man das Ende der Philosophie herbeizitiert. Die bleibende Spannung liegt darin, herauszufinden, wie weit die abstrakten Hoffnungen und Verblendungen, die Philosophen mit ihren Mitbürgern teilen, durch begriffliche Arbeit auf ihre Ursachen hin durchsichtig zu machen sind. Das Postulat, daß sie einmal alle verschwinden sollen, ist eine Zugabe. Der Beruf verlangt, nicht einfach mehr an Gott zu glauben, aber auch, in Evidenz zu halten, wie es dazu gekommen ist. In Rortys Terminologie: Metaphysiker und Ironiker sind zwei Seiten einer einzigen Person. Romantik hin oder her, diese Person wird nur dann in Einklang mit sich sein können, wenn es ihr gelingt, den Zwiespalt ihrer aufgeklärten Existenz als einen Zug im weltpolitischen Konfliktraum wiederzuerkennen. Was sie als Geistergeschichten durchschaut hat ist nur von Interesse, wenn die Macht der Gespenster spürbar bleibt. Das Loch, das der Tod Gottes geschlagen hat, ist weder die Stelle seiner Wiederkunft, noch eine Schramme, die schnell verheilt. Es bedarf sachkundiger Pflege, damit es sich nicht entzündet.