Herbert Hrachovec
Man lobt die Hilfsbereitschaft, mit der die burgenländische Bevölkerung Flüchtlinge aufnimmt, die aus der DDR über Ungarn in die BRD wollen. Bis auf Kommentatoren, die zu bedenken geben, daß die Österreicher sehr verschiedenartige Einstellungen zu Flüchtlingen an den Tag legen, je nachdem, ob es sich um Iraner, Türken, Polen oder eben um Ostdeutsche handelt. Solche Hinweise werden instinktiv als ,,überkritisch'' wahrgenommen: kaum daß ,,wir'' etwas Positives vorzuweisen haben, versuchen Skeptiker, es schlecht zu machen. Die Kritiker wiederum, unter Druck, ihre gemeinschaftsstörenden Bemerkungen zu rechtfertigen, berufen sich auf den Gleichheitsgrundsatz, die Menschenrechte oder die Flüchtlingskonvention der UNO, jedenfalls auf allgemeine Prinzipien. An ihnen müßte jedes Verhalten zu messen sein, auf das jemand stolz sein darf. Unverständnis und Aggression zwischen beiden Seiten ist ein wichtiger Zug des öffentlichen Lebens. Obwohl die meisten weltbewegenden Ereignisse lokale, mit irgendeinem Patriotismus einhergehende, Wurzeln zeigen, wehren sich ,,progressive'' Beobachter mit Hilfe von Vergleich und Abstraktion gegen den darin angelegten Chauvinismus.
Richard Rorty bezeichnet sich als
kritischer Liberaler, aber er ist nicht einverstanden mit den Klischees,
in welche die skizzierte Gegenüberstellung ihn drängt.
Eines seiner Beispiele sind die schwarzen Jugendlichen in den Ghettos der
US-amerikanischen Städte.
Nach Kantischen Moralvorstellungen müßten wir
sie als Mitmenschen betrachten, um die sittlichen Verpflichtungen ihnen
gegenüber zu erkennen. Es wären dieselben, die gebieten, Flüchtlingen
abgesehen davon, woher sie kommen, beizustehen. Wenn ein Politiker der
Vereinigten Staaten stattdessen daran appelliert, die Schwarzen nicht in
Stich zu lassen, weil es junge Amerikaner sind, rümpft ein kritischer
Intellektueller die Nase. Die Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes aus
populistischen Gründen scheint offenbar. Mit dieser Partikularisierung
wird augenscheinlich die schlichte Menschlichkeit verlorengegeben, die uns
die Aufklärung als Ideal gezeigt hat. An dieser Stelle bricht Rorty die
progressive Tradition und schlägt vor, das allgemeine Sittengesetz
herunterzuspielen. Er entwirft eine Position, die sich erstens mit
aktuellen Vorurteilen anfreundet, zweitens aber den ideellen Ansprüchen
liberaler Philosophieprofessoren dennoch zu genügen sucht. Sein
Unternehmen betrifft das Selbstverständnis der gesellschaftlich
einflußreichen und dennoch marginalen Gruppe fortschrittlicher
Intellektueller, die Frage, mit welchem Recht sie die Ergebnisse ihrer
kontextübergreifenden, universalisierenden Reflexionen der Befangenheit
des breiten Publikums gegenüberstellt. Ich zeichne Rortys Sicht der Dinge
und gehe dann auf die Motive ein, die mir für sie zu sprechen scheinen.
Ein überzeugter Kantianer allerdings läßt sich auf keinen Handel über den
Wert seiner ,,letztbegründeten'' Prinzipien ein. Ihm gegenüber steht Rorty
im Zwielicht; die Strahlen der Vernunft erhellen das Dunkel der
Verhältnisse, die ihn umgeben, nur unvollkommen. Dazu am Ende mehr.